Hintergrund Warum Sachsen-Anhalt ein digitaler Sitzenbleiber ist

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Deutschland soll digitaler werden. Bund und Länder haben sich schon lange darauf geeinigt, bestimmte Verwaltungsdienstleistungen digital anzubieten: Baugenehmigung, BaföG-Antrag oder Führerschein. Auch Schulzeugnisse sollen digital werden. Dafür ist Sachsen-Anhalts Landesregierung zuständig. Nur: Das Vorhaben scheint gescheitert und das Bundesbildungsministerium macht Druck. Ein Hintergrund-Bericht.

Es ist ein Mittwochvormittag im Juni 2020, als sich Beamte aus mehreren Bundesländern mit der init AG per Telefonkonferenz zu einem Workshop zusammenschalten. Die Runde aus 15 Menschen spricht zweieinhalb Stunden über das digitale Zeugnis. Es geht um Rechtsfragen: Gilt ein digital ausgestelltes Schulzeugnis als Urschrift, Zweitschrift oder beglaubigte Kopie?

Zwei wichtige Fragen werden nicht gestellt

Es sind nicht die ersten Gespräche dieser Art: Schon seit April 2019 wird darüber nachgedacht, wie sich Zeugnisse digital machen lassen. Die Idee dazu leiten die Beamten aus dem Onlinezugangsgesetz ab – einem Gesetz, nach dem die meisten Angebote der deutschen Verwaltungen digital und online zugänglich gemacht werden sollen. Zwei Fragen aber gibt es, die zumindest öffentlich nicht gestellt werden: Ist ein Zeugnis eigentlich eine Verwaltungsdienstleistung? Und wer benötigt wofür wirklich ein digitales Zeugnis?

Warum Zeugnisse digital werden sollen Mit digitaler Hilfe könnten zum Beispiel bei der Bewerbung an Hochschulen das umständliche Beglaubigen von Papierzeugnissen und langwierige Verwaltungsprozesse beschleunigt werden. Studieninteressierte könnten sich einfacher an mehreren Hochschulen gleichzeitig bewerben.

Sachsen-Anhalts Ministerium für Infrastruktur und Digitales schreibt auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, ein digitales Zeugnis ermögliche den Zugang zu Ausbildungsberufen, Studium, Praktika sowie Fort- und Weiterbildungen. Es könne außerdem als Nachweis zum Beispiel bei der Rentenversicherung dienen. "Der Nutzen digitalisierter Zeugnisse liegt unter anderem darin, Manipulationen sicher erkennen zu können oder bestenfalls zu verhindern." Digitalisierte Nachweise könnten auch automatisiert weiterverarbeitet und archiviert werden.

Für all diese Funktionen gibt es mehrere technische Lösungen.

Entwickelt hat das digitale Zeugnis die Bundesdruckerei im Auftrag von Sachsen-Anhalt. Sie nennt als Anwendungsszenarien die Bewerbung bei einer Hochschule oder um einen Arbeitsplatz: "Der Bewerber kann sein Schulzeugnis digital mit der Bewerbung übermitteln und der Empfänger im In- und Ausland die Echtheit elektronisch prüfen."

Infografik der Bundesdruckerei, die die Technologie hinter dem digitalen Zeugnis erklärt
Infografik der Bundesdruckerei: So sollte die Prüfung eines digitalen Schulzeugnisses ablaufen Bildrechte: Bundesdruckerei

Auf jeden Fall liegt die Verantwortung für die technische Entwicklung aller Verwaltungsdienstleistungen im Bildungsbereich bei Sachsen-Anhalts Landesregierung. So hatten es die damalige Bundesregierung und alle Bundesländer aufgeteilt. Das Prinzip: Einer für alle – ein Bundesland entwickelt digital etwas, das alle anderen Bundesländer nutzen können.

Sachsen-Anhalt ist für digitale Bildung zuständig

Und so hat Sachsen-Anhalt zum Beispiel den digitalen BAföG-Antrag entwickelt. Er ist seit dem vergangenen Jahr online. BAföG-Digital wurde vom SPD-geführten Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium der alten Landesregierung herausgegeben. Für das digitale Zeugnis allerdings war das CDU-geführte Finanzministerium zuständig – dort war der Chief Information Officer der vergangenen Landesregierung angesiedelt. Auch das CDU-geführte Bildungsministerium war in die Entwicklung eingebunden. Nach der Landtagswahl im vergangenen Jahr liegt die Verantwortung für das digitale Zeugnis nun im FDP-geführten Ministerium für Infrastruktur und Digitales.

Digitales Zeugnis Screenshot einer Präsentation
Eine Präsentationsfolie der init AG: wie digital signiertes Zeugnis aussehen kann. Bildrechte: init AG/Screenshot

Digitales Zeugnis: Scheitern mit Ansage

Im Gegensatz zum digitalen BAföG-Antrag ist das digitale Zeugnis allerdings alles andere als ein Erfolg. Es ist ein Scheitern mit Ansage. Und es ist ein Vorgang, über den ein Experte jetzt sagt: "Die Sch… ist in den Ventilator gefallen und verteilt sich gerade." Keiner der mit den Einzelheiten Betrauten wirkt überrascht, dass das Projekt vor den Baum gegangen ist.

Es klingt nach einem Versagen des Verwaltungshandelns, wenn Expertinnen und Experten sagen, dass sie bereits vor und auch während der Entwicklung darauf hingewiesen haben, dass die genutzte Technologie ungeeignet ist. Und es wirkt beratungsresistent, wenn IT-Experten im System, als es dann online ist, Sicherheitslücken finden.

Blockchain-Technologie als Verkaufsargument

Mit der technischen Umsetzung hat Sachsen-Anhalts Finanzministerium die Bundesdruckerei beauftragt. Als Projektdienstleister ist die init AG dabei, die sich als "Impulsgeber für die digitale Gesellschaft" versteht. In einer Präsentation beim "Digitalisierungslabor Schulzeugnis" im November 2019 zeigt die init AG drei Technologien, mit der sich ein digitales Zeugnis umsetzen lässt. Ergebnis: Die meisten Punkte bekommt die Lösung "leicht und innovativ". Hinter ihr steckt eine Blockchain-Technologie, auf der auch Kryptowährungen wie Bitcoin beruhen.

Was ist eine Blockchain?

Unter einer Blockchain versteht man normalerweise eine verteilte Datenbank. Sie enthält Informationen über Transaktionen: eine Art digitales Kassenbuch oder Register. In ihr kann zum Beispiel stehen, wer wem wie viel Geld überwiesen hat, welche Vorbesitzer, Verkäufer und Käufer ein Auto hat oder wer wie viel Strom verbraucht. Diese Informationen werden verschlüsselt und ständig als Block an die Datenbank gehängt. Jeder neue Block der Kette (Chain) baut auf den vorhergehenden Blöcken auf. Unter ihren Befürwortern gilt die Blockchain deshalb als digitale Möglichkeit, Vertrauen herzustellen – jedenfalls dort, wo keine vertrauenswürdige Institution den Vorgang bestätigen kann oder soll. Es würde nämlich sofort auffallen, wenn jemand versucht, eine Blockchain zu manipulieren. Bei der Blockchain zum digitalen Zeugnis wurden nicht die einzelnen Noten in der Blockchain gespeichert, sondern nur Prüfsummen, sogenannte Hash-Werte, anhand derer sich die Echtheit der Zeugnisse prüfen lässt. Außerdem ist sie – anders als zum Beispiel Kryptowährungen – keine öffentliche Blockchain. Allgemein gilt eine Blockchain als sehr energieintensiv – die Bundesdruckerei sagt hingegen, die von ihr entwickelte Blockchain sei sehr niedrig im Energieverbrauch.

Bei der Präsentation 2019 mit dabei: ein Vertreter des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), der knapp vier Wochen später eine "IT-Sicherheits-Einschätzung zum Umsetzungsprojekt Schulzeugnis" abgibt. Es ist eine deutliche Warnung davor, für das Zeugnis die Blockchain zu nutzen. Ein Grund: Es gibt noch nicht genug Erfahrungen mit der Technologie.

Das BSI warnt vor Blockchain beim Zeugnis

Würde das Zeugnisprojekt mit der Blockchain-Technologie zügig und deutschlandweit umgesetzt, seien Sicherheitsprobleme deutlich wahrscheinlicher, als wenn traditionellere Technologien verwenden würden. "Die Verwendung weniger gut untersuchter Technologien sollte nur dann erwogen werden, wenn solche Risiken gegenüber umfangreichen Vorteilen in anderen Bereichen zurücktreten", schreibt der BSI-Mann. Solche Vorteile sieht er wohl nicht.

Digitales Zeugnis Screenshot einer Präsentation
Präsentationsfolie der init AG: drei Technologien im Vergleich – grüner Haken für die Blockchain-Technologie. Bildrechte: init AG/Screenshot

Die Bundesdruckerei – eine GmbH im Besitz des Bundes – verteidigt weiterhin den Einsatz der Blockchain-Technologie und schreibt auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT: "Die dezentrale Blockchain-Technologie kann die föderale Struktur des Bildungswesens abbilden." Öffentliche IT-Dienstleister könnten als Betreiber von Blockchain-Knoten auftreten und die Echtheit von Zeugnissen rund um die Uhr bestätigen. Aber auch diese Argumente lassen Experten nicht gelten: Das könnten auch andere Technologien. Eine Blockchain ist dafür nicht nötig.

"Eine digitale Lösung für ein Zeugnis ist Humbug"

IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug vom Chaos Computer Club schüttelt den Kopf: Blockchain-Technologie bei einem digitalen Zeugnis mache keinen Sinn, sagt er. Und er geht noch weiter: "Eine digitale Lösung für ein Zeugnis ist Humbug. Aber es macht natürlich Sinn für diejenigen, die Fördergelder haben wollen oder es als Prestigeprojekt sehen." In Politiker-Kreisen würde man das oft Schaufensterprojekt oder Leuchtturmprojekt nennen. "Die wollen sich also persönlich profilieren. Und Unternehmen, die so etwas auf Basis von Blockchain anbieten und empfehlen, für die ist das ein Business Case, die verdienen damit Geld", so Atug.

Erste digitale Zeugnisse, noch mehr Expertenmeinungen und ein Hack

Trotzdem werden im Sommer vergangenen Jahres in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin neben Papierzeugnissen auch digitale Abiturzeugnisse verteilt – als Test an 250 Schülerinnen und Schülern. Deutschlandweit wird darüber berichtet. Der WDR fragt sogar, ob damit das Papier-Zeugnis abgelöst würde, die NRW-Bildungsministerin wirkt begeistert.

Im Herbst vergangenen Jahres lässt Sachsen-Anhalts Digitalministerium das System bewerten und hört am 11. Oktober vier Gutachter an. Auch sie halten die Blockchain-Technologie für schwierig.

Blockchain-Technologie lässt sich manipulieren

Im Februar 2022 dann der Super-GAU für die von Sachsen-Anhalts Landesregierung beauftragte Technologie: Die Softwareentwicklerin und selbst ernannte Krawallinfluencerin Lilith Wittmann und ein Kollege weisen nach, dass sie sich im System der Bundesdruckerei quasi anmelden und sogar Zeugnisse erstellen können. Sie führen die entwickelte Blockchain-Technologie für das digitale Zeugnis als mindestens schlecht umgesetzt vor. "Wir haben festgestellt, wir können selbst Inhalte in die Blockchain des Staates schreiben", sagt Lilith Wittmann, die 2020 mehrere Monate im Bundesbildungsministerium im Rahmen eines Stipendienprogramms gearbeitet hat.

Wittmann und ihrem Kollegen war es gelungen, ausstellende Institutionen in der Blockchain abzuspeichern. Wittmann behauptet auch, dass sie früher oder später selbst Zeugnisse in die Blockchain hätte schreiben können. Wem das gelingen würde, der hätte ein staatlich beglaubigtes Zeugnis, das sich auch nicht wieder aus der Blockchain löschen lässt, weil dort jeder einzelne Eintrag auf dem vorhergehenden beruht.

Kriminelle können garantiert echte Daten erbeuten

Deshalb weist Wittmann auf ein grundlegendes Sicherheitsrisiko der Blockchain-Technologie in diesem Fall hin: wenn nämlich Kriminelle bei Unternehmen oder Universitäten die digitalen Zeugnisse ihrer Beschäftigten oder tausender Studierenden erbeuten.

Wenn die einen Datenabfluss haben, dann haben die Angreifer Tausende Datensätzen von Personen, die vom Staat als echt bewiesen sind. Das ist besonders doof, weil diese Daten ja für immer garantiert echt sind.

Lilith Wittmann

Dabei lässt sich auch eine Blockchain dezentral organisieren, so dass Kriminelle maximal die Daten eines betroffenen Benutzers erbeuten könnten.

Wittmann kritisiert, dass es grundsätzlich möglich war, im System ein Zeugnis zu erstellen. Das wäre eine Art Zeugnisgenerator, sagt sie: "Wir hatten Zugriff auf das System, bevor die Zeugnisse digital signiert wurden und konnten uns coole Papierzeugnisse generieren." Sie wurden zwar nicht in der Blockchain gespeichert, ließen sich aber ausdrucken. Und Wittmann glaubt, in den meisten Fällen hätte niemand ein solches Papierzeugnis hinterfragt oder gar digital bestätigen lassen.

Digitales Zeugnis Screenshot einer Präsentation
Präsentationsfolie des Ministeriums für Infrastruktur und Digitales zum Austauschtreffen mit Gutachtern Bildrechte: MID/Screenshot

Das digitale Zeugnis geht wieder offline

Die Reaktion auf den Hack der beiden Experten: In Absprache mit Sachsen-Anhalts Landesregierung nimmt die Bundesdruckerei zwei Tage später das System vom Netz, um Wittmanns Behauptungen zu prüfen und die Technologie zu verbessern. "Die Ergebnisse werden in die weitere Optimierung des Systems einfließen", schreibt die Bundesdruckerei. Sachsen-Anhalts Digitalministerium informiert derweil die anderen Landesregierungen: "Wir haben alle Bundesländer über die aktuellen Maßnahmen informiert. Die Rückmeldungen, die wir erhalten haben, befürworten das Vorgehen."

Digitales Zeugnis Screenshot einer Präsentation
Präsentationsfolie des Ministeriums für Infrastruktur: das FDP-geführte Haus lässt das Vorhaben der Vorgängerregierung im Oktober 2021 prüfen. Bildrechte: MID/Screenshot

Ein paar Wochen später lädt die Bundesdruckerei zu einem Workshop ein. In der Einladung beschreibt die Bundesdruckerei sechs Schwachstellen, drei davon schwer, stellt Lösungen in Aussicht und bestätigt damit auch die Behauptungen von Wittmann. In dem internen Schreiben heißt es zum Beispiel:

Es konnte eine Fake-Schule über die öffentlich zugängliche Schnittstelle angelegt und in der Blockchain gespeichert werden.

internes Schreiben der Bundesdruckerei

Bundesdruckerei und Sachsen-Anhalts Digitalministerium weisen in ihren offiziellen Statements nachdrücklich darauf hin, dass es sich bei dem jetzt offline genommenen System um ein "Test-System" handelt. "Naturgemäß ist ein System während des Testbetriebs noch nicht fertig, kann also Fehler, Schwachstellen oder Funktionseinschränkungen enthalten", schreibt die Bundesdruckerei.

Dass das System ein Test-System gewesen sei, dem widersprechen allerdings mehrere IT-Experten. "Wenn darin Daten von Schülerinnen verarbeitet werden – nach der DSGVO sind das besonders sensible Daten –, dann ist das kein Spielbetrieb mehr, um mit einer Blockchain zu üben. Das ist dann ein Produktivsystem", sagt Wittmann.

Sachsen-Anhalts Digitalministerium scheint der jahrelangen Kritik der Expertinnen und Experten an der Blockchain-Technologie, den aufgezeigten Schwachstellen und dem Abschalten im Februar sogar etwas Positives abgewinnen zu können und teilt mit:

Dieses Vorgehen der Entwicklung und Optimierung eines Gesamtsystems ist Ausdruck einer modernen (agilen) Arbeitsweise, die verschiedene Beteiligte schon im Entstehungsprozess einer digitalen Lösung einbezieht.

Sachsen-Anhalts Digitalministerium

Anfang Mai erhält die Bundesdruckerei für ihre entwickelte Blockchain-Technologie für das Schulzeugnis den Negativpreis "Big Brother Award".

Negativpreis für die Zeugnis-Blockchain der Bundesdruckerei

Die Bundesdruckerei, die die Blockchain-Technologie für das digitale Zeugnis in Auftrag von Sachsen-Anhalts Landesregierung entwickelt hat, hat dafür Anfang Mai sogar einen Preis bekommen. Einen Negativpreis: den "Big Brother Award". Den verleiht der Verein Digitalcourage, der sich um Datenschutz kümmert, jährlich an mehrere Preisträger. Warum die Bundesdruckerei den Preis verdient, begründet der Verein so: "Die Verwendung von Blockchain-Technik für die Echtheitsprüfung von Zeugnissen ist vollkommen fehl am Platz."

Die Bundesdruckerei dränge sich als zentrale Prüfinstanz auf, anstatt klassische, digital signierte Dokumente zu benutzen, die seit Jahren Standard seien und mit einfacher Software geprüft werden könnten, schreibt Digitalcourage. "Es kann niemand außer der Bundesdruckerei die Echtheit der Zeugnisse prüfen. Eigentlich genau das gegenteilige Konzept der Blockchain."

Alles neu macht das Bundesbildungsministerium

Auf eine Lösung für die Probleme des digitalen Zeugnisses drängt jetzt das Bundesbildungsministerium. Die ungewöhnlich deutliche Antwort auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT klingt nach Nachsitzen und Hausaufgaben für Sachsen-Anhalts Landesregierung:

Aufgrund des aufgezeigten Handlungsbedarfs wird Sachsen-Anhalt das Projekt ‘Digitales Schulzeugnis‘ in enger Abstimmung mit dem Bundesbildungsministerium nochmals überarbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse in das Projekt einfließen lassen.

Bundesbildungsministerium

Die Erprobung und Evaluation hätten eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten gezeigt, "die im weiteren Projektverlauf zwingend berücksichtigt werden müssen". Ob die Blockchain-Technologie im Zeugnis-Projekt damit vom Tisch ist, lässt das Bundesbildungsministerium in seiner Antwort offen.

Wird damit die bisher entwickelte Technologie hinfällig?

Antwort des Bundesbildungsministeriums: "Die Federführung und die Auftragnehmer haben gemeinsam entschieden, dass im nächsten Schritt die Architektur und einzelne der eingesetzten Technologien des geplanten Zeugnissystems überprüft und neu bewertet werden soll, bevor der Aufbau der Referenzimplementierung – also einer Anwendung, die in diesem Feld faktisch einen Prozess-Standard setzt – erfolgt. Dabei wird auf ein modulares System hin entwickelt, das die notwendigen minimalen Anforderungen erfüllt, jedoch jederzeit durch weitere Features problemlos erweitert oder gegen andere ausgetauscht werden kann. Dabei fließen auch die (Weiter-)Entwicklungen der letzten Jahre im Umfeld des Onlinezugangsgesetzes sowie die aus der Erprobungsphase gewonnenen Erkenntnisse mit ein."

Heikel an dem Vorgang: Im Zuge des "Einer für alle"-Prinzips bei der digitalen Verwaltung – noch dazu bei der Länderkompetenz im Bildungsbereich – können solche öffentlichen Sätze eines Bundesministeriums als Todesstoß für die entwickelte Technologie und bei Sachsen-Anhalts Landesregierung als deutlicher Tritt auf die Füße gedeutet werden.

Und schließlich hat das Blockchain-Zeugnis bis jetzt knapp 800.000 Euro gekostet. Allerdings verweist ein Experte darauf, dass für ähnliche Großprojekte im Bildungsbereich erfahrungsgemäß sehr viel mehr Geld eingesetzt werde.

Wie sinnvoll ist ein digitales Zeugnis?

Ob ein digitales Zeugnis überhaupt sinnvoll ist, bezweifelt IT-Softwareentwicklerin und Krawallinfluencerin Lilith Wittmann mittlerweile sogar grundsätzlich. Sie hält das Argument von gefälschten Zeugnissen nur für ein gefühltes Problem und sagt: "Wenn jemand ein Zeugnis manipuliert, um sich an der Uni einzuschreiben, dann sollten wir doch eher Hochschulbildung einfacher zugänglich machen, anstatt zu versuchen, Zeugnisse möglichst unfälschbar zu machen." Wittmann sieht derzeit keine Technologie, die sie für ein digitales Zeugnis anbieten würde: "Deswegen würde ich bei Papier bleiben. Das ist sicherer als digital."

Estland, das als digitaler Vorreiter in Europa gilt, erstellt seit 2020 digitale Schulzeugnisse für die Grund- und Oberstufe, setzt dabei auf die Blockchain "GuardTime" und will das Ganze auch auf Zertifikate für Hochschul- und Berufsbildung anbieten.

Die von Sachsen-Anhalts Landesregierung beauftragte Blockchain-Technologie hat auch Professor Hans Pongratz schon 2020 kritisch hinterfragt. Pongratz ist Professor für komplexe IT-Systeme und digitale Infrastrukturen an der TU Dortmund. Er sagt: "Aus meiner Sicht gehören personenbezogene Daten nicht auf eine Blockchain." Später könne man dort nämlich Namen oder Geschlecht nicht mehr ändern. "Ich empfehle stark, das aktuelle Vorgehen zu hinterfragen und auf andere Technologien zu setzen." Möglich sei zum Beispiel, dass Hochschulbewerber digital signierte Zeugnisse selbst den Unis zur Verfügung stellen.

Ich bin sogar für ein Recht auf eine digitale Zweitschrift von Zeugnissen.

Hans Pongratz, Uni Dortmund

Pongratz ist außerdem technischer Geschäftsführer der "Stiftung Hochschulzulassung", die im Auftrag der Bundesländer eine Internetplattform betreibt, über die die Studienplätze für Medizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie vergeben werden. Er ist nicht grundsätzlich gegen digitale Zeugnisse: "Machen wir uns doch nichts vor: Es gibt sie ja schon. Momentan scannt jeder im Privaten die Unterlagen ein und fügt sie zu PDF-Dateien zusammen." Der Nachteil dieser Lösung: Die Dateien können nachbearbeitet oder schlecht lesbar sein. Vor allem aber sind sie nicht maschinenlesbar und automatisiert auswertbar.

Verwaltungsdienstleistung: Zeugnis contra Zulassung

Mit digitalen Zeugnissen würde die Bewerbung an Unis also einfacher. Aber dieser Vorgang ist eben auch eine andere Verwaltungsdienstleistung als die Ausstellung eines Zeugnisses: die Zulassung zu einem Studium.

Wer sich digital an zehn Uni bewerben möchte, müsste nicht zehn Mal Papier-Dokumente einreichen. Die deutschen Unis könnten so auch attraktiver für ausländische Studierende werden, Uni-Verwaltungen ihre Prozesse beschleunigen und verschlanken. Vielleicht waren es diese Argumente, die Sachsen-Anhalts Landesregierung dazu bewogen haben, beim digitalen Zeugnis trotz scheinbar besseren Wissens auf die entwickelte Blockchain-Technologie zu setzen, um so wenigstens irgendeine digitale Lösung parat zu haben.

Die Bundesdruckerei schreibt: "Ob und wie die Blockchain-Technologie in der dauerhaften Architektur des digitalen Schulzeugnisses eingesetzt wird, soll in den folgenden Projektphasen entschieden werden."

Das digitale Zeugnis von Bundesdruckerei und Sachsen-Anhalts Landesregierung wirkt mittlerweile tot. Wirklich zugeben möchte das bislang offiziell niemand. Aber Sachsen-Anhalt hat Anfang Mai in einer Sondersitzung des IT-Planungsrats, dem zentralen Gremium für die Digitalisierung der deutschen Verwaltung, mit beschlossen, eine weitere digitale Leistung bis Mitte diesen Jahres bereit zu stellen und bis Ende des Jahres deutschlandweit einzuführen: die digitale Hochschulzulassung.

Darüber sollen Semesterbeiträge, Studiengebühren und Immatrikulationen abgewickelt werden. Aber eben auch die Bewerbung an einer Hochschule – ein Anwendungsbeispiel des digitalen Zeugnisses. Das Vorhaben steht auf der Prioritätenliste des IT-Planungsrates auf Platz 13. Hoffentlich kein schlechtes Omen.

*Anm. d. Red.: In einer ersten Version des Textes hatten wir im Abschnitt "Blockchain-Technologie als Verkaufsargument" geschrieben, die init AG habe die drei Technologien "bewertet". Inzwischen haben wir den Begriff durch "zeigt" ersetzt. Die init AG hat nach eigenen Angaben Optionen erarbeitet, auf deren Grundlage die Bundesdruckerei und das Land Sachsen-Anhalt ihre Entscheidung getroffen haben – ohne Beteiligung der init AG.

Mehr zum Thema: Digitales aus Sachsen-Anhalt

MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Mai 2022 | 09:00 Uhr

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