Digital leben Ideen gegen die Krise der Innenstädte

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Eine schlechte Nachricht für die meisten deutschen Innenstädte: Fast 80.000 Geschäfte werden in den nächsten zwei Jahren schließen, befürchtet der Handelsverband. Das wird die Innenstädte verändern. Sie sollten deswegen neu gedacht werden. Expertinnen und Experten haben genug Ideen.

Kaffee, Kuchen und Kino auf der Straßenkreuzung, Kinder, die auf der Fahrbahn Hockey spielen, Menschen, die auf einer Brachfläche ein Volleyball-Turnier veranstalten: Auch so kann eine Geschäftsstraße aussehen – zumindest wenn einmal im Jahr das Geschäftsstraßenmanagement "Im Stadtfeld" in Magdeburg ein Straßenfest veranstaltet.

Treibende Kraft dahinter war fünf Jahre lang Franziska Briese. Sie sagt: "Wir haben in dem Stadtteil jedes Jahr eine andere große Straße gesperrt, ein Straßenfest gemacht und den umliegenden Handel mit eingebunden, um einfach mal zu zeigen, wie die Situation vor Ort anders sein könnte."

Mieten runter, Menschen rein

In Magdeburg Stadtfeld könnte sie vor allem eines sein: lebendig und an den Menschen orientiert, nicht am Straßenverkehr. Solche Experimente zeigen, wie auch andere Teile einer Stadt "wiederbelebt" werden können, ist sich Briese sicher. Sie meint: "Wir müssen das Leben wieder auf die Straße holen." Und "das Leben" sind vor allem Menschen.

Sehr ähnlich klingt Helmut Dedy, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, wenn er seinen Lösungsansatz für die deutschen Innenstädte in einem Artikel auf den Punkt bringt: "Mieten runter, Menschen rein."

Ist der Online-Handel Schuld an der Krise der Innenstädte? Was sind spannende Ideen, um Innenstädte zu beleben? Darüber reden wir im Podcast "digital leben" ausführlich.

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Wer in der Innenstadt wohnt, will dort auch leben, eine Pizza essen, Brötchen kaufen, zum Sport gehen, etwas Trinken oder den Hund Gassi führen, mit Nachbarn schnacken, einkaufen. Für die meisten Expertinnen und Experten ist klar: Allein der Handel macht keine Innenstadt lebenswert. Der Trend seit Jahren: Es gibt weniger Geschäfte. In den vergangenen anderthalb Jahren wurde dieser Trend durch Corona und den Online-Handel noch verstärkt.

Die Einkaufsstadt ist tot

Eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung schätzt, dass nur noch sieben deutsche Großstädte Einkaufsstädte bleiben werden. In Dessau wird beispielsweise das Karstadt-Warenhaus geschlossen. Deshalb ist für Franziska Briese klar, welche Frage sich Stadtentwickler stellen müssen: Was kommt nach dem Handel?

Das gilt nicht nur für Städte wie Halle oder Magdeburg, sondern auch für alle anderen etwa einhundert Städte in Sachsen-Anhalt. "Wir alle sind schon in Italien über eine Piazza gelaufen und fanden es total nett und süß und schnuckelig. Und dann kommt man zurück nach Hause in die Waschbetonwände und fragt sich, warum man neben einer vierspurigen, lärmenden Straße ein Eis essen soll." Gerade Kleinstädte hätten viele Chancen, glaubt Briese. Ihre erste Idee für lebendigere Innenstädte? Kindergärten oder Sportvereine.

Beispiele für mehr Leben in den Innenstädten

In der Innenstadt von Magdeburg kann man sich mit dem Smartphone virtuelle Dinosaurier anschauen, am Hasselbachplatz werden derzeit Parktaschen als Außenterrassen für Gastronomie genutzt. Alles gute Ansätze, aber bei weitem nicht genug, sagt Briese: "Auch, wenn ich mich nicht so für Saurier interessiere, ist die Dino-Welt eine süße Idee. Aber es ist nur eine Möglichkeit von noch vielen anderen, die mitgedacht werden müssen, um Frequenz zu generieren."

In Magdeburg wird gerade ein autonomer Bus erprobt – vielleicht ist auch das ein Lockmittel für einen Stadtbummel. Und im September findet wieder das Offline-Shopping-Festival statt. Aber Magdeburg hat grundsätzlich eine Herausforderung zu meistern, sagt Briese: "Die Innenstadt zieht sich einfach so weit in zwei Himmelsrichtungen, dass es eigentlich keinen zusammengehörenden Raum gibt."

Und andere Städte? Was machen die besser? Brieses großer Vorbild ist Kopenhagen: "Worüber wir in Deutschland gerade diskutieren, hat Kopenhagen schon umgesetzt. Und das ist dort kein zufälliges Ergebnis. Das ist gesteuert, politisch gewollt und von der Verwaltung unterstützt." Das sei eine Stadt, die sich an Menschenen orientiert, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind – oder die vielleicht in der Stadt auch ein paar Kräuter oder Obst ernten wollen.

Möglicherweise kann nämlich auch urbane Landwirtschaft Städte lebendiger machen. In Halle versucht das zum Beispiel der Foodforest Halle. Mit einem der Macher haben wir schon gesprochen. Und wenn es doch Einkaufen sein soll: Auf dem Berliner Kudamm hat vor kurzem "The Latest" eröffnet, ein Geschäft, das neue Produkte – vor allem von Start-Ups – vorstellt und verkauft. Alle paar Monate wechseln die Produkte, und so steht dort Kosmetik neben einem drahtlosen und app-gesteuerten Bratenthermometer oder einem automatischen Kräutergarten.

Kurzstudie "Zukunft der Innenstädte"

Im Auftrag der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation im Juli die Kurzstudie "Zukunft der Innenstädte" veröffentlicht.
Darin steht zum einen, dass Corona die Krise der Innenstädte beschleunigt. Aber auch diese fünf spannenden Erkenntnisse werden genannt:

  • Online-Handel entkoppelt den Handel vom Raum.
  • Der Verkehrsknotenpunkt Innenstadt wird immer anfälliger für Staus.
  • Das Wohnen in der Innenstadt gewinnt an Bedeutung.
  • Einkaufen als Erlebnis funktioniert wohl nur in sieben deutschen Großstädten (Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Stuttgart), deshalb darf man bei der innerstädtischen Belebung nicht allein auf Handel setzen, sondern muss ganzheitlich denken.
  • Innovative Stadtlogistik und Lösungen für innerstädtische Nah- und Selbstversorgung sind gut erforscht und häufig marktreif.

Das Warenhaus verschwindet

Das ist eine ziemliche breite Mischung, die man in Deutschland bisher nur von einem Ort kennt: aus Warenhäusern. Diese "Konsumtempel" haben die Innenstädte jahrzehntelang geprägt. Aber die Warenhäuser von heute stehen nicht in deutschen Innenstädten, sondern im Internet. Ihre Waren befinden sich nicht in den Innenstädten, sondern in Logistiklagern, perfekt verteilt über das ganze Land.

Und das wird sich kaum ändern. Onlinekäufe boomen auch unabhängig von der Pandemie – aus einem ganz einfachen Grund. "Weil es so bequem ist", schreibt Stefan Müller-Schleipen im Tagesspiegel. Müller-Schleipen ist Geschäftsführer eines Immobilienunternehmens, macht sich für Innenstädte stark und hat die Initiative "Die Stadtretter" mitgegründet, die Best-Practise-Beispiele zeigen will.

Was vom Warenhaus übrigbleiben wird, können die Deutschen ab Ende Oktober erleben: Die Marken Karstadt und Kaufhof verschwinden. Der Eigentümer der Immobilien will 60 der 131 Häuser vollständig neu ausrichten. In Kassel beispielsweise sollen im Erdgeschoss regionale Produkte angeboten werden, in der ersten Etage will die Stadt zwei Schalter für Bürgerdienste einrichten, und in der vierten Etage entsteht ein Pop-up-Gebrüder-Grimm-Museum. Im Parkhaus soll man Fahrräder abstellen können und reparieren lassen. E-Bikes und Elektroautos sollen dort geladen werden können.

Im ehemaligen Karstadt-Warenhaus in Siegen finden bereits Uni-Seminare und Vorlesungen statt. Das erzählt der Präsident des Deutschen Städtetages und Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung im ZDF, der in Siegen aufgewachsen ist.

All das können Dinge sein, die nach dem Einzelhandel kommen, sagt Briese. "Solche Ideen bieten Lösungen an: Kultur, Gastronomie, ein Uni-Hörsaal, ein Kindergarten, ein toller Spielplatz. Alles, was urbanes Leben in die Zentren bringt, ist gut. Da muss man nur noch über die Qualität sprechen." Die Parkhäuser in der Magdeburger Innenstadt beispielsweise hätten keine Fahrradstellplätze, "weder für die Anwohner noch für die Radler auf einem internationalen Radweg".

Online-Handel aus der Innenstadt

Eine andere Idee, um Leben in die Innenstadt zu bringen, sind Büros. Ein Unternehmen, das bereits sein drittes Büro in der Innenstadt von Leipzig eröffnet hat, ist einer der größten Online-Händler in Mitteldeutschland: Relaxdays aus Halle. Die Firma hat 450 Mitarbeiter, sieben Millionen Kunden in ganz Europa und will auch ihr Büro auf der Prager Straße in Dresden bald vergrößert.

"Die Standorte sind ganz zentral und aus jedem Stadtteil sehr gut erreichbar. Und natürlich ist es dort wunderbar einfach, zum Mittagsessen einfach mal rauszugehen oder das Ganze mit einem Termin zu verbinden", sagt Relaxdays-Geschäftsführer Martin Menz. Er will so vor allem auch für neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen attraktiv werden: "Das ist unsere Vorstellung von modernem Arbeiten. Wir gestalten unsere Büros attraktiv und bauen auch eine coole Küche ein, wo die Leute abends mal noch ein bisschen zusammenkommen können."

Innenstädte haben eine soziale Funktion

Mit diesen Sätzen beschreibt Martin Menz, was Franziska Briese für Innenstädte ganz allgemein sagen kann: "Diese Zentren haben nicht ausschließlich eine Handelsfunktion, sondern auch immer eine soziale Funktion. Und es ist genau dieses Gefühl, das Innenstädte bieten können: da, wo es Leben gibt, Mittagessen zu gehen, Kollegen treffen zu können."

Diese Vorteile der Offline-Welt könne der Online-Handel nicht bieten. Und bei solchen Vorhaben können Städte noch viel mehr tun. Vor allem Magdeburg: "Hier gibt es den tollen Umstand, dass Wohnungen und Gewerbeflächen in der Innenstadt der Stadt gehören. Die könnte also den Branchenmix sehr gut steuern."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 11. August 2021 | 13:58 Uhr

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