Forschung aus Sachsen-Anhalt Digitale Medien in der Kita: Wozu sie gut sind und was nicht verloren gehen darf

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Tablets im Kindergarten? Für manche Eltern ein Graus – für andere ein klares Muss. Auf jeden Fall müssen sich auch Kindergärten mit digitalen Medien auseinander setzen. Das soll auch so sein, sagen Forschende und zeigen Wege auf, wie das sinnvoll gelingen kann.

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Es kann ein betrüblicher Anblick auf Spielplätzen sein: Eltern, die auf ihre Smartphones schauen, während ihre Kinder im Sand spielen. Es ist also egal, ob in Kindergärten digitale Medien und Geräte benutzt werden – Kinder jeder Altersgruppe sehen, wer die Geräte wie im Alltag benutzt. Und sie benutzen sie auch selbst.

Und auch ganz egal, wie Kindererzieherinnen und -erzieher dazu stehen – das Thema ist so emotional wie kein zweites: Dürfen, sollen, müssen unsere Kleinsten schon ein Tablet vor der Nase haben? Im Kindergarten? Zuhause oder unterwegs?

Mann steht mit Smartphone neben Tisch, an dem ein kleines Kind sitzt, eine Frau im Hintergrund schaut zu
Smartphone und Kind im Blick? Alle Kinder sehen im Alltag den Umgang mit digitalen Geräten. Kann ein Kindergarten also digitalfrei sein? Bildrechte: IMAGO / Westend61

Digitales als Ergänzung – nicht als Ersatz

"Ich kenne auch solche Szenen, wo ich angefasst bin: Wenn ein Kind im Zug unruhig wird und weint und die Mutter ihm, ohne hinzuschauen, einfach ein Handy in die Hand drückt", sagt Professorin Annette Schmitt von der Hochschule Magdeburg Stendal im Podcast "Digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT. "Da ist natürlich klar, da stimmt etwas nicht. Da werden Medien als Ersatz für etwas verwendet. Und das kann nicht gut sein", sagt Schmitt. Sie ist Professorin für Bildung und Didaktik im Elementarbereich in Stendal.

Porträt einer Frau mit schulterlangen dunklen Haaren und Brille, die in die Kamera lächelt
Professorin Annette Schmitt von der Hochschule Magdeburg-Stendal will mit ihrem Forschungsprojekt Erzieherinnen und Erziehern helfen. Bildrechte: Hochschule Magdeburg-Stendal

Und sie erforscht derzeit, wie Kindergärten mit digitalen Medien umgehen. Das Projekt "Digitale Medien in der Kita" ("DiKit") wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Schmitts Forschungsteam will vor allem das Schwarz-Weiß-Denken aufbrechen, dass digitale Medien im Kindergarten entweder abgelehnt oder hochgejubelt werden. Die Forschenden wünschen sich einen reflektierten Umgang mit Technologie.

"Wir sind ja nicht die oberschlauen Forscherinnen, die sagen, wie es geht und welches Medium oder Förderprogramm eine Kita braucht", sagt Schmitt. Ihr gehe es darum, dass engagierte Erzieherinnen sich mit Medien und ihrer eigenen Haltung dazu auseinandersetzen. Und grundsätzlich lehnt Schmitt digitale Medien in der Kita nur an einer Stelle definitiv ab: bei den ganz Kleinen in der Krippe.

Je jünger das Kind, desto wichtiger sei der direkte Kontakt mit Menschen. Und aus Kinderschutzgründen ist für Schmitt auch selbstverständlich, dass Kinder bis mindestens sechs nicht allein im Internet unterwegs sein sollten.

Porträt einer Frau jungen Frau vor einer Wand
Vivien Hehr, Kindererzieherin in der Kita "Villa Kunterbunt" in Dessau-Ziebigk, hat genug Ideen, welche digitalen Geräte in einen Kindergarten passen. Bildrechte: privat

Vivien Hehr vom Kindergarten "Villa Kunterbunt" in Dessau-Ziebigk Digitales im Kindergarten ist kein Tabu, sagt Kindererzieherin Vivien Hehr. Sie arbeitet in der Kita "Villa Kunterbunt" in Dessau-Ziebigk. Dort gibt es derzeit zum Beispiel ein Gerät, das Hörspiele abspielt, je nach dem, welche bunte Spielfigur die Kinder darauf stellen. Und Hehr hat weitere Ideen für digitale Technologien: "Es gibt zum Beispiel einen videoüberwachten Nistkasten. Mit einem Tablet kann man dann alles in Echtzeit beobachten." So lasse sich Naturnähe vermitteln.

Vivien Hehr findet auch eine Roboter-Biene spannend, die die Kinder programmieren können. Ihr ist es wichtig, dass Kinder verstehen, dass Laptop, Smartphone und Co. nicht nur Zeitvertreib sind, sondern auch Wissensmaschinen, mit denen Kinder auch etwas lernen können.

"In der Pädagogik schauen wir darauf, welche Entwicklungsfenster öffnet uns ein Medium und da fällt mir bei einem sechs Monate alten Kind nicht viel ein. Bei einem vierjährigen Kind oder bei einem Jugendlichen schon eher." Schmitt sieht drei wichtige Fragen, die sich Eltern und Erzieherinnen und Erzieher stellen sollten, wenn es um digitale Medien und Kinder geht:

  • Was kann das Medium dem Kind bieten?
  • Was ist für die Entwicklung des Kindes gerade wichtig?
  • Und was soll nicht verloren gehen?

"Auf keinen Fall soll die Bewegung verloren gehen, der soziale Kontakt, das Selbermachen. Diese sogenannte Primärerfahrung ist in der Frühpädagogik ein ganz wichtiger Grundpfeiler", sagt Schmitt. Das ist vielen Erzieherinnen und Erziehern klar, die Schmitt sehr für ihre Fortbildungsbereitschaft lobt. "Unsere Weiterbildungen sind immer voll ausgebucht."

Spielende Kinder im Kindergarten, ein Mädchen trägt eine VR-Brille
Digitale Technologien im Kindergarten: Auf dem Symbolbild spielen Kinder mit einer Virtual-Reality-Brille. Bildrechte: IMAGO / Westend61

In ihrem Forschungsprojekt befragt Schmitts Team nicht nur Erzieherinnen und Erzieher. Sondern auch die Kinder selbst: "Wir fragen sie, was sie wollen, ob es ihnen zu viel oder zu wenig ist, was ihnen an welchem Medium gut gefällt und was sie gern damit machen?" Diese Fragen sollten auch Eltern ihren Kindern viel häufiger stellen, sagt Schmitt. Und in der Bildungsarbeit gehört es sogar dazu – die UN-Kinderrechtskonvention sichert Kindern zu, dass ihre Meinung zu allen sie berührenden Angelegenheiten berücksichtigt wird.

Schmitt hält es sogar für möglich, dass Kinder digitale Medien ablehnen, weil sie keine guten Erfahrungen damit gemacht haben: "Es kann durchaus sein, dass ein Kind sagt, ich habe darauf nicht so viel Lust. Und wenn Papa immer ins Handy guckt, wenn ich mit ihm spielen möchte, finde ich das nicht gut."

Junge Frau schiebt einen Kinderwagen und schaut auf ihr Handy.
Auch eine Aufgabe für Eltern: Was nicht verloren gehen darf – der Blick zum Kind. Bildrechte: IMAGO / MiS

Schmitts Forschungsprojekt läuft noch bis Sommer nächsten Jahres und befragt deutschlandweit Kindertagesstätten und die Erzieherinnen und Erzieher dort. Am Ende soll eine Hilfestellung für alle Kindergärten stehen. "Wir wollen keine Patentrezepte geben, sondern helfen, den eigenen Umgang mit digitalen Medien zu reflektieren und so einen geeigneten Weg für die jeweilige Kita finden."

Denn grundsätzlich sieht Schmitt Erzieher und Eltern in einem Dilemma: "Manchen ist der Kinderschutz wichtig und er oder sie versteht sich eher als Schutzperson für Kinder. Andere wollen, dass Kinder selbstbestimmt aufwachsen. In diesem Spannungsfeld müssen wir Wege finden." Die eine ideale Lösung gebe es nicht, sagt Schmitt, man müsse sie aushandeln. Eltern und Erziehern helfe es ja nicht, wenn eine Seite medienbegeistert ist und die andere möchte, dass Kinder medienfrei aufwachsen. Selbst in jeder Familie findet ein Aushandeln statt, sagt Schmitt: Wenn nämlich Eltern und Kinder über Internet- und Smartphone-Nutzung zanken.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau und IT-Angriffe. Er ist Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Mai 2022 | 12:00 Uhr

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