Digitaler Journalismus Wie der Newsletter "Checkpoint" zum Erfolgsmodell wurde

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Der Magdeburger Julius Betschka arbeitet in Berlin bei der Tageszeitung "Der Tagesspiegel". Dort schreibt er auch regelmäßig an 130.000 Menschen einen E-Mail-Newsletter: den "Checkpoint". Er gilt als einer der erfolgreichsten E-Mail-Newsletter in Deutschland. Im Podcast "digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT erzählt Betschka, wie er von Magdeburg bei einer Berliner Tageszeitung gelandet ist und was einen E-Mail-Newsletter so spannend macht.

Bis halb drei Uhr in der Nacht – so lang schreibt Julius Betschka schon einmal an einer Ausgabe des Newsletters "Checkpoint" vom Berliner "Tagesspiegel". Müdigkeit? "Vielleicht ist das der Preis für guten Journalismus", sagt Betschka und lacht. Die Arbeit sei fordernd, aber jeder sei mit Herzblut dabei, es mache enorm Spaß, sich in dem Format ausleben zu können.

Betschka ist 30 Jahre alt und in einer Eisenbahner-Siedlung zwischen Neustadt und Rothensee in Magdeburg aufgewachsen und hat in seiner Freizeit Fußball bei Fortuna Magdeburg gespielt. Journalist zu werden – das konnte er sich schon in der Schule vorstellen.

Der Rat der Deutschlehrerin

Aber: "Meine Deutschlehrerin hat mir ziemlich deutlich gesagt, dass sie eigentlich nicht glaubt, dass ich das machen kann, weil ich nicht so richtig gut schreiben." Dieser Hinweis hätte ihm sechs Jahre seines Lebens gekostet, glaubt Betschka. Denn bevor er im Journalismus gelandet ist, hat er Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert, in der Politik gearbeitet und für eine Fluggesellschaft gearbeitet. Vor drei Jahren ging es dann ziemlich schnell: Er macht Praktika bei der "B.Z.", schreibt für die "taz" und macht ein Volontariat bei der "Berliner Morgenpost".

Danach landet er beim "Tagesspiegel", wurde quasi abgeworben und ist dort heute Leiter des Landespolitik-Büros. "Ich fand den Checkpoint damals schon toll", sagt Betschka.

Exklusive Nachrichten in einer E-Mail

Und so ist Betschka Teil des siebenköpfigen Checkpoint-Teams und schreibt regelmäßig den Newsletter, der mitunter so aufwändig wie eine große Seite im "Tagesspiegel" ist. Im Checkpoint geht es aber unterhaltsamer zu als in der gedruckten Zeitung. Nach dem umstrittenen und vielleicht unfreiwillig komischen Wahlkampf-Song der Grünen hat er neulich einmal alte Wahlkampf-Songs anderer Parteien recherchiert: Mit einem Klick kann der Newsletter-Leser dann schmunzeln – in einer gedruckten Zeitung ginge das nicht so einfach.

Und das ist erfolgreich: Der Checkpoint hat zum Beispiel 2015 einen Grimme Online Award gewonnen und landet jeden Werktag in 130.000 E-Mail-Postfächern. "Man muss sich vorstellen: Das sind mehr AbonnentInnen als unsere Print-Zeitung mittlerweile hat", sagt Betschka. Der Checkpoint würde nicht nur von sehr vielen, sondern auch von den richtigen Leuten konsumiert, glaubt er. "Da nimmt man in Kauf, dass der Tag ein bisschen länger geht und man etwas später ins Bett kommt."

Hier finden Sie einige Newsletter des MDR

Denn was den Checkpoint weiter von der gedruckten Zeitung unterscheidet: Er will jeden Morgen Exklusiv-Nachrichten liefern, die weder im hauseigenen "Tagesspiegel" noch in anderen Berliner Zeitungen stehen. "Wir können eigentlich erst anfangen, wenn die Zeitung gedruckt ist", sagt Betschka. Natürlich würde man über den Tag Themen sammeln und sich fragen, wie man morgen die Themen der Zeitung weiter drehen könne, außerdem würden die Autorinnen und Autoren von Rechercheuren bei den Rubriken im Newsletter unterstützt. Am Ende könnten aus einer Checkpoint-Ausgabe auch weitere Recherchen, Themen oder Artikel für die Print-Ausgabe entstehen.

Aber nicht nur deshalb sei der Checkpoint etwas Besonderes. Auch die Art der Ansprache der Leserinnen und Leser unterscheidet sich deutlich zu der in der gedruckten Zeitung. "Hinter unserer teilweise boulevardesken, witzigen, ironischen, und zynischen Art steckt eine gute Recherche. Und diese Kombination macht uns stark", sagt Beschka. Jeder der Autorinnen und Autoren habe eine sehr persönliche Ansprache, einen eigenen Stil und Wiedererkennungswert. "Wir haben teilweise richtige Fans, die auf unsere Newsletter warten und sich freuen, wenn man geschrieben hat."

In der aktuellen Folge des Podcast "Digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT geht es um regionalen Journalismus und die digialen Möglichkeiten.

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Gerade die persönliche Einordnung sei ein Vorteil von E-Mail-Newslettern, glaubt er. Der Journalist stünde im Newsletter stärker im Vordergrund als in der klassischen Zeitung. "Bei uns ist als erstes Bild darüber, morgens blickt einem da groß Julius Betschka in die Augen." Das sei sowohl für die Markenbildung als Journalist aber auch für das Medienhaus wichtig: der Autor trete gleichberechtigt zum Medium auf. "Und ich glaube, das sorgt auch für mehr Nahbarkeit", sagt Betschka.

Newsletter-Community und Journalisten als Menschen

Nah dran an ihren Leserinnen und Lesern sind die Checkpoint-Macher auf jeden Fall und erhalten jede Menge Feedback. "Wir kriegen enorm viele Mails mit Hinweisen von Leuten, die sich wirklich freuen, wenn wir das aufgreifen." Das sei direkter als in der Zeitung. Jeden Tag werden E-Mails also beantwortet, Ideen von Lesern aufgegriffen, Geschichten von Leserinnen im Checkpoint weitererzählt. "Wir haben zum Beispiel in den Sommerferien aufgerufen, uns Urlaubsfotos zu schicken. Und wir dachten, damit kommen wir niemals über die Sommerferien. Aber wir haben tausend Fotos bekommen."

Hier erzählt Julius Betschka, was Journalisten heute können sollten.

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MDR SACHSEN-ANHALT Fr 10.09.2021 12:31Uhr 02:37 min

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Die Checkpoint-Community ist eine Art E-Mail-Journalismus-Fanclub. Und sie wird von den Machern bei vielen Dingen eingebunden: Es gab Laufgruppen mit den Journalisten und Veranstaltungen, auf denen eine Band aus den Checkpoint-Machern auftritt. Das Community-Building funktioniere. "Das führt alles dazu, dass du dich als Leser irgendwie wohlfühlst", glaubt Betschka. Und so würden Leserinnen und Leser vielleicht am Ende auch gern Geld für den Checkpoint bezahlen. Es gibt nämlich eine kostenlose Version und eine ausführliche, kostenpflichtige, die in das "Tagesspiegel"-Abo eingebunden ist. "Wir wollen so eine Art Erlebniswelt schaffen, weil wir heutzutage als Medien mit Netflix und Co. um Aufmerksamkeit ringen."

Und Magdeburg?

Julius Betschkas Aufmerksamkeit gilt auch hin und wieder seiner Heimatstadt. Hier hat er Familie und Freunde, es sei seine Heimat. Regelmäßig ist er deshalb in Magdeburg, bei Familienfesten, Geburtstagen – oder bei FCM-Spielen. "Ich bin super gern in Magdeburg und war neulich beim FCM-Spiel gegen St Pauli." Aber nach Magdeburg zurückziehen? In zehn Jahren vielleicht, sagt er. Und scheint sich dabei etwas unwohl zu fühlen: "Man hat ja manchmal ein schlechtes Gewissen, dass man weggeht. Auch weil das viele junge Menschen machen, die Ideen hätten, was man noch schöner in Magdeburg machen und wie man das Potenzial ausschöpfen kann."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 14. September 2021 | 14:00 Uhr

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