Empfehlung Schmähplastik "Judensau" soll in geschützten Raum umgesetzt werden

Der Beirat der Stadtkirchengemeinde Wittenberg hat am Dienstag seine Empfehlung ausgesprochen, die umstrittene Skulptur der "Judensau" in einen geschützten Raum zu versetzen. Vorausgegangen waren stundenlange Beratungen eines Expertengremiums. Der Mann, der gegen die Plastik geklagt hatte, hat nach seiner jüngsten Niederlage am BGH nun Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Die Schmähplastik befindet auf der Südostseite der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg – über sie wird seit langer Zeit diskutiert. Am Dienstag hat der Expertenrat seine Empfehlung für den Umgang mit ihr gegeben. Bildrechte: IMAGO / Rolf Walter

Der Beirat der Stadtkirchengemeinde Wittenberg hat am Dienstag empfohlen, die Schmähplastik "Judensau" nicht mehr im öffentlichen, sondern in einem geschützten Raum, in einer Art Lernraum zu zeigen, allerdings weiter innerhalb des Stadtkirchenensembles Wittenberg.

Christoph Maier, Mitglied des Beirates, betont, diese Empfehlung sei kein Einknicken, sondern eine Form der Weiterentwicklung der jetzigen Präsentation.

Der Mann, der ursprünglich gegen das Relief geklagt hatte, hat indes Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Das bestätigte ein Sprecher des Gerichts am Mittwoch. Diesen Schritt hatte Kläger Michael Dietrich Düllmann nach seiner Niederlage am Bundesgerichtshof (BGH) bereits angekündigt. Seine Anwälte fordern im Beschwerdeschreiben, dass das BGH-Urteil aufgehoben und der Fall an den BGH zurückverwiesen werde.

Schmähplastik hätte dort bleiben können

Juristisch betrachtet hatte die Wittenberger Stadtkirchengemeinde seit dem jüngsten Urteil des BGH keinerlei Druck mehr. Die Plastik hätte demnach an der Stadtkirchenfassade bleiben können.

Doch weil in Wittenberg inzwischen eine öffentliche Debatte zur sogenannten "Judensau" an Luthers Predigtkirche in Gang gekommen ist, hatte die Stadtkirchengemeinde bereits vor zwei Jahren einen solchen Expertenrat erbeten. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass die Gemeinde dieser Empfehlung auch folgen wird.

Ein Vertreter des ursprünglichen Klägers sagte am Mittwoch, man verfolge, "was sich angeblich oder tatsächlich in Wittenberg tut". Es bleibe bei der Verfassungsbeschwerde. "Sollte sich der Beirat in Wittenberg für eine Abnahme des Reliefs entscheiden, so ist das zu begrüßen."

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Die "Judensau" ist in etwa vier Metern Höhe angebracht. Dargestellt ist eine als Rabbiner karikierte Figur, die den Schwanz eines Schweins anhebt und das im Judentum als unrein geltende Tier von hinten betrachtet. Zwei weitere als Juden gezeigte Figuren saugen an den Zitzen. Eine vierte Figur hält Ferkel von der Muttersau fern. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spottplastiken finden sich an etlichen evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum. Zum Teil verzerren sie Zusammenhänge und bedienen Stereotype. "Hier spielen Elemente herein, die man später vom Antisemitismus kennt und woran man sieht, dass der Antijudaismus des Mittelalters und der Kirche auch eine ganz wichtige Quelle für den rassistischen Antisemitismus der Neuzeit gewesen ist", erklärte Kunsthistoriker Matthias Demel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Wieso wurden diese Bilder angefertigt?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Hintergrund ist der Antijudaismus der christlichen Kirchen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Grenze zum Antisemitismus fließend ist. Ab dem 16. Jahrhundert waren die christlichen Theologien "durchgängig antijudaistisch und auch judenfeindlich", erklärte Jürgen Wilhelm, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V., im Interview mit dem Domradio des Erzbistums Köln. 

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem HaMphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Wie wird das Relief in Wittenberg eingeordnet?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Mehr zur Debatte um die antisemitische Schmähplastik

MDR (Dagmar Böddeker, Johanna Daher)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Juli 2022 | 17:30 Uhr

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