Antisemitismus Gegendenkmal zur Schmähskulptur an der Nicolaikirche Zerbst

Die "Zerbster Sau" hängt seit dem 15. Jahrhundert an der Nicolaikirche in Zerbst. Die antisemitische Schmähplastik soll nun ein Gegendenkmal bekommen, um über ihre Bedeutung aufzuklären. Im kommenden Frühjahr soll das Kunstwerk fertig sein.

Das letzte Licht des Tages scheint auf die Ruine der Kirche Sankt Nicolai.
An der Ruine der Sankt-Nicolai-Kirche befindet sich eine antisemitische Schmähplastik. Nun soll ein "Gegendenkmal" unterhalb der Plastik entstehen. Bildrechte: dpa

  • Mit einem Kunstwerk will die evangelische Kirchengemeinde ein Gegendenkmal zur antisemitischen Schmähplastik an der Ruine der St.-Nicolai-Kirche setzen.
  • Die "Zerbster Sau" hängt seit dem 15. Jahrhundert an der Kirche und verunglimpft Jüdinnen und Juden.
  • Antijüdische Skulpturen gibt es seit dem Mittelalter an mehreren Kirchen in Deutschland – auch in Wittenberg.

Die evangelische Kirchengemeinde St. Nicolai und St. Trinitatis in Zerbst will mit einem Kunstwerk ein sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Wie die Gemeinde mitteilte, soll in unmittelbarer Nähe zu der antijüdischen Schmähskulptur ein Gegendenkmal an der heutigen Ruine der Sankt-Nicolai-Kirche errichtet werden. "Die Schmähplastik mit ihrer menschenverachtenden Aussage gehört zu unserem historischen Erbe. Wir wollen sie deshalb nicht entfernen, sondern sie zu einer erklärenden Mahnstätte umgestalten", sagte Pfarrer Lutz-Michael Sylvester am Dienstag.

Gegendenkmal von Künstler aus Baden-Württemberg

Für das Kunstwerk hatte die Zerbster Kirchengemeinde eigenen Angaben zufolge einen künstlerischen Wettbewerb ausgeschrieben. Unter zehn eingesandten Entwürfen hatte die Jury einen Entwurf von Hans-Joachim Prager aus Wernau (Baden-Württemberg) ausgewählt. Der Künstler wurde 1952 in Dessau, unweit von Zerbst, geboren.

Die Plastik des Künstlers mit dem Titel "Reflexion" soll im kommenden Frühjahr unmittelbar unterhalb der Schmähplastik aufgestellt werden. Auf der 1,25 Meter hohe Stele sollen die Bibelworte "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde" stehen sowie die Namen jüdischer Familien aus Zerbst, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Auch der Verfassungsgrundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" werde auf dem Denkmal zu lesen sein.

Mein Exponat soll dazu beitragen, dass der dafür vorgesehene Platz zu einem Ort der Begegnung und Verständigung wird.

Hans-Joachim Prager Künstler

Infotafel seit 2022 an Kirchenruine

In Zerbst gibt es laut der Evangelischen Landeskirche Anhalts seit Anfang 2022 eine Informationstafel unter der Schmähskulptur an der Kirchenruine St. Nicolai.

Kunstwerk Schmähplastik Kirche Zerbst
Der Künstler Hans-Joachim Prager in der Kirche St. Trinitatis Zerbst mit einem Modell in Originalgröße des von ihm entworfenen Gegendenkmals zur Schmähskulptur der "Judensau". Bildrechte: Killyen/Ev. Landeskirche Anhalts

Antisemitisches Relief seit 15. Jahrhundert an Zerbster Kirche

Die "Zerbster Sau" hängt an einem Pfeiler auf vier Metern Höhe an der Nordseite der Ruine. Zentrum der Darstellung ist eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die spitze Hüte tragen und Juden darstellen sollen. Die Plastik stammt aus dem 15. Jahrhundert, um 1450 soll sie in etwa entstanden sein.

Diskussion um "Judensau" an Stadtkirche in Wittenberg

Antijüdische Skulpturen gibt es seit dem Mittelalter an mehreren Kirchen in Deutschland. Auch ein Relief an der Stadtkirche von Wittenberg hatte in den vergangenen Jahren wiederholt für Diskussionen gesorgt. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte im Juni 2022 entschieden, dass das Relief bleiben darf. Einen Monat später empfahl ein Expertengremium der evangelischen Stadtkirchengemeinde von Wittenberg, die Skulptur doch zu entfernen.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die evangelische Stadtkirchengemeinde in Wittenberg beschloss im August dann, dass das antijüdische Schmährelief an Luthers Predigtkirche einen neuen Erklärtext als Zeichen gegen Antisemitismus erhält. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Jörg Bielig, hat für den Herbst eine neue Infotafel zu dem Relief angekündigt, auf der erstmals Jüdinnen und Juden um Vergebung gebeten werden sollen.

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dpa, MDR (Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. Oktober 2022 | 11:00 Uhr

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