MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche (Folge 53) Dubiose Lerngruppen – wer steckt dahinter?

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Seit Beginn der Corona-Zeit und damit einhergehender Schulschließungen, Masken- und Testpflicht wurden immer mehr sogenannte Lerngruppen gegründet. Manche dieser alternativen Schulen sind von Querdenkern und Reichbürgern mit aufgebaut worden. Wer steckt dahinter und wie reagieren die Behörden?

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Esther Stephan (ES): Sie hören den Podcast "MDR Investigativ - Hinter der Recherche". In diesem Podcast sprechen wir mit Journalist*innen über ihre Recherchen. Es geht um das Thema und darum, wie die Reporter*innen zum Beispiel Menschen gefunden haben, die mit ihnen sprechen. Außerdem sprechen wir mit ihnen über ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse während der Dreharbeiten.

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Ich bin Esther Stephan und arbeitete für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks.

In dieser Folge sprechen wir über die sogenannten Lerngruppen. Denn während der Corona-Zeit wurden davon immer mehr gegründet. Und manche dieser alternativen Schulen sind von Querdenkern und Reichsbürgern aufgebaut worden. So hat zum Beispiel Andreas Martin von "Mitteldeutschland steht auf" auf einer Querdenken-Demo ganz aktiv Werbung für eine dieser Gruppen gemacht.

Vernetzt euch, und zwar offline. Sprecht miteinander, statt übereinander. Ob ihr alternative Lerngruppen macht, ob ihr alternative Ernährungsprogramme macht, ob ihr alternative Landwirtschaft macht, oder oder. Das wisst ihr nicht. Redet miteinander. Vernetzt euch offline. Bilder Gruppen, regional und überregional. Weil das ist genau das, was Sie nicht wollen.

Andreas Martin

ES: Nina Böckmann und Thomas Datt haben zu diesen Lerngruppen recherchiert. Hallo!

Thomas Datt (TD): Hallo!

Nina Böckmann (NB): Hi!

ES: Nina, es gibt ja auch in Deutschland so Freilernergruppen. Das sind Gruppen, in denen Kinder aus der Schule rausgenommen werden und zum Beispiel von ihren Eltern unterrichtet werden, in kleinen Gruppen. Und die entziehen sich auch der Schulpflicht. Was ist da denn jetzt der Unterschied zu den alternativen Lerngruppen, zu denen ihr recherchiert habt?

NB: Bei den Lerngruppen, zu denen wir recherchiert haben, muss man sagen es steht im Vordergrund eigentlich für viele Eltern, so lässt es sich zumindest aus den Telegram-Gruppen entziffern, in denen sie da sehr aktiv schreiben, dass sie ein Problem haben mit den Corona-Maßnahmen. Vor allem mit Maskenpflicht und der Testpflicht, die ja in den Schulen auch gegolten haben und nach ihren Worten die Kinder davor schützen müssen vor diesen Maßnahmen. Und viele nutzen das eben als Argument, um die Kinder aus den Schulen herauszunehmen. Diese Möglichkeit bestand ja auch lange Zeit, weil die Präsenzpflicht in den Schulen ausgesetzt war. Das reicht dann aber auch bei einigen Eltern weiter. Also es beschränkt sich nicht nur auf eine Kritik an den Corona-Maßnahmen, sondern viele äußern dann eben auch verschwörungsideologische Elemente. Steigern sich da teilweise auch ganz schön rein, und bei einigen scheint mittlerweile der Punkt erreicht, wo sie eben nicht nur die Maßnahmen ablehnen, sondern das gesamte Schul- und Bildungssystem in Frage stellen und für sich die Antwort gefunden haben, die Kinder langfristig anders unterrichten zu wollen.

ES: Also so Verschwörungsideologien, Reichsbürger, also rechte Gruppen, die die Existenz des deutschen Staates komplett abstreiten. Was wird denn in diesen Schulen unterrichtet? Thomas, weißt du das?

TD: Das wissen wir leider nicht so genau. Diese Gruppen agieren ja relativ verdeckt, und man kann da nicht so einfach teilnehmen. Und sie haben ja auch kein Interesse, selber anzuzeigen, wo konkret und wie sie agieren. Weil sie ja immer Angst haben vor den Behörden. Zurecht, du kannst ja eine freie Schule in Deutschland betreiben, musst die allerdings genehmigen lassen. Und dazu ist man ja in der Regel grundsätzlich nicht bereit, weil man ja der Meinung ist, man macht sein ganz eigenes Ding. Und dieser Staat hat sein Existenzrecht spätestens mit Corona, quasi mit den Corona-Maßnahmen, verwirkt. Und man muss halt immer sehen: Es geht in dieser Bewegung, die auch sozusagen nicht zentral gesteuert ist, sondern sich aber in ihrem Ziel sehr einig ist, in der Ablehnung des Staates und seiner Institutionen, vor allen Dingen darum, so kleine Parallelgesellschaften zu gründen, in der Hoffnung, dass man das irgendwann mal zu einem großen Ganzen anderen vernetzen können.

ES: Jetzt hast du gerade schon gesagt, also diese Schulen sind so während Corona entstanden. Jetzt ist zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung Corona ja vorbei. Es fallen immer mehr Maßnahmen. Die Schulen sind auch schon länger wieder zurück im Regelbetrieb. Warum genau habt ihr euch jetzt mit diesen Lerngruppen beschäftigt? Das läuft ja schon eine Weile?

NB: Also du hast es eben selber gesagt. Es gibt in vielen Bereichen eine Rückkehr zum "Normalzustand". Vor allem ist eben die Präsenzpflicht wieder eingeführt worden, die ja lange ausgesetzt war, an den Schulen in Sachsen, aber auch über Sachsen hinaus. Und sich das jetzt anzugucken, war eben auch aufgrund dessen, dass die Präsenzpflicht wieder eingeführt wurde. So entstanden, weil sich zumindest unsere Einschätzung nach dadurch vielleicht auch ein bisschen zeigt, wie ernst es die Eltern meinen. Wie viele auch aufgrund dessen, dass sie Sanktionsmaßnahmen befürchten müssen, ihre Kinder trotzdem weiter dem Schulbetrieb entziehen und genau hinzuschauen und zu gucken, welche Eltern es wirklich ernst meinen.

ES: Aber es gibt ja auch immer noch die Schulpflicht. Also die könnte der Staat ja auch eigentlich durchsetzen.

TD: Man muss natürlich sehen, wie Nina gesagt hat, die Präsenzpflicht war zum Beispiel in Sachsen relativ lange ausgesetzt. Jetzt ist sie seit ein paar Monaten schon wieder da. Aber es gibt doch glaube ich einen sehr weichen Übergang. Man darf nicht unterschätzen, die Kinder waren doch schwierigen zwei Jahren ausgesetzt. Auch die Schulen. Und ich glaube vielfach geht das pädagogische Personal auch sehr behutsam mit solchen Fragen um. A) gibt‘s auch genug andere Sachen zu tun. Und B) gibt es natürlich auch genug Gründe, andere Gründe, die gar nichts mit solchen Versuchen das Schulsystem…zu tun haben, weshalb Eltern ihre Kinder zu Hause gelassen haben. Deshalb wird es sich jetzt wahrscheinlich erst langsam wieder eingrooven. Und man wird wahrscheinlich, es sei denn, es kommt wieder eine Corona-Welle im Frühherbst. Man wird wahrscheinlich realistisch am Anfang des nächsten Schuljahres sehen, wie das ist. Wie viele Leute oder Eltern, wie Nina sagt, es wirklich ernst meinen. Und man muss natürlich auch sagen, als Journalist guckt man immer auf den kritischen Punkt. Man muss schon mal sehen, wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Wir leben nicht in einer Gesellschaft, und ich glaube das möchte auch niemand von uns, wo praktisch Eltern überwacht werden. Das heißt, um dem nachzugehen, brauchst du schon Hinweise. Und es ist ja auch nicht so, du kannst du auch als Lehrer nicht so ohne weiteres die Motive ergründen. Du musst erst mal dem glauben, was da geschrieben ist, wenn da geschrieben wird: "Mein Kind ist irgendwie krank", oder es gibt vielleicht auch noch einen Attest, hast du ja erst mal keinen Grund, daran zu zweifeln. Es gibt ein Beispiel, wo es ernsthafte Hinweise gab, nachdem der Verfassungsschutz vor Reichsbürger-Gruppen, die auch solche Lerngruppen gemacht haben, in Ostsachsen gewarnt hat. Da gab es zahlreiche Hinweise, die der Verfassungsschutz noch nicht hatte. Aus Schulen. Da braucht man sich auch nichts vormachen, wenn du Reichsbürger-Eltern in der Schule heißt, merkst du natürlich schnell. Weil die diese Agitation dir dann spätestens bei Elternabenden begegnen. Und da gab es auch Hinweise von Schulleitern. Und da gab es auch Hinweise auf neue Reichsbürger-Grüppchen. Aber das ist nicht in jedem Fall so, dass nicht in jedem Fall, sodass die Leute damit offen hausieren gehen.

ES: Es gibt ja dieses eine Beispiel, in Crimmitschau, wo ihr ja auch gewesen seid. Da seid ihr dann auch nochmal zum Landesamt für Schule und Bildung gefahren. Die wussten von dieser Lerngruppe. Und trotzdem schien Roman Schulz vom Amt jetzt eigentlich eher so ein bisschen überrascht. Roman Schulz: Dann muss man der Sache nachgehen. Dann nehm ich das gerne mit. Uns sind keine Hinweise bekannt. Uns sind auch keine Hinweise aus Schulen bekannt, dass Kinder mit der Motivation, eine andere illegale Schule zu besuchen, nicht in der Schule sind.

ES: Warum genau hat das Landesamt so reagiert?

NB: Also ich glaube, ein Problem, das sich stellt, ist tatsächlich ein relativ bürokratisches. Bei der Schulpflicht ist es so, dass es eine Zusammenarbeit gibt zwischen den Landratsämtern und diesem Landesamt für Schule und Bildung. Die Landratsämter sind vor allem für die Schülerinnen und die Eltern zuständig. Das heißt, wenn eine Schule sogenannte Dauerschwänzer anzeigt, dann ist das Landratsamt die Behörde, die irgendwann ein Brief zustellt und darin gibt es eine Zahlungsaufforderung, ein sogenanntes Bußgeld. Das Landesamt für Schule und Bildung wiederum übernimmt dann den Part, sich eben anzugucken, welche Vereine oder Organisationen die Versuche unternehmen, eben eigene Bildungsangebote zu schaffen. Und die müssen ja genehmigt sein. Das ist die Aufgabe des Landesamtes, das zu prüfen, zu genehmigen oder aber wie in diesem Fall eben auch einzuschreiten und zu sagen: Hier liegt keine Genehmigung vor. Warum genau das Landesamt für Schule und Bildung in diesem Fall Crimmitschau nicht weiter hingeschaut hat, das können wir nicht sagen. Also sie wussten von diesem Lerngruppen-Projekt. Sie haben tatsächlich sogar von den Betreibern selbst ein Schreiben bekommen, die sie einfach darauf hingewiesen haben, dass sie jetzt eine eigene Schule gründen und das jetzt selber machen. Daraufhin hat das Landesamt eben gesagt: Nein, das geht nicht. Und so, wie wir es verstanden haben, lag's dann brach. Warum genau, da nicht noch mal nachgehakt wurde und nicht noch mal hingeschaut wurde, wurde uns gegenüber vor allem mit Kapazitäten begründet und damit, dass es nicht die Aufgabe sei, zu ermitteln.

TD: Na ja, man darf ja nicht vergessen, das funktioniert und sich dann am besten, wenn sie mit eingespielten Prozeduren zu tun hat. Das, bis auf Einzelfälle, spielte bisher keine so große Rolle. Und ich glaube, in dem Moment, wo man das Schreiben beantwortet hatte und darauf verwiesen hatte, das die Leute in Crimmitschau gern versuchen können, freie Schulen zu gründen, aber dass das ist ein aufwendiges Genehmigungsverfahren ist und die entsprechende Anträge stellen müssen, hat man glaube ich vermutet, dass sie sich dann daran halten werden und kam nicht auf die Idee, dem nochmal nachzugehen. Und offenbar funktioniert auch da die Kommunikation zwischen dem Landkreis und dem LaSuB nicht besonders. Ich glaube, das Problem ist, du musst dann natürlich Leute abstellen, die sich speziell damit beschäftigen. Eigentlich hatte der Kultusminister gesagt, die Rechtsabteilung des LaSuB ist dafür zuständig. Aber du musst dann natürlich auch aktiv werden. Und kannst du nicht erwarten, dass dir irgendjemand quasi Briefe schickt und sagt: Da und da ist eine Lerngruppe. Also dann müsstest du vielleicht doch selber aktiv werden. Und das scheint im Moment weder im Bestreben, noch in den Möglichkeiten des LaSuB zu liegen.

NB: Zumal Roman Schulz auf jeden Fall auch aufgrund einer Anfrage von uns aus dem Dezember schon Kenntnis hatte von Vereinen und Organisationen, die eben diese Versuche unternommen haben und trotzdem im Gespräch immer wieder betont hat, dass er Hinweise benötigt oder beziehungsweise das Schulamt Hinweise benötigt, um tätig zu werden. Wie genau die Hinweise aussehen müssen, damit sie tätig werden, das können wir nicht so richtig einschätzen.

ES: Es mag ja auch daran liegen, also, die haben natürlich auch ein Interesse daran, dass sie jetzt erst mal nicht gestört werden. Das sind ja auch alles so recht geschlossene Systeme, diese Lerngruppen. Wie habt ihr denn eigentlich Leute gefunden, die euch dann erzählt haben, was in diesen Schulen abgeht? Sind die auf euch zugekommen oder habt ihr die über diese Telegramgruppen gefunden?

TD: Nö, also wie das halt so ist bei Recherchen. Du redest mit einem, der redet mit einem anderen. Und irgendwann hast du denn Kontakt. Manchmal klappt es. Manchmal klappt es nicht. Es war auf alle Fälle klar, dass die Personen, die da mit uns geredet haben, nicht irgendwie namentlich bekannt werden wollen, weil es auch teilweise eine Szene ist, die man so als unberechenbar einstuft. Und die auch für ihr Drohpotenzial zum Teil bekannt ist. Gerade diese Reichsbürger-Szene, wo man sich fernhalten möchte.

ES: Die Menschen, mit denen ihr dann gesprochen habt, am Ende des Films sind die alle anonymisiert. Die stehen dann zum Beispiel mit dem Rücken zur Kamera, wie auch diese Frau ganz am Anfang des Films. Wollte niemand mit euch vor der Kamera sprechen?

NB: In Crimmitschau beispielsweise haben wir ja versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Wir waren da an einem Wochentag morgens und haben eben beobachtet, wie Eltern ihre Kinder zur Schule gebracht haben. Die sind dann da mit Ranzen und gut bepackt sozusagen in diesen Gasthof. Und auf unseren Versuch hin, eben ein Gespräch zu führen, mit der Frau, die selbst sich als Initiatorin darstellt, hat man ziemlich schnell abgewiegelt und eben darum gebeten, einen Termin zu machen und darauf verwiesen, dass die Lerngruppe nicht funktionieren würde, wenn sie die jetzt sozusagen fehlt. Weil sie da als Lerngruppen-Begleiterin eben eingesetzt wäre. Wir haben das dann auch gemacht. Wir haben im Nachhinein dann auch noch Mailkontakt gehabt. Zunächst gab es dann auch einen Termin, zu dem wir uns verabredet haben, an dem Sie mit uns sprechen wollte. Der ist dann aber ziemlich schnell wieder gecancelt worden. Und dieses Gespräch eben nicht zustande gekommen.

TD: Muss man ja über natürlich dazu sagen: Es ist jetzt auch nicht verwunderlich, dass aus der Szene wenig Leute vor die Kamera treten wollen oder überhaupt mit uns reden wollen, weil für sie sind wir Teil eines Systems, das die ablehnen.

ES: Ich stelle mir nur vor, dass das eine Recherche sehr schwierig machen kann.

TD: Nina arbeitet ja schon länger an dem Thema. Es ist ja auch im Wesentlichen Ninas Recherche. Ich habe sie da nur unterstützt. Wir waren ja dann wegen des Ukraine-Krieges länger weg, in der Slowakei, bisschen auch in der Ukraine. Wir haben das Thema dann sozusagen später auch erst wieder aufgegriffen, als es dann zeitlich auch ging. Und tatsächlich noch präsent war, wegen der Frage, wie ernst meinen es die Leute, wenn die Präsenzpflicht wieder da ist, so als Gradmesser. Aber was natürlich für so eine Recherche immer noch gut wäre. Was in der Recherche gefehlt hat, weil da braucht es auch Zeit, es ist auch eine Sache von Glück, aber vor allen Dingen von Zeit. Du musst halt Leute finden, die in dieser Szene sind. Die zumindest verdeckt mit dir reden. Es ist ja eine Frage von Fairness, wir sind ja keine Richterinnen und Richter, sondern wir versuchen, bestimmte Entwicklungen und Motivation darzustellen. Und da würde man sicher auch den einen oder anderen finden, die in dieser diesen Gruppen sind, wenn sie eben die Gewissheit haben, dass ihre Identität nicht bekannt wird.

ES: Wer dann aber doch noch mit Thomas und Nina gesprochen hat, das ist Ricardo Leppe. Der hat einen Verein, "Wissen schafft Freiheit". Und da vernetzt er verschiedene Lerngruppen miteinander. Auf dem dazugehörigen Youtube-Kanal, da gibt er Lerntipps. Da geht’s dann zum Beispiel darum, wie man sich komplizierte Vokabeln gut merken kann. Und in manchen Videos, da streut er dann auch immer so latent verschwörungsideologische Inhalte mit ein. Aber das passiert auf so eine Weise, dass man das im ersten Moment gar nicht so schnell merkt. Nina und Thomas haben sich dann mit ihm getroffen und ich habe sie im Gespräch gefragt, wie das Treffen mit Leppe eigentlich abgelaufen ist.

NB: Man muss tatsächlich sagen, dass Ricardo Leppe, da ein ziemlicher Profi ist. Natürlich haben wir ihm auch Fragen gestellt zu den Inhalten seiner Videos, die nicht nur Bezug zu Lernmethoden haben. Aber er hat sich tatsächlich sehr geschickt immer wieder rausgewunden aus Antworten, die ein klareres Bild ergeben hätten. Gerade zu der Frage, in einem Video sagt er beispielsweise, oder er fragt vielmehr, warum es denn so schlimm wäre, wenn man das, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, infrage stellen würde. Und warum man dann ganz, ganz böse und ganz, ganz schlimm ist. Er würde ja nicht sagen, das sei nicht passiert. Aber vielleicht sei es nicht so passiert. Auf die Frage hin hatte er tatsächlich schon eine Antwort parat, die alles relativ harmlos hat erscheinen lassen. Also da ging es für ihn dann sozusagen um die Besatzung durch die sowjetischen Streitmächte, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Österreich stattgefunden hat. Den Holocaust zum Beispiel, so hat er es gesagt, würde er nicht infrage stellen.

ES: Hattet ihr vor dem Treffen Angst, dass das passieren würde? Oder zumindest eine Sorge, dass er euren Fragen so geschickt ausweichen kann, dass da am Ende vielleicht einfach nichts rauskommt?

NB: Ich glaube, man darf nicht unterschätzen, dass er medial gut geschult ist. Er tritt immer wieder in verschiedenen Formaten auf, wird lang und breit interviewt. Also er hat auf jeden Fall sehr viel Übung darin. Das sind natürlich alles keine - in Anführungsstrichen - kritischen Formate. Sondern die meisten davon gehören eben auch zu dieser Blase von verschwörungsideologischen Medien und - in Anführungsstrichen - alternativen Medien. Und trotzdem würde ich sagen, ist das natürlich eine Grundlage für ihn, um sich darin zu schulen, wie er sich ausdrückt. Und ich würde sagen das ist auch Teil des Konzepts.

ES: Ihr habt es dann ja so gelöst, dass ihr dann noch zu einem Vortrag von ihm gegangen seid und dort dann verdeckt gefilmt habt. War das aufschlussreicher dann am Ende, auch so zusammen?

TD: Nein. Also wie gesagt, Ricardo Leppe ist schon sehr geschickt. Er ist wirklich ein Profi, wie Nina beschreibt. Nö, der macht es sehr gewandt. Dieser Vortrag, der für mich eigentlich nicht zu ende ging, also viereinhalb Stunden lang. Es gab dann nur eine fünfminütige Lüftungspause, weil irgendeine Frau sagt: Die Luft im Raum ist so schlecht. Er selber, er ist ja Zauberkünstler, oder Trickkünstler, je nachdem, wie man es betrachten will. Und man merkt schon diese Show-Erfahrung und glaube, ich habe lange überlegt, warum ich keine Pause macht. Und ich glaube, er wollte, diese Pause nicht machen, weil diese Spannung, die er so aufgebaut hat, die wollte er nicht wieder abfallen lassen und dann wieder neu aufbauen müssen. Nein, der hat es geschickt gemacht. Es war so eine Mischung aus: Man beginnt mal praktisch im großen Stuhlkreis. Wie geht es dir heute? Was beschäftigt sich am meisten? Dann wird auch er gefragt, der wird auch regelrecht angehimmelt von seiner Anhängerschaft. Auch viele Mütter hat man gemerkt, die offenbar auch relativ dringend Rat brauchten. Gerade so, was Vermittlung von Mathe anging. Dann hat er so Merkspiele gezeigt, wo man Körperteile anfässt, um sich bestimmte Länder in bestimmten Erdteilen zu merken. Und es gab also außer, dass er sich am Anfang über dieses Interview echauffiert hatte - so viele Fragen, bäm bäm bäm und wir bösen Rechten – dann lachten alle so einvernehmlich. Ne, gab es eigentlich keine Anspielung darauf. Da muss man aber sehen, das sehen Nina und ich, glaube ich, ein bisschen unterschiedlich. Ich halte ja Leppe in erster Linie für einen Verkäufer. Man darf nicht vergessen: In diesem Raum waren ungefähr 150 Leute. Lassen wir es 50 Kinder gewesen sein, die Erwachsene bezahlen zehn Euro, macht tausend Euro. Dann monetarisiert er seine Sachen zum Teil bei YouTube, weil er hat ja durchaus einen reichweitenstarken Kanal. Das ist glaube ich einfach auch ein einträgliches Geschäft. Ja, und ich persönlich vermute, dass dieses Geraune vor allen Dingen auch in dem Wissen passiert, welche Milieus ansprechen will. Welche Milieus quasi sein Markt sind. Nina sieht es glaub ich ein bisschen anders.

ES: Ja, das wollte ich gerade fragen. Was würdest du sagen, wenn Thomas sagt, er ist einfach nur ein guter Geschäftsmann?

NB: Das würde ich gar nicht abstreiten. Ich wäre in der Hinsicht auch Thomas' Meinung. Aber ich würde nicht sagen, dass es ihm nur ums Geschäft geht. Also ich bin schon der Auffassung, dass ihm das, was er immer wieder einstreut, an verschwörungsideologischen Elementen. Aber auch, dass ist ein großes Thema alternativer Medizin und alternativen Heilmethoden, dass ihm das wirklich ein Anliegen ist. Es gibt beispielsweise ja auch Videos von ihm, wie er mit seinem Bruder zusammen empfiehlt, wie man eine Chlordioxid-Lösung trinkt. Das ist eine Substanz vor der warnen eigentlich alle Gesundheitsbehörden, weil die zu schweren Verletzungen, teilweise zum Tod führen kann. Leppe ist aber davon überzeugt, dass das ein Weg ist, um sich gesundheitlich wirklich zu heilen. Und das ist eben ein Teil dessen, dieser Parallelwelt, in der er da zum Teil lebt. Und die er auch vermittelt. Also es geht halt nicht nur um die Lerninhalte. Sein Bruder betreibt beispielsweise einen YouTube Kanal, da geht es nur um Gesundheitsthemen, in Anführungsstrichen Gesundheitsthemen. Und das greift auch Leppe immer wieder auf.

ES: Lasst uns nochmal zurück zu den Lerngruppen kommen. Ihr habt mit Matthias Pöhlmann gesprochen. Der ist Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Bayern. Und der beschäftigt sich eben schon ziemlich lange mit Esoterikern und eben auch viel mit rechten Gruppen. Und er hat im Film erzählt, dass es für diese Lerngruppen eben während Corona auch total wichtig geworden ist, dass die entstanden sind. Da habe ich mich auch gefragt: Warum denn ausgerechnet Lerngruppen? Also warum zielt man auf die Kinder? Weil man könnte ja eigentlich auch genauso gut einfach Erwachsene miteinander vernetzen?

NB: Die Lerngruppen sind Teil von etwas, es ist ein Element. Die Lerngruppen sind jetzt natürlich besonders wichtig geworden, weil es ein Möglichkeitsfenster gab. Also durch die Aussetzung der Präsenzpflicht sind vermutlich viele Eltern auf den Trichter gekommen, dass man da ja etwas anders machen könnte. Es gab die Möglichkeit, die Kinder zusammenzustecken, sich mit anderen Eltern zu vernetzen. Das passiert darüber ja auch. Es ist ja nicht nur die möglicherweise Indoktrinierung von Kindern, sondern es ist eben auch die Vernetzung mit anderen Eltern, die eine ganz große Rolle spielt, vor allem in diesem Chatgruppen. Da bestärkt man sich gegenseitig. Man tauscht sich aus über verschiedene Themen. Und dennoch ist es natürlich auch Teil einer Strategie, früh auf Kinder einzuwirken. Also man kennt das ja auch aus der rechtsextremen Szene. Da gab es auch früh schon Versuche, eigene Bildungsmöglichkeiten zu schaffen. Das wurde da zum Teil relativ vehement, dann verhindert durch Behörden. Das, was jetzt gerade passiert, ist ja sozusagen unterm Radar. Eben durch dieses Möglichkeitsfenster, dass der Staat da länger nicht hingeguckt hat. Und auf der anderen Seite würde ich sagen: Es ist Teil einer Strategie. Es gab ja beispielsweise auf Demonstrationen auch die Aufrufe dazu, sich ein alternatives System zu schaffen. Das betrifft ein alternatives Bildungssystem. Das betrifft aber auch ein alternatives Wirtschafts- und Landwirtschaftssystem beispielsweise, von dem viele träumen.

TD: Weil man eben ein Element nicht unterschätzen darf. Ja, Strategie, die gibt’s. Es ist zumindest ein Trend, den man auch in Reden von Höcke findet. Oder auch bei den freien Sachsen, quasi im Rücken des Staates oder dort, wo der Staat schwach ist. Und es gilt für die ländlichen Gebiete in Ostdeutschland vor allem. Dort nutzen sie di Chancen, eigene Strukturen aufzubauen. Weil man sich schon bewusst ist, dass man die Gesamtgesellschaft nicht auf seine Seite bringen kann, um sie zu übernehmen auf absehbare Zeit. Aber man darf bei diesen Lerngruppen nicht unterschätzen: Es sind da nicht nur Eltern bei, die ideologisch hardcore sind, oder die schon tief verankert in dieser rechts-verschwörerischen oder esoterischen Szene sind, so rechts-esoterischen Szene. Weil Esoterik ist auch ein differenziertes Feld, es sind ja nicht alles Extremisten, Gott bewahre. Aber man darf nicht unterschätzen, dass Eltern zum Teil auch radikalisiert werden auf emotionale Weise. Weil da ist Corona gekommen und dann ist sind sozusagen ihre Kinder, ihr Teures Gut, wurde auf einmal Masken ausgesetzt, was sie halt quasi nicht verstehen wollten. Was sie quasi - emotional verständlich - als totale Zumutung empfangen. Teilweise völlig irrational, was das Wissen darüber angeht. Und ein Teil von diesen Leuten, man ja immer sehen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Eltern, das ist eine verschwindend kleine Zahl von Leuten, aber für sich gesehen ist es schon eine Zahl, dass dann sich sozusagen so eine schnell-Radikalisierung stattgefunden hat. Und deshalb Leute natürlich auch empfänglich werden. Also wenn du in dem Moment in diesem Ragemodus bist und sagst: Hier mein Kind wird jetzt hier quasi misshandelt. Und dann sagt dir jemand: Guck mal, da gibt es eine Lerngruppe! Dann ist das natürlich sozusagen eine Chance, da jemanden reinzuholen.

ES: Nina Böckmann und Thomas Datt! Vielen Dank!

NB: Gerne.

TD: Ciao Esther.

ES: Das war der Podcast "MDR Investigativ - Hinter der Recherche". Der Film von Nina Böckmann und Thomas Datt, der lief am 11. Mai bei Fakt. Sie finden die Sendung noch immer in der ARD Mediathek zum Nachschauen. In zwei Wochen hören Sie an dieser Stelle meine Kollegin Secilia Kloppmann wieder. Wir freuen uns übrigens, wenn Sie mit uns in Kontakt treten. Dazu können Sie gerne eine E-Mail an investigativ@mdr.de senden oder Feedback auf der Podcast-Plattform ihrer Wahl hinterlassen. Machen Sie es gut, Danke fürs Zuhören und bleiben Sie gesund!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt | 10. Mai 2022 | 21:45 Uhr

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