Tag der Deutschen Einheit Wie Menschen im Osten von den Erfahrungen der Wende profitieren

Fast jeder kennt den Begriff vom Jammer-Ossi. Es ist ein Begriff, der suggeriert: Dem Ostdeutschen kann man es einfach nicht recht machen. Zum Tag der Deutschen Einheit wollen wir das Bild umkehren. Vielleicht sind die Ostdeutschen gar nicht so jammernd, wie gern suggeriert wird. Vielleicht sind sie durch ihre Wendeerfahrung sogar Avantgarde. Denn sie haben in der Wiedervereinigung gelernt, mit Krisen umzugehen. Und Krisenerfahrung ist ja gerade gefragt.

Adriana Lettrari nennt sich mit Stolz Wendekind. Sie ist in Neustrelitz geboren, hat als Jugendliche Massenarbeitslosigkeit und Aufbau Ost miterlebt. Und diese Erfahrung, findet Lettrari, sei ein Schatz. Sie hat die Initiative "Dritte Generation Ostdeutschland" mitgegründet und ermuntert Ostdeutsche, ihre Prägung durch die Wendejahre selbstbewusster zu benennen.

Darüber sprach sie vergangene Woche auch beim Ostdeutschen Energieforum: "Dass ich in einem Transformationsraum aufgewachsen bin, in der DDR geboren und in der vereinigten Bundesrepublik am Ende meinen Weg gemacht habe, das kann ich ja mal ganz stark als Satz Nummer eins vielleicht in meinen Bewerbungsunterlagen zum Ausdruck bringen." Lettrari sieht die Ostdeutschen als Avantgarde. Sie könnten Umbrüche besser meistern, weil sie schon durch eine große Veränderung hindurchgegangen sind.

Wendeerfahrung soll bei künftigen Veränderungen helfen

Diesen positiven Blick versucht auch Matthias Platzeck zu vermitteln. Brandenburgs Ex-Ministerpräsident sagt, die Wendeerfahrung sei doch etwas, was bei künftigen Veränderungen helfen könne: "Die Digitalisierung, die uns bevorsteht, wird die Arbeitswelt komplett verändern. Es wird nichts mehr mit der Arbeitswelt von Heute zu tun haben." Oder das, was man Bewältigung des Klimawandels nenne, werde die Strukturen in diesem Land verändern.

Haben wir alles erfahren, haben wir alles hinter uns. Wir kriegen auch diesen Umbruch gemeistert.

Matthias Platzeck, SPD Frührerer Ministerpräsident von Brandenburg

Platzeck sagt, er glaub, wer als Ostdeutscher grundoptimistisch sei und positiv durchs Leben gehe, könne sagen: "Kinder, ängstigt Euch nicht. Haben wir alles erfahren, haben wir alles hinter uns. Wir kriegen auch diesen Umbruch gemeistert." Platzeck nimmt eine wachsende Identifikation mit Ostdeutschland wahr, eine Identifikation aus Stolz.

Ostdeutsche verbindet das Gefühl der Unsicherheit

Das Problem ist nur: In den vergangenen 30 Jahren überwog bei vielen der Trotz. Zu tief saßen bei vielen die Kränkungen, dominierte das Gefühl, dass die eigene Lebensleistung nicht anerkannt wird.

Juliane Stückrad - Blonde Frau mit halblangen Haaren und dunklem Jackett sitzt auf Steintreppe
Die Ethnologin Juliane Stückrad beschäftigt sich mit den Transformationserfahrungen von Ostdeutschen. Bildrechte: Susanne Schleyer

Damit beschäftigt sich die Ethnologin Juliane Stückrad: "Die Transformationserfahrung, die alle irgendwo verbindet ist, dass es Zeiten gibt, in denen man kaum vorausplanen kann.

Wenn es etwas Verbindendes zwischen den Ostdeutschen gibt, dann ist das ein Gefühl von Unsicherheit. Und die einen haben das als Aufbruch wahrgenommen und die anderen als große Enttäuschung."

Wenn es etwas Verbindendes zwischen den Ostdeutschen gibt, dann ist das ein Gefühl von Unsicherheit.

Juliane Stückrad Ethnologin

Soziologe: 40 Prozent der Ostdeutschen sahen Wende als Chance

Der Görlitzer Soziologe Raj Kollmorgen macht zwei Gruppen an Ostdeutschen aus. Rund 60 Prozent hätten durch Arbeitslosigkeit oder mangelnde Wertschätzung die Zeit nach 1989 negativ erlebt und stünden Veränderungen generell skeptisch gegenüber. Rund 40 Prozent hätten dagegen Chancen gesehen und auch genutzt.

Gunter Erfurt, CEO von Meyer Burger, steht in der Produktion von Solarzellen des Schweizer Unternehmens.
Bildrechte: dpa

Gunter Erfurt gehört zur zweiten Gruppe. Der Unternehmer baut für die Firma Meyer Burger die totgesagte Solarindustrie in Sachsen und Sachsen-Anhalt wieder auf. Er erlebe in Ostdeutschland schon einen sehr tief sitzenden Pragmatismus.

"Also das berühmte sächsische 'Muss ja', das klingt vielleicht manchmal ein bisschen pessimistisch. Aber da steckt auch viel Energie drin", sagt Erfurt. "Es wird eben auch nicht so lange diskutiert. Wenn eine Sache so ist, wie sie ist – vielleicht auch anerkannt wird, dass es keinen anderen Weg gibt – dann legen die Leute einfach los. Dann kommt Erfindergeist zusammen, vielleicht auch ein bisschen Bescheidenheit in den Dingen. Und dann kann das wirklich zu etwas sehr Großem werden."

Erfurt sagt, in der Energiewende seien die Ostdeutschen ganz vorn dabei. Nirgendwo sonst würden so viele Ökostromanlagen gebaut wie im Osten. Das erscheint etwas kurios. Denn es gehen ja auch viele auf die Straße und wünschen sich Putins Erdgas zurück.

Doch beides ist ostdeutsch. Und wenn man diese Verschiedenartigkeit aushalten kann, dann ist man als Ossi womöglich tatsächlich Avantgarde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Oktober 2022 | 06:06 Uhr

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