Faktencheck Werden Kinder aus bildungsfernen Familien systematisch benachteiligt?

In Deutschland hängt der Bildungserfolg immer noch stark von der sozialen Herkunft ab. Das geht aus dem jüngsten Bildungsbericht von Bund und Ländern hervor. Die Spitzenkandidatin der Linken für die Bundestagswahl, Janine Wissler, macht dafür das Bildungssystem verantwortlich und will es reformieren. Im ZDF-Sommerinterview sagte sie, im Bildungssystem würden Kinder aus Arbeiterfamilien oder mit Migrationsgeschichte systematisch benachteiligt. Ein Faktencheck:

Ein Junge schreibt im Klassenzimmer an die Tafel.
Für Erfolg sind Schulkinder u.a. auf das Engagement ihrer Eltern angewiesen. Bildrechte: Colourbox.de

Die Aussage von Janine Wissler lässt sich auf zwei Arten deuten. Variante 1: Die Benachteiligung von sozial schwächer gestellten Kindern ist gewollt und hat Methode in unserem Bildungssystem. Diesen Ansatz verweist Professor Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ins Reich der Fabel: "Das geht mindestens einen Schritt zu weit, wäre mit den Grundsätzen unseres Bildungssystems nicht vereinbar und hätte auch schon zu einem gewissen Aufstand geführt, wenn es tatsächlich so wäre."

Manche Kinder haben schlechtere Chancen

Eine systemische Benachteiligung gebe es aber sehr wohl, bemerkt Helbig. Das ist ein großer Unterschied und führt zu Deutungsvariante 2: So, wie unser Bildungssystem strukturiert ist, haben es Kinder aus bestimmten Milieus schwerer als andere. Auch so lässt sich der Begriff "systematisch" verstehen.

So versteht es auch Dieter Dohmen, Gründer des Forschungsinstitutes für Bildungs- und Sozialökonomie. Natürlich gebe es keine bewusste Benachteiligung, sagt Dohmen, aber "faktisch passiert im Bildungssystem tatsächlich eine indirekte Benachteiligung. Denn das Bildungssystem, um es ein bisschen zuzuspitzen, stammt aus dem Bildungsbürgertum und ist für das Bildungsbürgertum." Insofern seien viele Inhalte darauf zugeschnitten, Wissen anzusammeln und nicht darauf, Kompetenzen zu erwerben.

Eltern entscheidend für Bildungserfolg der Kinder

Damit kämen Kinder aus bildungsnahen Familien in der Regel besser klar als Kinder aus bildungsfernen Familien. Die Familie ist Dohmen zufolge ein ganz wesentlicher Faktor. Genauer gesagt sind es die Eltern. Unser Bildungssystem setze voraus, dass die Eltern erhebliche Eigenleistungen erbrächten, betont Dohmen.

In welcher Form das passiert, erklärt Bildungsforscherkollege Marcel Helbig. Vor allem sozial höhere Schichten wüssten mehr oder weniger genau, was für das eigene Kind wichtig sei, damit es im Schulsystem erfolgreich sei. In den unteren Schichten sei das nicht der Fall: "So passiert das, was vor 300 bis 400 Jahren über Reproduktion, über Adelstitel und später über Einkommen weitergegeben wurde heute über Bildung der Eltern."

Bildungssystem gleicht Nachteile eher nicht aus

Trifft die Aussage von Linken-Chefin Janine Wissler also zu? Dieter Dohmen sagt, er würde zwar nicht per se von benachteiligten Arbeiterkindern sprechen. Dennoch bekomme er bei Wisslers Formulierung keine Bauchschmerzen:

Kinder aus der Unterschicht haben deutlich größere Schwierigkeiten, im Bildungssystem zurande zu kommen. Insofern ist die Aussage vom Grundsatz her richtig.

Dieter Dohmen Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie

Dieter Dohmen: "Kinder aus der Unterschicht haben deutlich größere Schwierigkeiten, im Bildungssystem zurande zu kommen. Insofern ist die Aussage in weiten Teilen vom Grundsatz her richtig."

Viele Studien hätten inzwischen belegt, dass der familiäre Hintergrund in Deutschland eine viel größere Rolle für den Bildungserfolg spiele als in anderen Ländern, sagt Dohmen. Und das Bildungssystem sei nicht darauf ausgerichtet, diesen Nachteil zu kompensieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 15. Juli 2021 | 06:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/a21b5940-cda6-4e9b-bc69-6943ce605048 was not found on this server.

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland

Moderator vor Parteitagskulisse 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachrichten

Die Polizei Motorradstaffel gibt bei einem Pressebriefing Einblicke in die Lotsungen der Staatsgäste. 5 min
Bildrechte: dpa