Kritik aus der Politik Stiko-Chef Mertens nach umstrittener Äußerung unter Druck

Für die Äußerung, er würde seine Kinder nicht gegen Covid impfen lassen, hagelt es Kritik am Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens. Der Vorwurf: Mertens zeige sich befangen und untergrabe so die Glaubwürdigkeit der Stiko. Unterdessen fordern Stiko-Mitglieder von der Politik mehr Ressourcen für ihre Kommission.

Thomas Mertens
Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), auf der Bundespressekonferenz. Bildrechte: dpa

15 Minuten lang wurde Thomas Mertens, der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), befragt. Es ging um Impfungen für kleine Kinder, ob und wann die Stiko sie empfehlen wird, und was dabei zu beachten ist. Ganz am Ende dann eine persönliche Frage: "Wenn Sie ein sieben-, achtjähriges Kind hätten, würden Sie das impfen lassen?" Mertens‘ Antwort: "Also, ich würde es wahrscheinlich jetzt nicht impfen lassen."

Kritik von vielen Seiten

Die Antwort des Stiko-Chefs in einem Podcast der FAZ - die Kritik kam aus Nord und Süd und von links und rechts. Manuela Schwesig bemängelt, dass schon die Stiko-Empfehlung für Booster-Impfungen viel zu spät gekommen sei, so die SPD-Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern im "Spiegel".

Sie hoffe, dass Mertens daraus Schlussfolgerungen für künftige Empfehlungen ziehen werde, sagte Schwesig. Und bekam Unterstützung aus Bayern: "Etwas seltsam finden wir die Einlassungen des Stiko-Chefs", sagte Markus Söder, der Ministerpräsident von der CSU: "Es ist seine persönliche Entscheidung natürlich, wie er es mit seinem Kind hält, aber es führt natürlich zu einer tiefen Frage der Befangenheit, wenn der Stiko-Chef, bevor eine offizielle Empfehlung der Stiko kommt, quasi es selbst verkündet oder in einem Podcast." Das schwäche insgesamt die Empfehlungskapazität und -glaubwürdigkeit der Stiko enorm, so Söder.

Stiko arbeitet "am Rande der Möglichkeiten"

Thomas Mertens aber will sich nicht drängeln lassen. Entscheidungen bräuchten Zeit, sagt er, und eine fundierte wissenschaftliche Basis. Und außerdem, so Mertens weiter: "Die wechselnden Stimmungen in der Öffentlichkeit und auch bei den Politikern können ja nicht das Maß für eine Stiko-Entscheidung sein."

Denn die Stiko entscheidet unabhängig – in einer Runde aus zwölf bis 18 Experten, die das alle ehrenamtlich machen, unterstützt von einer Geschäftsstelle im Robert Koch-Institut. Nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie zeige sich da auch eine gewisse Erschöpfung, sagt Stiko-Mitglied Martin Terhardt im Deutschlandfunk: "Wir sind in der Stiko mit allen Aufgaben zur Covid-Impfung wirklich ausgelastet und am Rande der Möglichkeiten, was die Ressourcen hergeben. Wir würden gerne oft schneller sein, aber das liegt daran, dass wir nicht genügend Ressourcen an der Geschäftsstelle im Robert Koch-Institut haben." Die sei personell in der jetzigen Situation völlig überfordert, erklärt Terhardt: "Da arbeiten alle völlig an ihrem körperlichen Limit."

Spahn gibt sich ahnungslos

Auch Thomas Mertens hat ja eine gewisse Überlastung der Stiko beklagt. Aber Jens Spahn, der noch amtierende Gesundheitsminister, gab sich noch vorigen Freitag ahnungslos: "Also mir gegenüber hat der Herr Professor Mertens einen Personalbedarf bisher nicht geäußert. Wenn das so ist, rufe ich ihn gleich nachher an und spreche mit ihm drüber."

Stimmt, persönlich habe er mit dem Minister darüber nicht gesprochen, räumt Mertens im FAZ-Podcast ein. Aber, so Mertens: "Seit mehreren Jahren habe ich dieses Thema gegenüber dem Präsidenten des RKI, Herrn Wieler, geäußert, sogar schriftlich geäußert. Ich weiß auch, dass Herr Wieler diese Forderung in das Bundesgesundheitsministerium weitergegeben hat."

Und dennoch sei die Stiko in der gesamten Pandemie-Zeit nicht durch mehr Personal verstärkt worden, so Mertens. Womöglich ist das eine der Baustellen, die Jens Spahn seinem Nachfolger hinterlässt. Und diese Erkenntnis des Bundesgesundheitsministers: "Ich glaube einfach, dass das sehr wichtige Instrument der Ständigen Impfkommission keines ist für Pandemiezeiten."

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Dezember 2021 | 05:00 Uhr

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