Hass-Kriminalität Wie Michael Kretschmer bei Telegram beleidigt und bedroht wird

Im ZDF platzte Sachsens Ministerpräsident am Donnerstag der Kragen, er forderte eine juristische Regulierung des Messengerdienstes Telegram. Dort wird gehetzt und gedroht – und auch er massiv angefeindet.

Zwei Frauen halten bei einer Demonstration ein Banner auf dem steht - KRETSCHMER VERHAFTEN - Coronamaßnahmen beenden
Bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen kommt es in Sachsen immer wieder zu verbalen Attacken gegen Ministerpräsident Michael Kretschmer. Im Messengerdienst Telegram wird gegen ihn gehetzt und er bedroht. Bildrechte: Matthias Wehnert

Es war am Donnerstagabend, als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in der Sendung von Maybrit Illner im ZDF auf den Messegerdienst Telegram zu sprechen kam. Rechtsextreme Gruppen von 30.000, 50.000, 80.000 Menschen hätten sich dort zusammengetan, sagte er. Kretschmer sprach von bösartigster Propaganda, Hass und Hetze und zersetzenden Dingen, die dort proklamiert würden. Und er forderte den designierten FDP-Bundesjustizminister Marco Buschmann auf, tätig zu werden – sprich, Gesetze zu verschärfen.

Doch Buschmann wiegelte ab, es gebe wichtigere Dinge. Die Debatte endete in einem für Kretschmer eigentlich untypisch emotional und in Teilen wütenden Wortgefecht. Was treibt Kretschmer in Hinblick auf die Kommunikationsplattform Telegram und die dort aktiven rechtsextremen Gruppen so um?

Telegram-Kanal mit 90.000 Mitgliedern

Tatsächlich sorgt gerade in Sachsen der Telegram-Kanal der Kleinstpartei "Freie Sachsen" für größere Unruhe. Dort wird seit Wochen für Corona-Proteste im Freistaat mobilisiert. Gegründet wurde die inzwischen als rechtsextremistisch eingestufte Gruppierung "Freie Sachsen" Anfang des Jahres – vor allem von Akteuren, die schon länger selber in der rechtsextremen Szene aktiv sind. Sie sehen sich im Aufwind, die Zahl der Mitglieder ihres Telegram-Kanals steigt kontinuierlich, rund 90.000 Nutzer sind dort inzwischen angemeldet.

Wie viele dieser Nutzer in Sachsen wohnen und wie ernst deren rechtsextremistische Einstellungen sind, ist schwer einzuschätzen. Nach MDR-Recherchen wird auf dem Kanal seit einiger Zeit auch gegen den sächsischen Ministerpräsident Kretschmer selbst gehetzt und aufgestachelt. So etwa am 30. November, vier Tage vor seinem Auftritt im ZDF.

Hass und Aufruf zur Revolution

In einem Post werfen die Macher von "Freie Sachsen" dem sächsischen Regierungschef vor, einen harten Lockdown vorzubereiten. 206 Mal wird der Post kommentiert. Teilweise äußern die Nutzer Unverständnis und Wut. Und es gibt auch: Massive Beleidigungen und sogar Todesdrohungen.

So schreibt ein Nutzer: "Kretschmer sofort verhaften! Todesstrafe in Deutschland wieder einführen!" und ein weiterer kommentiert nur mit dem Wort: "Galgen". Andere sprechen von Revolution und rufen Militär und Polizei dazu auf, sich den Corona-Protesten anzuschließen. Widerspruch zu solchen Äußerungen gibt es in dieser Gruppe kaum.

Screenshot von Hasspostings
Screenshot vom Telegram-Kanal der "Freien Sachsen". Bildrechte: MDR/Telegram

In einem anderen Post kritisieren die "Freien Sachsen" am 26. November die Polizei wegen eines Einsatzes beim Corona-Protest in Zwönitz im Erzgebirge, sie sprechen von "Kretschmers Milizen" und "Kretschmers Söldnern". Auch darunter wieder zu finden: Menschenverachtende Kommentare, etwa: "Möge Kretschmer und seine Vasallen samt seinen Spitzeln in diesem Chat jämmerlich zugrunde gehen, dann erfüllt sich vielleicht mein Weihnachtswunsch ihm auf sein Grab zu pissen".

Screenshot von Hasspostings
Screenshot vom Telegram-Kanal der "Freien Sachsen". Bildrechte: MDR/Telegram

Kretschmer ist zur Hassfigur der extremen Rechten im Internet geworden, teilweise kursieren sogar Aufrufe, vor sein Privathaus zu ziehen. Dazu war es tatsächlich schon einmal gekommen, im Januar. Auch in dieser Situation suchte Kretschmer noch den Dialog. Dennoch wird er als Repräsentant des Staates pauschal abgelehnt und bedroht.

So auch nach seinem Auftritt bei Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF. In einem neuerlichen Post bezeichnen ihn die "Freien Sachsen" als "Despoten". Am Freitagmorgen schrieben sie dann eine Liste mit Orten, in denen es am Wochenende Protest geben soll. Unter diesem Post sammeln sich dann neue massive Beleidigungen gegen den sächsischen Ministerpräsidenten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Dezember 2021 | 17:00 Uhr

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