Faktencheck Gibt es zu viele Unwetterwarnungen?

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Unwetter sind in den Sommermonaten wesentlich häufiger als im Winter. Begleitet werden Sturm, Gewitter und Überschwemmungen von Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Regelmäßig gibt es danach in den sozialen Netzwerken Beschwerden: Es habe doch gar kein Unwetter gegeben. Sind die Warnungen übertrieben?

Gewitterwolken ziehen über dem Erfurter Domplatz auf
Ein Gewitter zieht auf. Doch meistens treten extreme Wetterereignisse nur sehr lokal auf. Bildrechte: dpa

Behauptung: Es gibt zu viele Unwetterwarnungen und diese treffen nur selten zu

Sommerzeit ist Gewitterzeit. Auch in den vergangenen Wochen blitzte es häufig über Deutschland. Besonders in Thüringen kam es in einzelnen Orten dabei zu Unwettern und Überschwemmungen. Damit die Menschen vor solchen Extremwetterereignissen gewarnt sind, gibt es Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Ausgespielt etwa über die Warnwetter-App des DWD, aber auch private Dienstleister übernehmen die Warnungen.

Doch nach fast jeder Warnung gibt es in den sozialen Netzwerken auch Beschwerden: Es sei gar nichts passiert, die Warnungen seien unnötig. Umsonst auf Unwetter eingestellt, umsonst auf Unternehmungen oder wichtige Arbeiten verzichtet. Mehr als drei Tropfen seien nicht vom Himmel gefallen. Was also machen bei Unwetterwarnungen?

Fakt 1: Die Zahl der Warnungen geht zurück

Wird das Wetter zur Gefahr? Diese Frage beantwortet in Deutschland der Deutsche Wetterdienst, der DWD. Die Bundesbehörde erstellte im vergangenen Jahr rund 90.000 Vorhersagen und rund 160.000 Wetter- und Unwetterwarnungen. Davon waren allerdings nur 6.040 Unwetterwarnungen, 514 wiederum davon extreme Unwetterwarnungen. 2019 waren es rund 185.000 Wetter- und Unwetterwarnungen (7.075 Unwetterwarnungen, davon 446 extreme Unwetterwarnungen) im Jahr 2018 noch rund 200.000 (8.350 Unwetterwarnungen, davon 643 extreme Unwetterwarnungen). Die Behörde unter dem Dach des Bundesverkehrsministeriums beobachtet das Wetter und stellt rund um die Uhr Wetterdaten zur Verfügung. Diese sollen möglichst zielgenau sein, damit die Menschen früh genug wissen, ob das Wetter für die zur Gefahr werden könnte.

Fakt 2: Die Warnungen werden genauer

Die Behörde warnt seit 2016 vor einzelnen Gewittern in einzelnen Kommunen. Anders als früher, als der DWD lediglich Warnungen für ganze Landkreise herausgegeben hat. Der DWD reagierte damit auf die Kritik der vergangenen Jahre – an zu späten Warnungen im Jahr 2000 etwa, als durch den Orkan Lothar 18 Menschen starben. 2016 wiederum wurden im Rheinland wegen Sturmwarnungen des DWD Rosenmontagszüge abgesagt. Später kritisierten die Veranstalter, die Warnungen seien übertrieben gewesen.

"Nun gibt es Warnungen für jedes einzelne Gewitter", sagt Robert Scholz vom DWD in Leipzig-Holzhausen, einer der sechs Regionalstellen des DWD. Dadurch habe sich die reine Anzahl der Unwetterwarnungen zwischenzeitlich natürlich erhöht. Gleichzeitig würden durch die kleinteiligeren Warnungen aber weniger Leute unnötig gewarnt. Seit einigen Jahren geht die Zahl der Warnungen zudem wieder zurück.

Wolken ziehen über die Innenstadt von leipzig
Wolken über Leipzig. Damit die Menschen vor Unwettern gewarnt werden, gibt es den DWD. Bildrechte: dpa

Im Sommer geht es vor allem um Warnungen vor Gewitter, oft verbunden mit starkem Regen, Wind oder Hagel.

Der Deutsche Wetterdienst kennt vier Warnstufen: Stufe 1 (Amtliche Warnung) sieht keine ungewöhnliche Wetterentwicklung vor, warnt aber vor Gefährdungen.

Bei Stufe 2 (Amtliche Warnung vor markantem Wetter) können einzelne oder örtliche Schäden auftreten, riskantes Verhalten sollte laut DWD vermieden werden.

"Sehr gefährlich" kann es laut DWD bei Stufe 3 (Amtliche Unwetterwarnung) werden. Es können verbreitet Schäden auftreten, Aufenthalte im Freien sollten vermieden werden.

Bei Stufe 4 (Amtliche Warnung vor extremem Unwetter) kann es dann "extrem gefährlich" werden. Es könnten lebensbedrohliche Situationen entstehen und große Schäden und Zerstörungen auftreten. Häufig seien dabei größere Gebiete betroffen.

Fakt 3: Gewitter treten sehr lokal auf

Durchschnittlich gibt es in Deutschland laut DWD zwischen 20 und 35 Gewittertagen im Jahr, allerdings gibt es Ausreißer. Auf dem exponierten Brocken etwa kommt es besonders häufig zu Gewittern. Dazu kommt: Gewitter treten meist sehr lokal auf. "Während in einem Ort quasi die Welt untergeht, passiert im nächsten Ort gar nicht“, sagte Robert Scholz vom DWD. Punktgenaue Vorhersagen seien sehr schwierig, deshalb sei auch ein "Überwarnen" möglich: "Jede Warnung ist gleichzeitig auch immer eine Vorhersage und enthält damit auch eine gewisse Unsicherheit. Wir versuchen zwar möglichst genau zu warnen, aber im Zweifelsfall warnen wir lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig." Die Warnschwelle hab sich beim DWD in den vergangenen Jahren nicht geändert.

Damit bewegt sich der DWD auf der sicheren Seite und kommt außerdem seinem Auftrag nach. Auch im renommierten Karlsruher Institut für Technologie (KIT) halten Forscher minutengenaue Vorhersagen für kaum machbar. Peter Knippertz, Professor für Meteorologie, erforscht am KIT im Rahmen eines DFG-Sonderprogramms die Wettervorhersagbarkeit. Er sagt, grundsätzlich sei es sehr schwierig, Vorhersagen zu extremen Gewittern punktgenau zu machen. Meistens gehe das frühestens eine Stunde vorher.

Die niedrige Warnschwelle, also die häufigen Warnungen, können Knippertz zufolge nerven. Aber deshalb könne nicht weniger gewarnt werden, denn die Gefahren seien ja real. Vielmehr müssten die Warnprozesse und die einzelnen Warnstufen besser vermittelt werden. DWD-Mitarbeiter Scholz verweist auf Forschungen für noch bessere Vorhersagen. Und auf eine Erfahrung: "Meistens werden die Gefahren durch Unwetter unterschätzt."

Blitze zucken am Nachthimmel
Blitze über Thüringen Ende Juni. Bildrechte: dpa

MDR-AKTUELL-Wettermoderator Thomas Globig sieht das Problem auch im Umgang mit den Vorabinformationen des DWD, die eine mögliche Unwetterlage andeuten, aber sich nicht festlegen. Die meisten Nutzer würden diese Vorabinformation bereits als eine "Unwetterwarnung" ansehen, was aber völlig falsch sei. Somit werde in den Medien häufig von Unwetterwarnungen gesprochen, obwohl noch nichts Konkretes vorhanden sei.

Fakt 4: Es gibt mehr Starkregenereignisse

Der Klimawandel hat laut Scholz bisher nicht zu mehr heftigeren Gewittern in Mitteldeutschland geführt. Beobachtet werden könnten allerdings häufiger auftretende kleinräumige Starkregenereignisse. Betroffen waren davon zuletzt auch mehrere Orte in Mitteldeutschland. Peter Knippertz sagt allerdings auch, das der Klimawandel das Potenzial für schwere, todbringende Extremwetterereignisse wie Gewitter erhöhe.

Fazit: Warnungen sind berechtigt, aber schwer zu unterscheiden

Es gibt seit der Umstellung auf kleinteiligere Warnungen vor einigen Jahren mehr DWD-Warnungen vor Unwetter, allerdings sind diese auch örtlich und zeitlich genauer. Seit ein paar Jahren sinkt die Zahl der Warnungen wieder. Allerdings hat der DWD noch Potenzial bei der Kommunikation. Die vier Warnstufen kommen alle mit dem Wort amtlich daher und sie enthalten alle das Wort Warnung – auch wenn das Wetter lediglich "markant" wird. Für die Menschen heißt das mit Blick auf die Wetterentwicklung: Ganz genau lesen, wie der DWD gerade warnt. Und noch eines sollten alle Wetterinteressierten bedenken: Grundsätzlich treten besonders Gewitter immer sehr lokal auf – deshalb ist es sehr schwer, vorher zu sagen, wo genau es zu einem Unwetter kommt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juli 2021 | 06:29 Uhr

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