Jahresrückblick 2021 aus Sicht des Hausarztes Dr. Carsten Lekutat

Wie war das Jahr 2021 für Ärzte? Welche Anlässe zur Freude gab es, welche Sorgen? Der ganz persönliche Jahresrückblick von Allgemeinmediziner und Hauptsache-Gesund-Moderator Dr. Carsten Lekutat!

Dr. Carsten Lekutat
Dr. Carsten Lekutat ist bekannt als Moderator des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund". Der Allgemeinmediziner behandelt auch Woche für Woche in seiner eigenen Praxis Patienten und Patientinnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie hat das Jahr 2021 aus Sicht eines Hausarztes angefangen?

Dr. Carsten Lekutat: Ich war eigentlich guten Mutes – dadurch dass die Impfung begonnen hat. Ich habe meine erste Dosis im Dezember 2020 bekommen, die zweite dann im Januar darauf und so ging das weiter, dass mein Team geimpft werden konnte und auch viele Patienten, die im Hochrisikobereich waren. Im Dezember 2020 war alles noch sehr bedrückend und schwierig und das wurde dann mit Januar, Februar wirklich alles deutlich besser. Da waren wir alle erfreut, dass das Jahr 2021 mit sehr viel Zuversicht losging – und nicht wie das Jahr 2020 endete, mit viel Angst.

Gab es dann im Frühjahr auch mal ein Durchatmen, einen kleinen Lichtblick?

Dr. Carsten Lekutat: Wir haben ja versucht, beim Impfen das Tempo anzuziehen, um möglichst die Wellen zu unterbrechen. Aber wir sind in der Praxis tatsächlich in einer Dauerbefeuerung. 2020 erst die ganzen Infektionen, keiner wusste so richtig, was es ist. Dann dauernd die positiven Testergebnisse, auch die ersten Long-COVID-Patienten. 2021 wurde das besser durch die Impfung. Da hatten wir einen ziemlich unbeschwerten Sommer, weil alle das Gefühl hatten, dass es plötzlich vorüber sei. Aber alle Experten, auch bei Hauptsache Gesund, sagten immer: Leute, das geht weiter. Und da war es sehr schwer, Gehör zu finden, auch bei den Patienten. Also einerseits dieses Aufatmen im Sommer, aber mit dem Gefühl, da kommt noch was und warum hört keiner zu und warum hören die mit dem Impfen auf? Es war auch bei uns in der Praxis schwierig. Wir haben dann plötzlich Impfstoff ohne Ende gehabt und keiner kam. 

Was hatte sich in den Monaten über den Sommer verändert?

Dr. Carsten Lekutat: Vor den Reisen im Sommer wollten alle nochmal geimpft werden, sich sozusagen freiimpfen. Aber im Sommer ging es gar nicht mehr um die Verhinderung einer Infektion, sondern mehr um die persönlichen Freiheiten. Und dann kam wieder eine Impfstoffknappheit im Herbst, wo dann die Panik losging. 

Seit Ende Juni ist die Delta-Variante in Deutschland dominierend. Sie gilt als deutlich ansteckender. Wie groß war da die Sorge?

Dr. Carsten Lekutat: Es war ja eine Situation, wo wir alle geimpft waren und uns erstmal alle relativ sicher fühlten. Und plötzlich kamen dann die Bilder aus Indien, wo wir fassungslos dastanden und dachten, was ist da los? Die verbrennen ihre Leichen auf Parkplätzen, katastrophale Bilder, die wir in der Form auch noch nicht gesehen hatten, selbst nicht aus Italien im Jahr zuvor. Wir waren schockiert und hatten aber gleichzeitig die Information bekommen, dass die Impfung mit BioNTech und Moderna auch gegen Delta wirkt und dass zumindest da die Bedrohung nicht so stark war. Da war ganz viel Mitleid und ganz viel Trauer, dass Indien das so durchleben musste. Und es war dann auch ziemlich schnell klar, dass AstraZeneca nicht so gut wirkt und dass das wahrscheinlich die Ursache war. Als das wenig später auch nach England überschwappte, hatte ich schon Sorge, weil wir auch viele Patienten mit AstraZeneca geimpft haben und wir plötzlich das Problem hatten, dass auch bei uns Delta reinrauschte.

Ab Juni zeigte sich dann zunehmend, dass wir die angestrebte Impfquote im Sommer nicht erreichen würden. War damit zu rechnen?

Dr. Carsten Lekutat: Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass diese Impfgegnerschaft in Deutschland so groß und militant wird. Ich bin wirklich davon ausgegangen, dass sie uns den Impfstoff aus den Händen reißen werden. Aber dass es da eine wachsende Zahl von Leuten gab, die es einfach nicht verstanden haben, und dass die so groß und laut ist, das hätte ich mir in Deutschland nicht so vorstellen können. Ich hätte gedacht, wir schaffen es, uns zusammenzureißen.

Nach den Sommerferien gingen die Zahlen ab August dann wieder deutlich hoch, in vorher unvorstellbarem Ausmaß. Aber es fühlte sich überhaupt nicht danach an, oder? 

Dr. Carsten Lekutat: Es hat keiner mehr ernst genommen. Irgendwie haben alle gedacht, die Alten sind durch, die sind alle geimpft, die Jungen sollen sich halt durchinfizieren. Dass aber die hohen Zahlen letztlich bedeuten, dass dann doch wieder eine hohe absolute Zahl von Corona-Patienten auf Intensivstationen landet, das hat keiner verstanden. Und alle haben gewarnt, die was davon verstehen und keiner hat zugehört. Wir dachten immer: Was ist denn hier los? Wir fahren durch Deutschland und fragen uns, wo ist denn die Pandemie? Wir sehen die Zahlen, die gehen hoch und niemanden interessiert es. Und es gab keine Maßnahmen. Wenn man sich die Wellen anschaut: Die erste, wo wir alle im Lockdown waren, war eine Miniwelle. Und jetzt rauschen wir durch Riesenwellen und es wurde lange nicht reagiert und das ist jetzt die Quittung, wenn wir die Zahlen sehen.

Hauptsache Gesund 31 min
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Dann gab es im Spätsommer erste Studien, die zeigten, dass der Impfschutz wahrscheinlich nur für einen deutlich kürzeren Zeitraum Wirkung zeigt und wir alle eine dritte Impfung brauchen werden – und das deutlich schneller als zunächst gehofft?  

Dr. Carsten Lekutat: Dass das Boostern notwendig sein wird, hat mich jetzt nicht schockiert, das hatte ich erwartet, weil es ja auch bei anderen Impfstoffen so ist. Das finde ich auch nicht schlimm, dass wir eine dritte Booster-Impfung geben. Aber dass es uns alle so trifft nach dem Motto: "ach, wussten wir gar nicht", das halte ich für verlogen. Das ist ja im Sommer schon gesagt worden. Das Problem ist, dass wir diese Zeit nicht mehr haben, weil Omikron droht. In drei, vier Monaten müssen wir alle wieder impfen. Was ja prinzipiell in Ordnung wäre, wir brauchen einfach hohe Antikörper oder einen angepassten Impfstoff, das ist ein dynamischer Prozess. Nur, wie kriegen wir wieder die Leute dazu? Wir verlieren die Menschen.  

      

War die Entscheidung, die Impfzentren im September zu schließen rückblickend die richtige?

Dr. Carsten Lekutat: Ich glaube, dass Hausärzte das hinbekommen würden. Wir brauchen diese Impfzentren nicht mehr. Das war wichtig am Anfang, aber wir sind bei den Hausärzten jetzt ganz gut mit dem Impfen, wenn denn alle mitmachen würden. Das Problem, was ich in der Organisation eher sehe, ist, es werden Termine gebucht, die werden dann abgesagt und die Leute kommen nicht. Dann wird diskutiert, welcher Impfstoff soll es denn sein und so weiter. Was wir am Anfang an Vordrängeln hatten in den ersten Monaten, wo Leute sich aus der Priorisierungsliste vorgeschoben haben, haben wir jetzt teilweise einen sorglosen Umgang der Leute, die geimpft werden wollen.

Und jetzt stecken wir mitten in der vierten Welle, die alle anderen in den Schatten stellt. Wie konnte es soweit kommen?

Dr. Carsten Lekutat: Wir impfen jetzt wahnsinnig gegen die vierte Welle an. Der Infektiologe Dr. Thomas Grünewald aus Chemnitz sagte mir erst vor wenigen Tagen, dass wir große Probleme mit der fünften Welle haben werden. Wir gehen davon aus, dass ab Januar, Februar Omikron auch bei uns führend sein wird und auf die ganzen Erst- und Zweitgeimpfen trifft, die keinen Schutz haben. Denn nur die dritte Impfung gibt wirklich den Schutz dafür. Das sehen wir jetzt, aber wie lange dieser Schutz andauert, wissen wir noch nicht. Ich gehe davon aus, dass er auch nicht länger als drei, vier Monate anhalten wird. Das wird eine fatale Welle werden, die da kommt, und auch nicht mit leichtem Verlauf. Das wurde zwar für Afrika vorhergesagt, aber es gibt noch keine Daten für Deutschland.

Ist der Blick auf das kommende Jahr eher optimistisch oder pessimistisch?

Dr. Carsten Lekutat: Ich gucke optimistischer rein, weil wir gelernt haben, wir wir umgehen können mit der pandemischen Situation. Ich sage mal, wir haben Pandemie gelernt. Damit meine ich: wir Hausärzte und wir Leute, die sich damit beschäftigen, wir wissen, wie wir uns schützen. Und wir sind in einer ganz anderen Situation, als wir noch 2020 am Anfang waren. Was aber durch Corona passiert mit der Mutation, mit Omikron, da bleibe ich weiter pessimistisch. Die Pandemie ist nicht vorbei, die wird die prognostizierten fünf Jahre durchrauschen. Wir sind jetzt im dritten Jahr, das ist auch im nächsten Herbst und Winter nicht vorbei. Aber das ist ein Zustand, mit dem wir lernen können zu leben. Ich glaube, wir müssen sehr damit anfangen, dass wir den Riss in der Gesellschaft angehen und nicht nur in gegenseitigen Beschimpfungen landen.

Ist dieses Weihnachten mit der Familie anders als im vergangenen Jahr?

Dr. Carsten Lekutat: Ja, ich denke, es ist anders, weil wir alle geimpft sind und Omikron noch nicht in der vollen Wucht da ist. Da wir alle geboostert sind, haben wir auch keine große Omikron-Angst. Wir testen uns zusätzlich, bleiben im kleinen Kreis und alles ist gut. Letztes Jahr haben wir so gut wie überhaupt keinen Kontakt gehabt, ich war mit Maske für eine halbe Stunde bei meinen Eltern, die Kinder haben wir zu Hause gelassen und das war´s. Wir waren damals drei Tage vor der Impfung und das wollten wir nicht riskieren. Wir persönlich haben letztes Jahr nicht gefeiert. Deshalb ist es dieses Jahr schon anders, wir testen uns alle und sitzen gemeinsam mit der Familie unter dem Baum.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 09. Dezember 2021 | 21:00 Uhr

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