Faktencheck Wie gut ist der Fremdschutz von Covid-Impfstoffen wirklich?

Am Dienstag hatte MDR-AKTUELL-Radio den Kinder- und Jugendmediziner Steffen Rabe im Gespräch. Es ging um die Frage, ob es in Deutschland eine Impfpflicht geben sollte oder nicht. Rabe ist dagegen – und hatte im Gespräch Folgendes gesagt: "Die Covid-Impfstoffe gewähren denen, die sich schützen wollen, einen zeitlich begrenzten, gar nicht schlechten Schutz vor schweren Verläufen. Sie haben aber überhaupt keinen relevanten Fremdschutz." Soweit die Auffassung von Steffen Rabe. Aber stimmt die?

Originale Impfstoff-Phiolen.
Wen schützen die Covid-Impfstoffe am Ende tatsächlich – nur einen selbst oder auch andere? Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Steffen Rabe bezieht sich mit seiner Aussage wohl auf den Umstand, dass sich auch Geimpfte mit dem Coronavirus infizieren und den Erreger an andere weitergeben können. Das ist in der Wissenschaft inzwischen weitgehend unbestritten. Auch das RKI erklärt dazu: "Es muss davon ausgegangen werden, dass Menschen nach Kontakt mit SARS-CoV-2 trotz Impfung PCR-positiv werden und dabei auch infektiöse Viren ausscheiden."

Zwischen zwei Coronamodellen steht ein Stempel mit dem Schriftzug Impfpflicht 7 min
Bildrechte: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Viruslast bei Geimpften in der Regel niedriger

Aber lässt sich daraus ableiten, dass die Impfstoffe keinen relevanten Fremdschutz bieten? Die Studienlage gibt diese Sichtweise jedenfalls nicht her. Einige Studien deuten zwar darauf hin, dass die Viruslast bei geimpften Infizierten genauso hoch sein kann wie bei ungeimpften. Andere Studien legen allerdings nahe, dass infizierte Geimpfte sehr wohl weniger ansteckend sind.

Ein entscheidender Faktor sei hier die Zeit, sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Die Studien, die es dazu gebe, legten ganz klar nahe, dass es einen Fremdschutz gebe: "Deutlich erniedrigte Übertragungen – allerdings nur in den ersten Monaten nach der Impfung. Insofern ist das zu bedenken. Die Zeitlichkeit ist eine ganz wichtige Sache dabei. Also: Fremdschutz ja, aber eben nicht sehr dauerhaft."

Eigenschutz vs. Fremdschutz Durch Impfungen schützt man sich in erster Linie selbst vor ansteckenden Krankheiten. Sie dienen also vorrangig dem Eigenschutz. Menschen, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, sind jedoch darauf angewiesen, dass die Menschen in ihrem Umfeld geimpft sind und ihnen Schutz vor Ausbreitungen und Ansteckungen bieten. Man spricht dann von Gemeinschaftsschutz (Herdenimmunität) bzw. Fremdschutz. Der eigene Impfschutz trägt also gleichzeitig zum Schutz der anderen bei. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Wer sich nicht ansteckt, kann nicht übertragen

Wenn man den Begriff etwas weiter fasst, findet der Fremdschutz auch auf einer anderen Ebene statt. Denn wer sich durch eine Impfung schützt, schützt auch andere – indem er schlicht seltener zum Überträger wird. So verweist das RKI etwa auf Forschungsbefunde zur Wirksamkeit der Impfstoffe gegen eine Infektion. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Person trotz vollständiger Impfung infiziert, ist deutlich vermindert.

Dazu sagt der Epidemiologe Markus Scholz vom Institut für medizinische Informatik der Uni Leipzig: "Es ist richtig, dass das primäre Ziel der Impfung der Schutz vor schweren Verläufen ist", und das sei "gut gegeben". Und es sei auch richtig, dass die Schutzwirkung vor Ansteckung und Weitergabe der Infektion allmählich abnehme. "Aber trotzdem gibt es diesen Schutz. Und der besteht eine ganze Zeit lang nach der Impfung."

Fremdschutz auch durch Entlastung des Gesundheitssystems

Darauf aufbauend gibt es einen Fremdschutz sogar noch auf einer dritten Ebene – nämlich im Gesundheitssystem. Geimpfte infizierten sich seltener, sagt Scholz. Und so werde indirekt das Gesundheitssystem entlastet, "da es bei Infektionen unwahrscheinlicher ist, dass man schwere Verläufe hat und größere medizinische Ressourcen in Anspruch nimmt."

Und so lässt sich sagen: Der Schutz durch die Corona-Impfstoffe ist sicher nicht perfekt. Und ja, auch Geimpfte können Überträger sein. Die Aussage von Steffen Rabe, dass es "überhaupt keinen relevanten Fremdschutz" gebe, ist so aber nicht haltbar.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. November 2021 | 06:00 Uhr

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