Ohne Mietvertrag Corona verschärft Situation für Obdachlose

Menschen, die keinen eigenen Mietvertrag haben, werden als "wohnungslos" bezeichnet und jährlich von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geschätzt. 2020 lebten demnach 417.000 wohnungslose Menschen in Deutschland, davon 161.000 anerkannte Geflüchtete. Von den übrigen 256.000 Menschen im "Wohnungslosensektor" leben circa 45.000 Menschen "auf der Straße", sind also obdachlos. Die Situation hat sich seit der Corona-Pandemie besonders für diese Personengruppe deutlich verschärft.

Ein Obdachloser liegt in einem Hauseingang in einer Innenstadt.
"Wohnungslos" ist nicht gleich "obdachlos". Als obdachlos gelten Menschen, die auf der Straße leben. Das betraf 2020 laut Schätzungen 45.000 Menschen. Bildrechte: dpa

In jedem Jahr schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe die Zahl der Menschen, die keinen eigenen Mietvertrag haben. Diese werden als "wohnungslos" bezeichnet. 2020 lebten der neuesten Schätzung zufolge 417.000 wohnungslose Menschen in Deutschland, deutlich weniger als in den Jahren zuvor. (2018: 678.00 / 2019: 584.000)

Von den mehr als 400.000 Wohnungslosen sind 161.000 anerkannte Geflüchtete. Die übrigen 256.000 werden als "Wohnungslose im Wohnungslosensektor" geführt. Davon leben 45.000 ohne jede Unterkunft – gemeinhin als obdachlos bezeichnet – auf der Straße.

Die Situation hat sich seit der Coronapandemie besonders für diese Menschen deutlich verschärft. Viele Hilfsangebote sind eingestellt und Einrichtungen mussten schließen. Gerade deshalb, betont die Geschäftsführerin der Wohnungslosenhilfe, Werena Rosenke, gebe es keinen Grund zur Entwarnung, auch wenn die Gesamtzahl der Wohnunglosen im Vergleich zu 2018 deutlich gesunken sei. Sie gehe außerdem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Auch wenn die Gesamtzahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland seit 2018 rückläufig ist, gibt es keinen Grund zur Entwarnung.

Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG Wohnungshilfe

Auch wohnungslose Kinder in Statistik erfasst

Die Zahl wohnungsloser Menschen ohne Einbezug der Geflüchteten ist nach Schätzung der BAG Wohnungslosenhilfe von 237.000 Menschen im Jahr 2018 auf 256.000 im Jahr 2020 gestiegen. Das ist ein Gesamtanstieg von 8 Prozent. Die Arbeitsgemeinschaft schätzt die Zahl der Kinder und Jugendlichen darunter auf 20.000.

Getrennt von der Zahl der "Menschen im Wohnungslosensektor" wird außerdem betrachtet, wie hoch die Zahl wohnungsloser, anerkannter Geflüchteter ist. Laut Geschäftsführerin Werena Rosenke „zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen, die man auch getrennt bewerten muss“.

Wohnungslosigkeit anerkannter Geflüchteter sinkt

Viele anerkannte Flüchtlinge sind wohnungslos und kommen z.B. in Gemeinschaftsunterkünften unter. Für 2020 schätzt die Arbeitsgemeinschaft die Zahl dieser Menschen auf 161.000. Damit habe es zwischen 2018 und 2020 ein Gesamtrückgang um knapp 64 Prozent gegeben, der sich analog zur Abnahme der Geflüchtetenzahlen vollzieht.

Ein Mann steht am Fenster einer Flüchtlingsunterkunft.
Die Zahl anerkannter, wohnungsloser Geflüchteter ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen – analog zu den Geflüchtetenzahlen insgesamt. Bildrechte: dpa

Bezahlbarer Wohnraum und Sozialwohnungen fehlen

Wie kann man dem Problem der Wohnungslosigkeit beikommen? Es fehle an bezahlbarem Wohnraum und Sozialwohnungen, meint die Geschäftsführerin der Wohnungslosenhilfe Werena Rosenke. In den Jahren von 2018 bis 2020 sei der Sozialwohnungsbestand jährlich um ca. 43.000 Wohnungen geschrumpft. Mit den 100.000 Sozialwohnungen, die die Ampelregierung pro Jahr verspricht, könne dem „Mangel an bezahlbaren Wohnungen nicht ausreichend entgegengesteuert werden“, befürchtet Rosenke. Deshalb benötige es darüber hinaus mehr bezahlbaren Wohnraum, auch aus privater Hand.

Entstigmatisierung und Prävention nötig

Da wohnungslose Menschen in der Gesellschaft außerdem häufig stigmatisiert und ausgegrenzt werden, müsse man Quotierungen einführen, die den Menschen Wohnraum in Sozialwohnungen und bei privaten Vermietern ermöglichen. Werena Rosenke fordert von der neuen Regierung: "In jede Kommune und jeden Landkreis gehört eine Fachstelle zur Verhinderung von Wohnungsverlusten." Für die Unterstützung von Wohnungslosen müsse die Bundesregierung in den nächsten Jahren viel investieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Dezember 2021 | 12:15 Uhr

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