Impfung gegen Covid-19 Gefälschte Impfpässe: Wer steckt hinter solchen Geschäften?

Immer mehr gefälschte Nachweise zur Impfung gegen Covid-19 sind im Umlauf. Für die Fälscher ist das Geschäft lukrativ. Doch wer steckt dahinter? MDR exactly hat einen jungen Mann getroffen, der bei Telegram Fälschungen angeboten und per Post verschickt hat.

exactly-Reporter Marc Zimmer mit einem gefälschten Impfausweis.
Auf dem Messegerdienst Telegram haben Anton Zirk und Marc Zimmer (im Bild) unter Pseudonym ohne Probleme zig Gruppen gefunden, in denen gefälschte Impfpässe angeboten werden. Bildrechte: MDR/Anton Zirk

Derzeit gilt fast überall in Sachsen die 2G Regel – kein Restaurant kann besucht und nur wenige Geschäfte dürfen ohne Nachweis von Genesen oder Geimpft betreten werden. Auch bundesweit wird verstärkt auf 2G gesetzt. Doch in jüngster Zeit gibt es immer mehr Meldungen über gefälschte Impfpässe. Das prominenteste Beispiel ist Marcus Anfang. Der ist aufgrund des schwerwiegenden Verdachts, dem Gesundheitsamt einen falschen Impfausweis vorgelegt zu haben, inzwischen nicht mehr Trainer des Fußball-Zweitligisten Werder Bremen. Wie schwer ist es also, da ran zu kommen – und welche Strafen drohen den Tätern?

Zwei Reporter von MDR exactly haben sich auf die Suche begeben. Auf dem Messegerdienst Telegram haben Anton Zirk und Marc Zimmer unter Pseudonym ohne Probleme zig Gruppen gefunden, in denen gefälschte Impfpässe angeboten werden. Viele davon haben über 100.000 Mitglieder. Der Tenor ist überall der gleiche: Die Fälschungen seien der Ausweg aus einem vermeintlichen Impfzwang in Deutschland. Angeboten werden Ausweise, in denen beide Impfungen vermerkt wären. Den Impfstoff kann man sich aussuchen. "Auf Wunsch können wir auch eine dritte Auffrischung dazugeben", heißt es in einer Gruppe. Binnen weniger Minuten haben die beiden mehrere Angebote.

Collage: zwei Männer und ein Impfpass 22 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angebote bei Telegram, Bezahlung via Bitcoin, Lieferung per Post

Die Fälschungen kosten zwischen 150 und 350 Euro. Die Bezahlung läuft meist über Kryptowährungen wie Bitcoin. Während Marc und Anton mit ein paar Leuten chatten, werden sie plötzlich von jemandem angeschrieben. Er nennt sich Steven und bietet an, Bilder von Fälschungen zu schicken und auch erstmal nur eine Anzahlung von 20 Euro nehmen zu wollen: "Auf jeden Fall: Pässe habe ich zuhause, den Stempel auch, Etiketten sowieso." Die beiden Journalisten bestellen eine der Fälschungen. Die Lieferung soll per Post erfolgen.

Medienberichten zufolge ermitteln die Behörden in Deutschland in mindestens 2.000 Fällen. Die Fallzahlen gingen zuletzt stark nach oben, das bestätigen mehrere Landeskriminalämter auf Nachfrage von MDR exactly. Sie rechnen zudem damit, dass viele weitere Fälle unentdeckt bleiben. "Aufgrund fehlender Sicherheits- und Fälschungsmerkmale bei Impfausweisen und der daraus resultierenden erschwerten Erkennbarkeit von Fälschungen kann mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Existenz eines Dunkelfeldes ausgegangen werden", schreibt etwa das LKA Sachsen-Anhalt.

Meist erfolgreiche Digitalisierung der Fälschungen in Apotheken

Zwei junge Männer unterhalten sich in einer Apotheke.
Wolf Ittner (links) ist pharmazeutisch-technischer Assistent und hat schon mehr als 200 Impfpässe digitalisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Apotheken können Impfpässe digitalisiert werden. Wenn dort die Fälschungen bestehen, dann hat der Besitzer ein funktionierendes, digitales Zertifikat in der App. Wolf Ittner ist pharmazeutisch-technischer Assistent und hat schon mehr als 200 Impfpässe digitalisiert, sagt er. In der Apotheke, in der er arbeitet, waren es insgesamt Tausende. Als Abgleich will er immer einen Personalausweis oder Führerschein sehen und checkt so die Übereinstimmung der persönlichen Daten. Anschließend verschaffe er sich im vorgelegten Impfpass einen Überblick, ob beide Impfungen eingetragen sind und ob es "zu beiden einen Arztstempel und eine Unterschrift gibt". Er könnte außerdem noch die Chargennummer überprüfen, sagt er. Doch wenn dies stimme und der Ausweis vernünftig aussehe, könne er wenig tun.

Ittner glaubt, dass auch ihm schon Fälschungen durchgerutscht sein könnten, obwohl er sehr aufmerksam vorgehe. Das System sei nicht 100 Prozent sicher. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sieht das ähnlich: "Gäbe es schon heute einen digitalen Impfpass oder eine zentrale Impfdatenbank statt des gelben WHO-Büchleins, dessen Vordruck jederzeit und überall zu bekommen ist, wäre natürlich diese Art von Fälschung gar nicht mehr möglich."

Fälscher glaubt nicht an rechtliche Konsequenzen

Als die bestellte Fälschung schließlich bei Marc im Briefkasten gelandet ist, kontaktieren die beiden Steven und geben sich als Journalisten zu erkennen. Sie wollen mit ihm anonym über sein Geschäft sprechen. Nach einer Weile schreibt er: "Hey, ich bin jetzt gerade erstmal baff und habe ganz schön Angst bekommen." Anschließend löscht er erst einmal den kompletten Chatverlauf. Er will darüber nachdenken und sich später melden.

Steven glaubt, dass ihm trotz des Verkaufs der Fälschungen kaum rechtliche Konsequenzen drohen. Auch unter Juristen gibt es Streit, wann Impfpass-Fälschungen strafbar sind. Steven hat Marc und Anton ein Youtube-Video geschickt, in dem ein Anwalt erklärt, dass das Fälschen nur gegenüber Behörden und Versicherungen strafbar sei, nicht aber das Vorlegen dieser in Apotheken, geschweige denn in Bars, Clubs oder Restaurants. Auch das Landgericht Osnabrück sprach im Oktober in einem der ersten Prozesse wegen gefälschter Corona-Impfzertifikate von einer Strafbarkeitslücke. Offenbar auch deshalb stimmt Steven einem Treffen mit MDR exactly schließlich zu.

Bundesregierung hat Gesetze verschärft

"Wir gehen davon aus, dass diese Verhaltensweisen ebenfalls strafbar sind. [...] Ob dann tatsächlich eine Verurteilung im Raum steht, das ist Aufgabe der Gerichte zu entscheiden", erklärt Torsten Keltsch, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden gegenüber MDR exactly. Doch bislang sei das Phänomen noch recht neu, deshalb sei noch unklar, welche sich am Ende durchsetze. "Es wird auch meines Erachtens noch eine ganze Weile dauern, bis diese Frage höchstrichterlich entschieden ist."

Die Bundesregierung hat die Gesetze im November noch einmal verschärft: Wer fälscht, dem drohen nun bis zu fünf Jahre Haft. Und Fälschungen zu benutzen, das ist nicht mehr nur gegenüber Behörden und Versicherungen strafbar. Keltsch findet es gut, wenn mehr Klarheit herrscht. Doch das gelte nicht rückwirkend. Theoretisch könnten viele, die in den vergangenen Monaten gefälscht haben oder gefälschte Ausweise benutzt haben, straffrei ausgehen.

Treffen mit Fälscher auf dunklem Parkplatz

Marc und Anton treffen sich schließlich Hunderte Kilometer entfernt von Leipzig mit Steven auf einem dem Parkplatz eines Gewerbegebietes. Es ist später Abend und von den vereinzelten Laternen fällt nur spärliches Licht auf die drei. Steven ist Anfang 20 und heißt eigentlich anders. Impfpässe fälscht er erst seit ein paar Wochen sagt er. "Ja, Geld mache ich natürlich damit." 150 Euro pro Stück nimmt er und er habe bislang etwa 40 Stück verkauft. Das wären etwa 6.000 Euro. Anschließend beschreibt er, wie er dabei vorgeht. Die Stempel und Impfpässe könne er einfach bestellen.

Und die Etiketten, ja da habe ich einen Kumpel, der da mit jemandem zusammenarbeitet, und der bekommt die halt.

Steven Impfpass-Fälscher

"Die sind echt. Der hatte jetzt erstmal nur die alten, aber jetzt hat er auch schon die neuen mit Wasserzeichen", sagt Steven. Doch was treibt ihn an und warum ignoriert er die Gesundheitsgefahr durch die Pandemie? Er empfindet 2G und die Diskussion um eine allgemeine Impflicht als staatlichen Zwang: "Ich finde, dass es jedem selbst überlassen ist, ob er sich impfen lässt", sagt Steven. Den Einschätzungen von Virologen traut er nicht.

Er selbst ist nicht geimpft, sagt er. Für bestimmte Gruppen könne Corona gefährlich sein, gibt Steven zu. Ein schlechtes Gewissen habe er trotzdem nicht. Doch angesichts der nun weiter verschärften Gesetze überlegt er, mit dem Fälschen aufzuhören: "Das wird mir zu riskant."

Quelle: MDR exactly/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 05. Dezember 2021 | 11:00 Uhr

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