Von Sucht bis Glücksgefühl Brauchen wir alle eine digitale Entgiftung?

Die Nutzung des Smartphones hat unseren Alltag in den letzten Jahren massiv verändert. Der Grund dafür, dass sehr viele Smartphone-Nutzer immer wieder zu dem Gerät greifen, hat in Fachkreisen einen Namen: „Fomo“. Das steht für: „Fear of missing out“ – also die Furcht, etwas zu verpassen. Diese Angst führt zu seltsamen Entwicklungen: Erste Metropolen in der Welt installieren Boden-Ampeln oder lassen extra Markierungen in U-Bahn-Stationen auf die Fußböden malern, damit weniger Unfälle passieren.

Zwei Mädchen mit Smartphone in der Hand, außerdem Atlas, der die Welt auf den Schultern trägt. 8 min
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Wir sprechen, wir texten, wir spielen, wir schauen, wir informieren uns und geben unsere Meinung wieder. Wir greifen mehrmals täglich gedankenlos zum Smartphone. Es ist wie ein Reflex - und überfordert auch viele.

Di 18.08.2020 17:38Uhr 08:29 min

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Manch einer spricht davon, dass es das Leben vergiftet, wenn wir ständig „on“, also immer erreichbar sind. Aus der Diskussion darum hat sich der Trend Digital Detox entwickelt. Die digitale Entgiftung, auch Handyfasten genannt, ist die bewusste Entscheidung, auf die Nutzung digitaler Endgeräte zu verzichten und damit den eigenen Stress zu reduzieren. 2018 erklärte die New York Times „Jomo“ („Joy of missing out“) als Gegenbewegung zu „Fomo“ sogar zum Trend des Sommers.

Psychologie: Wir wollen Langeweile vermeiden

„Wir müssen davon ausgehen, dass dieses ständige darauf Zugreifen erstmal etwas mit internen Zuständen zu tun hat“, sagt Professor Christian Montag von der Universität Ulm zu MDR MEDIEN360G. Der Autor des Buches Homo Digitalis forscht seit Jahren zu der menschlichen Persönlichkeitspsychologie und den Fragen der Computer-, Internet- und Smartphone-Nutzung. Viele Menschen würden es heute noch deutlich weniger aushalten, mit sich alleine zu sein, als das vor der Erfindung der Smartphones der Fall gewesen wäre, sagt der Psychologe. „Weil wir uns antrainiert haben, schon bei dem kleinsten Anzeichen von Langeweile auf das Gerät zuzugreifen.“ Über die ständige Ablenkung aber verlieren die Menschen zunehmend das Gefühl für sich selbst – und also auch den möglichen eigenen Erschöpfungs- und Müdigkeitszustand. Das wiederum kann bis zum Burnout führen.

Tools und Detox helfen nur bedingt

Es gibt inzwischen die unterschiedlichsten Instrumente und Möglichkeiten, das eigene Nutzungsverhalten zu regulieren: Menschen üben in speziellen Camps, wieder mehr auf die Geräte zu verzichten und sich bewusst auf eine Sache zu konzentrieren. Apps und Einstellungsmöglichkeiten an den Geräten verschaffen Pausen. Und Computerprogramme verhindern, dass wir mitten in der konzentrierten Arbeit kurz mal bei Facebook oder im E-Mail-Postfach vorbeischauen – was den Konzentrationsprozess erheblich stört und damit die Produktivität reduziert.

Das bewusste Aussetzen für eine oder mehr Wochen helfe aber kaum, das eigene Problem in den Griff zu bekommen, sagt Sarah Diefenbach. Sie ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der LMU München und Autorin des Buches Digitale Depression – Wie neue Medien unser Glücksempfinden beeinflussen. Auch wenn der bewusste Verzicht „eine interessante Möglichkeit für eine neue Erfahrung“ sein könne, so die Wissenschaftlerin, sei ein dauerhaft gesunder Umgang mit digitalen Reizen wichtiger: „Es kommt darauf an, was man daraus macht, wie man damit umgeht.

Was ist eine gute digitale Gesellschaft?

Sich bewusst entziehen zu können, sei heutzutage eine wichtige Kompetenz, sagt die Medienforscherin Sabria David: „Der verantwortungsvolle Mediennutzer kann beide Zustände gut beherrschen. Er kann sich sowohl einlassen als auch entziehen.“ Schon vor über zehn Jahren hat sie gemeinsam mit zwei Kollegen das Slow Media Manifest veröffentlicht, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. In Kürze erscheint ihr Buch Die Sehnsucht nach dem nächsten Klick. Ziel damals wie heute: Den immer komplexer und schneller werdenden Medienformaten wie auch der massiv um sich greifenden Sofortkommunikation etwas entgegenzusetzen.

Der Mensch müsse die Technik beherrschen, nicht die Technik den Menschen, meint David. So habe die Digitalisierung den Feierabend fast ausgelöscht, weil alle ständig zu erreichen sind. Das sei auch eine gesellschaftliche Herausforderung. „Jetzt ist die Zeit der Kulturtechnik“, sagt sie. „Also nicht: Was ist technisch möglich? Sondern: Was machen wir mit den technischen Möglichkeiten?“ Dafür müsse aber die Gesellschaft Antworten auf die Frage finden, was überhaupt eine gute digitale Gesellschaft ausmacht.

Alle drei Experten weigern sich, die Digitalisierung zu verteufeln – im Gegenteil. Sie bringt großartige Möglichkeiten mit sich. Allerdings, auch darin sind sie sich einig, muss jeder einzelne wie auch die gesamte Gesellschaft das Nutzungsverhalten reflektieren und sich offensiv damit auseinandersetzen, wo die Grenzen sind und wie man sie einhält. Digital Detox kann hier nur ein Baustein sein.