Probenbericht "Fast normal" in Magdeburg: So erzählt ein Musical über klinische Depression

In der breiten Öffentlichkeit wird selten über Depressionen und ähnliche psychische Erkrankungen gesprochen. Das Theater Magdeburg hat sich dieser Herausforderung gestellt – ausgerechnet mit einem Musical. Die Inszenierung von "Fast normal" zeigt, dass das Genre auch feine Zwischentöne und Einblicke in komplexe Gefühlwelten zulässt. Ein Probenbesuch.

Auf der Bühne in Magdeburg ist eine Haus angedeutet. Zwei Personen sitzen am Tisch, zwei weitere stehen daneben.
"Fast normal" erzählt, wie Depressionen auf eine ganze Familie wirken. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Die Frau in dem roten Kleid scheint sich unwohl zu fühlen, wie sie da auf dem Stuhl gegenüber von ihrem Psychiater sitzt. Plötzlich beginnt der Mann im beigen Anzug, expressiv zu singen. So sieht es in ihrem Kopf aus. Eben diese krassen Wechsel in der Musik zeichnen das Rockmusical von Brian Yorkey und Tom Kitt aus. "Uns schleudert es herum zwischen Balladen, die von Gitarre begleitet werden oder auch nur mit Klavier, ganz leise und zärtlich, bis hin zu Punk", beschreibt die Sängerin Carin Filipčić. "Was aber alles die Gefühlswelten zumindest meiner Figur darstellt." 

Die österreichische Musicalsängerin, die als Gast am Theater Magdeburg singt, verkörpert Diana Goodman: eine Frau, eine Familienmutter, die mit tiefen Wunden in ihrer Seele kämpfen muss: Sie leidet an einer bipolaren Störung, an Depressionen und hat Wahnvorstellungen. In diese Wunden schaut das Stück "Fast normal". Für Regisseur Tobias Ribitzky ist das eine große Stärke des Theaters: "In einem theatralen Umgang mit dem Thema liegt die Chance, dass man Diana, also der Erkrankten, folgen kann, dass man im Theater diese Innenwelten zeigen kann, die sie hin- und herreissen. Das ist im Stück schon angelegt, aber wir haben versucht, das noch zu überhöhen. Wir folgen ihr in die Vorstellungen und erleben mit ihr, was das bedeutet." 

Zwei Personen sitzen sich auf Stühlen gegenüber, dahinter sitzt eine weitere Person auf einem Scheinwerfer.
Die Magdeburger Inszenierung zeigt das Innenleben der depressiven Diana Goodman. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Kontakt zu den eigenen Gefühlen

Über die Breite der Bühne ist der Umriss eines Hauses angedeutet. Dahinter bleibt der Raum schwarz. Hier schwebt eine weiß gekleidete Gestalt an einem Scheinwerfen hängend vom Bühnenhimmel herab. Später steht die geisterhafte, manchmal fast dämonenhafte Gestalt vor einer Tür, die einen Spalt breit geöffnet ist. Es sind traurige Momente. Carin Filipčić hat sich zuerst mit den Krankheitsbildern beschäftigt: "Was bedeutet manisch-depressiv, was bedeutet Schizophrenie? Wir kennen diese Begriffe, aber was genau dahintersteckt, kann ich nicht sagen."

Deswegen hat sich die Darstellerin bei den Proben auch intensiv mit sich selbst beschäftigt: "Man muss in sich selber mal reinschauen. Wo liegt denn der Schmerz, den man da verwenden könnte. Insofern haben die Gefühle, die ich verwende, ganz stark mit mir zu tun. Ich könnte Diana nicht abgeklärter oder technischer spielen. Ich glaube auch, das bin ich ihr schuldig und das bin ich auch jedem schuldig, dem es irgendwie so geht."

Ein Mann sitzt an einem Tisch, eine Frau ist daneben auf den Boden gesunken.
Carin Filipčić singt die Hauptrolle der Diana Goodman. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Komplizierte Familienverhältnisse auf der Magdeburger Bühne

Doch in "Fast normal" geht es eben nicht nur um Diana Goodman, sondern auch um die Menschen um sie herum: "Es ist kein Stück, das sagt, es ist eine medizinische Abhandlung", meint der Regisseur. "Es geht um Wirkungen einer Krankheit auf das Umfeld, auf das Miteinander und auf den Menschen selbst."  Da ist der Mann von Diana, der fast daran verzweifelt, dass es keine Heilung gibt. Die gemeinsame Tochter will einfach nur gesehen werden und mit ihren Eltern über alle Probleme reden. Doch Diana unterhält sich meistens mit dem Schattenbild ihres Sohnes, der vor Jahren verstorben ist.  

Carin Filipčić beschreibt die Beziehung der Figur zu ihrer Familie im Stück als losgelöst. Sie setzt sich nur mit ihrem toten Sohn auseinander. "Ich fühle mich sehr allein in dieser Welt. Und das kennen wir alle von Familien: Man sitzt am Frühstückstisch, schmiert sich Brote und dann geht jeder seinen weg. Die Frage ist, wie tun wir miteinander, welche ehrlichen Gespräche haben wir noch. Und in unserer Familie gibt es einfach keine ehrlichen Gespräche."

Eine Frau lehnt verzweifelt an einer blau beleuchteten Wand, daneben singt eine rot gekleidete Frau.
Die Regie in Magdeburg wollte die Beziehungen auf der Bühne sichtbar machen. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Für den Regisseur Tobias Ribitzki war es darum wichtig, die Bühne so reduziert wie möglich zu gestalten: Die Figuren und ihre Beziehungen sollten immer sichtbar bleiben. Auf der Bühne stehen lediglich Tische und Stühle, darüber hängt eine Glühbirne. Wenn die Tochter mit ihrem Freund streitet, ist ihre Mutter im Hintergrund zu sehen, so wie sie im Hinterkopf der Tochter immer präsent bleibt.

Die Krankheit und ihre Behandlung

Auf der anderen Seite ging es auch um einen realistischen Umgang mit der Krankheit: "mit einem behutsamen Blick auf die Behandlungsmethoden zu schauen, ohne dass ich sie verteufeln will", erklärt Tobias Ribitzki. "Es ist uns ganz wichtig zu sagen, dass Arzt etwas macht, um ihr zu helfen. Er will nicht einfach an ihr experimentieren." Ribitzki hat sich viel mit den Behandlungsmethoden und Nebenwirkungen beschäftigt und zum Beispiel erfahren, dass die Elektrokrampftherapie stark verbessert wurde.

Zwei Personen sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Dazwischen ist ein Mann zu sehen.
Das Stück "Fast normal" zeigt Krankheit und Behandlung mit allen Herausforderungen. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Im Stück verliert Diana dennoch fast ihr Gedächtnis. Ihr Mann will ihre schlechten Erinnerungen unterdrücken – laut Ribitzki eine verpasste Chance: "Es geht im zweiten Teil nur noch um den Zustand von 'Ich will mich erinnern'. Und wie wird ihr das gestattet? Ist es richtig, dass man ihr das vorenthält? Oder wäre es besser, sie auch mit den Negativen zu konfrontieren oder mit den Schmerzen, damit sie sich spürt. Um das verarbeiten zu können, muss man sich dem wahrscheinlich stellen."

Entdeckungen für alle Menschen in Magdeburg

Psychische Erkrankungen sind ein ernstes Thema, das vermutlich die Wenigsten mit der sonst bunten Welt des Musicals in Verbindung bringen. Doch für Ribitzki gehören auch diese Themen dazu: "Im Musiktheater wird das Thema nicht oft behandelt. Ich finde es großartig, dass Themen, die uns im Alltag begegnen, ihren Weg auf die Bühne finden. Wenn man jetzt Musical hört, denkt man vielleicht an Feel-Good oder eine große Show. Ich bin froh, dass man mit diesem Stück zeigen kann, was das Genre bietet." Außerdem hofft Ribitzki, dass Menschen in Magdeburg sich mehr mit Musicals beschäftigen, um unbekanntere Titel zu entdecken.

Vor allem ist es dem Team von "Fast normal wichtig, dass sich Menschen in dem Stück wiederfinden, "dass man hier so ein Thema in den Mittelpunkt rückt und Menschen, die betroffen sind und reingehen, das Gefühl haben: 'Wow, endlich wird über mein Problem gesprochen'", begeistert sich der Regisseur. Tobias Ribitzki war es dabei wichtig, keine Klischees auf die Bühne zu bringen, sondern das Problem mit "Offenheit und Behutsamkeit, die einen nicht vor den Kopf stößt."

Eine Frau in rot sitzt an einem Tisch, hinter ihr  ist eine weiß gekleidete Gestalt zu sehen.
Auch Menschen ohne Depressionen können sich in der Geschichte wiedererkennen – denn jeder kennt Trauer und Geheimnisse. Bildrechte: Kerstin Schomburg

"Man verschweigt dieses Thema im Alltag vielleicht mehr, aber umso wichtiger, dass man es dann zeigt", so der Regisseur. Doch er betont auch, dass sich jeder Mensch in dem Stück "Fast normal" am Theater Magdeburg wiederfinden kann: In der Identitätssuche der Tochter, der Ehekrise des Mannes – und auch in der Trauer von Diana.

Weitere Informationen Das Rockmusical "Fast normal" von Tom Kitt und Brian Yorkey feiert am 8. Oktober Premiere am Theater Magdeburg

Musikalische Leitung: Nathan Bas
Regie: Tobias Ribitzki
Ausstattung: Stefan Rieckhoff
Mit: Carin Filipčić, Mathias Edenborn, Lukas Witzel, Karen Müller, Raphael Groß und Lutz Standop

Weitere Termine:
8. Oktober, 19.30 Uhr
16. Oktober, 16 Uhr
28. Oktober, 19.30 Uhr
13. November, 18 Uhr
3. Dezember, 19.30 Uhr
8. Dezember, 19.30 Uhr
30. Dezember, 19.30 Uhr
7. Januar, 19.30 Uhr
4. Februar, 19. 30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 01. Oktober 2022 | 07:40 Uhr

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