Sergej Lochthofen Offener Brief zum Ukraine-Krieg: Thüringer Publizist hält Appell für naiv

In einem offenen Brief wenden sich zahlreiche Kulturschaffende und Intellektuelle in Deutschland an Bundeskanzler Olaf Scholz und fordern, keine schweren Waffen in die Ukraine zu liefern. Der Thüringer Publizist Sergej Lochthofen versteht das Anliegen, kritisiert jedoch die Forderungen. Lochthofen wurde in Russland geboren und arbeitete als Journalist in der DDR. Später gründete er die Thüringer Allgemeine und schrieb zahlreiche Bücher. Im Gespräch mit MDR KULTUR erklärt er, warum der Brief nicht hilft.

Ein älterer Mann Brille und Schnauzbart schaut in die Kamera.
Der Journalist und Publizist Sergej Lochthofen sieht den offenen Brief kritisch. Bildrechte: dpa

Der Thüringer Publizist und Schriftsteller Sergej Lochthofen hält die Forderungen des offenen Briefs von deutschen Kulturschaffenden gegen Waffenlieferungen in die Ukraine für naiv. Im Interview bei MDR KULTUR bezeichnete er den Brief zwar als sympathisch und nennt den Pazifismus der vergangenen Jahrzehnte ein hohes Gut. Doch er stellte auch klar, dass die Situation nun mit Kriegsausbruch in Europa eine andere sei: "Wir werden das Thema nicht einfach vom Tisch wischen können."

Lochthofen lobt Scholz-Kurs

Zu den Unterzeichnern des Briefs gehört auch Roland May, der Intendant des Theaters Plauen Zwickau. Er erklärte, dass deutsche Waffenlieferungen dem ukrainischen Militär nicht das gleiche Bedrohungsmaterial wie Russland verschaffen könnten, sondern nur den Krieg in die Länge ziehen würden. Auch Lochthofen liest in dem Brief und den dazugehörigen Debatten, dass eine Kapitulation der Ukraine erwünscht sein könnte. Anders als May vermutet er dahinter jedoch pazifistische Überzeugungen: "Es sind Leute, die sich da melden, die selbst vielleicht auch Schmerz verspüren. Sie sind lange Zeit der Idee des Pazifismus nachgehangen, und jetzt sehen sie plötzlich, dass die Realität anders ist."

Mann mit grauen, gescheitelten Haaren schaut ernst in die Kamera.
Roland May gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefs. Bildrechte: MDR/Judith Burger

Weiter argumentieren die Unterzeichner des offenen Briefs aus der Sorge heraus, dass Waffenlieferungen zu weiteren Eskalationen bis hin zum Einsatz von Atomwaffen führen könnten. In diesem Fall stimmt Lochthofen mit May überein: "Wir haben keine Waffen, um einen Putin aufzuhalten." Für den Publizisten bedeutet das jedoch auch, dass Deutschland keinen Einfluss auf diese Aspekte des Krieges hat. "Insofern sollten wir da auch etwas ruhiger, gelassener sein", erklärt Lochthofen. Insgesamt halte er den Kurs von Olaf Scholz für realistisch und vernünftig.

Schwierige Situation in der Ukraine

Lochthofen, der in der früheren Sowjetunion im heute europäischen Teil von Russland aufgewachsen ist, analysiert, dass Putin aktuell drei Kriege führt: gegen die Ukraine, gegen den Westen insbesondere um die Hegemonie-Ansprüche der USA und nicht zuletzt auch gegen die eigene Bevölkerung. Da sich die Situation durch den Krieg verschlimmert, gerate Putin weiter unter Druck und "rutscht jetzt in die Richtung von Nordkorea", so Lochthofen.

Demonstranten und Polizisten bei einer nicht genehmigten Demonstration.
Auch in Russland demonstrieren Menschen gegen den Krieg, müssen aber mit massiven Widerstand rechnen. Bildrechte: dpa

Damit meint der Journalist auch, dass die Repressionen und der Druck auf die Bevölkerung weiter zunehmen. Umfragen, nach denen ein Großteil der russischen Bevölkerung Putins Krieg unterstütze, sieht er kritisch und zieht Vergleiche zur DDR: "Wenn man uns angerufen und gefragt hätte, wie wir den Kurs von Erich Honecker finden, keiner hätte die Wahrheit gesagt am Telefon."

Interviews zum Ukraine-Krieg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Mai 2022 | 08:40 Uhr