Ausblick auf die Spielzeit 2022/23 "Der große Hanussen": Theater Chemnitz bringen Stefan Heym-Stück auf die Bühne

Als Hellseher war Erik Jan Hanussen einst gefeierter Star im Berliner Varieté der 1920er-Jahre. Er war Jude, verfügte aber über beste Kontakte in hohe Nazi-Kreise. Kurz nach der Machtergreifung wurde er umgebracht. Dass der gebürtige Chemnitzer Schriftsteller Stefan Heym in seinem Exil 1941 ein Stück über ihn geschrieben hat, wurde erst 2021 bekannt. In der nächsten Spielzeit wird der "Der große Hanussen" an den Theatern Chemnitz Premiere feiern – und noch viel mehr steht auf dem Programm.

Der Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich lächelt am 12.09.2013 vor der Oper Chemnitz in die Kamera.
Generalintendant Christoph Dittrich will mit Elan in die neue Spielzeit 2022/23 der Theater Chemnitz starten. Bildrechte: dpa

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Die Theater Chemnitz bringen in der neuen Spielzeit unter anderem die Operette "Die lustige Witwe", die Oper "Carmen" und die Shakespeare-Komödie "Ein Sommernachtstraum" auf die Bühne. Das teilte das Haus bei der Vorstellung der Saison 2022/23 mit. Pandemiebedingt waren die Aufführungen auf Eis gelegt.

Zum ersten Mal seit 20 Jahren soll im Opernhaus Chemnitz "Das schlaue Füchslein" von Leoš Janáček auf die Bühne kommen (Regie: Joan Anton Rechi), diesmal in tschechischer Originalsprache. Den Spielzeitabschluss krönt Alban Bergs "Wozzeck", der sogar mehr als 90 Jahre nicht in Chemnitz aufgeführt wurde (Regie: Balázs Kovalik). Komplettiert wird das Angebot von Oper und Operette mit jeder Menge Publikumsrenner, etwa "Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach und "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber. Der wird von der Regisseurin Elisabeth Stöppler inszeniert, deren Chemnitzer "Götterdämmerung" mit dem Theaterpreis Der Faust ausgezeichnet worden ist und die auch mit ihrer Sicht auf "Tristan und Isolde" beeindruckt hat.

Reminiszenz an Wassily Kandinsky

Gespannt sein darf man auch auf eine Reminiszenz an Wassily Kandinskys Bühnenkomposition "Ein gelber Klang", eine Ausgrabung, die mit Musik unter anderen von Morton Feldman und John Cage im Rangfoyer der Oper gezeigt werden soll. Hervorhebenswert ist zudem die (ebenfalls verschobene) Oper "Brundibár" von Hans Krasa, die in Kooperation mit der Städtischen Musikschule erarbeitet werden soll.

Beachtlich ist auch das vielfältige Angebot der Robert-Schumann-Philharmonie, zumal Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo für seine letzte Chemnitzer Saison neben großer Sinfonie auch jede Menge Ausgrabungen und Entdeckungen plant. Zu den musikalischen Raritäten zählen "Le Poème de l'Extase" von Alexander Skrjabin, die 6. Sinfonie von Kurt Atterberg sowie die Wiederentdeckung der 1. Sinfonie von Hans Rott.

Heym-Neuentdeckung: Eine von 14 Schauspiel-Premieren

Zu den 14 Premieren am Schauspiel gehört auch ein Stück von Stefan Heym (1913-2001), das der gebürtige Chemnitzer 1941 im New Yorker Exil geschrieben hat. Es sei erst 2021 in England wiederentdeckt worden, hieß es dazu weiter. Heym erzählt darin die Geschichte von Erik Jan Hanussen, der in den 1920er/1930er-Jahren als Hellseher in den Berliner Varietés reüssierte. Hanussen, alias Hermann Chajm Steinschneider, war Jude, verfügte aber über beste Kontakte bis in hohe Kreise der Nationalsozialisten, deren Aufstieg er bejubelte.

Erik Jan Hanussen
Hellseher Hanussen, seine Lebensgeschichte wurde auch mehrfach verfilmt, u.a. von Istvan Szabo mit Klaus Maria Brandauer. Bildrechte: dpa

Indem er Geld verlieh, entstanden Abhängigkeiten und ein Netz aus Informanten. Seinen Voraussagen über politische Ereignisse oder die Aktienkurse, die er auch in seinen Zeitungen publik machte, waren Stadtgespräch. Hanussen soll auch den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 vorausgesagt haben, für den die Nazis die Kommunisten verantwortlich machten, um die Jagd auf politische Gegner zu eröffnen. Wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung wurde er von SA-Leuten umgebracht.

Mit Elan in die neue Spielzeit: Kooperation mit MDR-Rundfunkchor

Die vergangenen beiden Spielzeiten seien von vielen Verschiebungen, Änderungen und Absagen geprägt gewesen, beklagte Generalintendant Christoph Dittrich mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie. Wegen der Sanierung des Schauspielhauses sei der Umzug von Schauspiel und des Figurentheaters in ein Interim hinzugekommen. Nun wolle sein Fünf-Sparten-Haus mit Freude und Elan in die neue Spielzeit starten. Er sei zuversichtlich, mit dem breitgefächerten Angebot das Publikum zurückgewinnen zu können. So werde das Orchester zusammen mit dem MDR-Rundfunkchor Robert Schumanns Oratorium "Das Paradies und die Peri" erstmals in Chemnitz zu Gehör bringen.

Ballet und ein Figurentheater, das sich dem Thema Alter widmet

Das Ballett biete sowohl klassischen als auch zeitgenössischen Tanz, etwa mit dem dreiteiligen Abend "Wellen. Flimmern" und den Märchenklassikern "Elisa und die wilden Schwäne" sowie "Cinderella". Opernliebhaber erwartet derweil neben Webers "Freischütz" auch Leo Janáceks "Das schlaue Füchslein" in tschechischer Sprache. Das Figurentheater beschäftigt sich unter anderem mit dem Altwerden. Dazu nimmt es Martin Baltscheits Stück "Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor" ins Programm.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2022 | 12:30 Uhr