NÄCHSTE GENERATION Leipziger Performerinnen fragen: Wem gehört der öffentliche Raum?

Wie werden Obdachlose, Kinder, Skateboarderinnen oder Sexarbeiterinnen aus der Öffentlichkeit ausgegrenzt und warum? Die Leipziger Performerinnen Julia Lehmann und Clara Minckwitz vom Studio Urbanistan werfen mit ihren Audiowalks die Frage auf: Wem gehört der öffentliche Raum und wer wird durch Stigmatisierung, Angst oder Architektur ausgeschlossen?

Über das Format NÄCHSTE GENERATION:

In unserem Youtube-Format MDR KULTUR – NÄCHSTE GENERATION stellen wir junge Künstlerinnen und Künstler vor, die unsere Gesellschaft kritisch in den Blick nehmen, Debatten anregen und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen wollen. Jeden zweiten Montag, stellen wir diese Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vor – die Themen reichen von der Frage, ob es okay ist, das Elternsein zu bereuen, ob die 40-Stunden-Woche noch angemessen ist, bishin zu Klimaschutzfragen oder Patriotismuskritik.

Wenn Julia Lehmann und Clara Minckwitz durch die Stadt laufen, blicken sie inzwischen ganz anders auf die Architektur als die Passanten, die in den Läden ihre Einkäufe erledigen. Hier die Bänke, die zu kurz sind, um sich darauf zu legen und deren Armlehnen es erschweren, es sich gemütlich machen, da die kleinen metallenen "Skatestopper"-Kugeln, die es Skatern unmöglich machen, mit dem Board an Kanten entlangzufahren.

Die beiden Theaterkünstlerinnen stammen gebürtig aus Erfurt und Ilmenau und haben 2014 die Performance-Gruppe Studio Urbanistan gegründet. Sie recherchieren Dinge, die ihnen im urbanen Raum auffallen – führen Interviews etwa mit Stadtplanern, Obdachlosen, Jugendlichen, nehmen diese Töne auf und schaffen daraus Audiowalks, bei denen sich Interessierte auf einer Entdeckungstour durch die Stadt bewegen und mit einem neuen Blick darauf schauen können.

Ein etwas anderer Rundgang durch die Stadt

"Speak to me, place" heißt der Hörrundgang durch die Leipziger Innenstadt. Ein weiterer Audiowalk führte durch den Stadtteil Connewitz: In "The sunset looks violent" waren beispielsweise ältere Anwohner zu hören, die sich wegen der vielen Graffiti bedroht und unsicher in ihrem Wohngebiet fühlen oder jüngere Menschen, die Graffiti als Mittel sehen, um sich gegen das ohnmächtige Gefühl zu wehren, wenn Luxuswohnungen gebaut werden, die sie sich nicht mehr leisten können. Ergänzt werden die Rundgänge von Studio Urbanistan oftmals durch Theaterperformer, die das Publikum etwa in die Situation einer Schießerei in einer Tiefgarage versetzen.

Ich sage manchmal aus Spaß, in Connewitz könnte ruhig noch öfter mal ein Auto brennen, damit hier nicht noch mehr Juppies herziehen. Es herrscht eine gewisse Ohnmacht, weil man kann der Macht des Geldes nicht viel entgegensetzen.

Anwohnerin aus Leipzig-Connewitz aus dem Audiowalk "The Sunset Looks Violent"

Vielseitige Stimmen im Audiowalk liefern vielschichtiges Bild

"Wir arbeiten in unseren Projekten eigentlich immer vor Ort, im öffentlichen Raum – da, wo wir denken, dass sich das gesellschaftliche Thema herauskristallisiert", sagt Julia Lehmann. Am Anfang stehe meist eine fixe Idee, "meistens ein gesellschaftliches Thema, was einen irgendwie interessiert, wo man denkt: Okay, davon habe ich keine Ahnung – oder die Gesellschaft hat zu wenig Ahnung davon." Davon ausgehend recherchieren die Künstlerinnen im Internet oder in Zeitungen und versuchen, betroffene Personen zu finden.

Und so erzählt beispielsweise ein Skater, dass er nicht begreifen kann, warum es in Leipzig so wenige ausgewiesene Skaterparks gibt:

In Leipzig gibt es keinen Skatepark, der groß genug ist, um den 200 Skatern aufwärts das zu bieten, was sie brauchen – nur sehr kleine Flächen. Und wenn wir dann wo hin gehen, wo wir Platz haben und es Spaß macht, kommen wieder Anwohner, Ordnungsamt, Polizei, und wir kriegen Strafen und Anzeigen.

Leipziger Skateboarder aus dem Audiowalk "Speak To Me Place"

Oder ein Obdachloser erzählt, dass er sich unter die Bänke legt, weil diese aufgrund ihrer Form zum Schlafen ungeeignet sind. An anderer Stelle werden die Passanten direkt von einer Bank angesprochen: "Hallo, hier bin ich, hier unten!" Die Bank erzählt dann auf unterhaltsame Art, nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurde: vandalismussicher und wetterbeständig. Das Publikum soll sich dann zum Thema ein eigenes Bild schaffen können.

Die beiden Künstlerinnen betonen, ihnen gehe es nicht um "die Wahrheit", sondern darum, mit Wahrnehmungen zu spielen und neue Perspektiven auf Themen wie ausgrenzende Architektur in der Innenstadt oder den vermeintlich beängstigenden Stadtteil Connewitz zu ermöglichen. Es sei ein Angebot, sich über ein Thema Gedanken zu machen "und vielleicht auch verschiedene Stimmen dazu zu hören und zu gucken: Wie ändert sich mein Blick vielleicht auch auf dieses Thema?", erklärt Clara Minckwitz. Außerdem solle das Publikum ein Erlebnis haben und sich bewegen: "Man geht nicht hin und sitzt irgendwo und hört sich etwas an oder guckt sich etwas an", so Minckwitz.

Kein Platz für Kunstprojekte in Leipziger Innenstadt

Bei ihrer Arbeit stoßen die Künstlerinnen selbst oft an Grenzen. Beispielsweise war es schwer, eine Wohnung für ihr neuestes Projekt "Next Door" über Sexarbeit anzumieten, erzählt Clara Minckwitz. Viele Vermieter wollten mit Sexarbeit nichts zu tun haben - obwohl es ja nur um ein Projekt über Sexarbeit gegangen sei. "Wenn das jetzt schon bei einem Kunstprojekt passiert, das nur etwas darüber ist, wo keine reelle Sexarbeit stattfindet, kann man sich nur vorstellen, was diese Stigmatisierung für Menschen, die wirklich in dieser Branche arbeiten, bedeutet."

Ähnlich erging es den Künstlerinnen aber auch im Leipziger Zentrum. Hier wurde ihnen vom Ordnungsamt untersagt, Richtungspfeile mit Klebemarkierungen auf den Boden zu kleben. "Da haben wir uns schon gefragt, ob man das nicht auch mal öffentlich machen muss, mit welchen Schwierigkeiten man in Leipzig zu kämpfen hat, wenn man etwas Kulturelles in der Innenstadt machen möchte."

Öffentlicher Raum muss zurückerobert werden

Julia Lehmann und Clara Minckwitz würden sich wünschen, dass der öffentliche Raum wieder mehr von jedem zurückerobert wird und die Innenstadt nicht nur von Konsum geprägt wäre – gerade während der Coronapandemie habe sich gezeigt, wie die Zentren verwaisen, wenn man sie nur zum Einkaufen nutzt.

Ihr Idealbild von öffentlichem Raum, sagt Julia Lehmann, sei es, dass diesen Raum jeder nutzen könne: "Der öffentliche Raum ist für ein Zusammenkommen da, für ein Zeigen von vielen Unterschiedlichkeiten." Doch das entspreche nicht der Realität. Tatsächlich sei es eher so, "dass eigentlich immer schon gesagt wird, wie ich den zu nutzen habe."

Die Theatermacherin fordert, den öffentlichen Raum weniger zu privatisieren und wieder mehr als Kommune zu überlegen, wie man ihn gemeinsam gestalten kann – mehr Bänke, mehr Spielplätze oder Grünflächen wären aus ihrer Sicht ein Anfang. "Eigentlich ist der öffentliche Raum ein schöner Raum, wo jeder vielleicht in einem gewissen Maße so sein kann, wie er oder sie ist", findet Clara Minckwitz und schiebt hinterher: "Aber das ist auch eher eine Utopie."

Offenlegung: Studio Urbanistan-Mitgründerin Clara Minckwitz ist freie Mitarbeiterin der Online-Redaktion von MDR KULTUR.

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