Wiener Klassiker Wunderbares Ensemble-Theater: Arthur Schnitzlers "Der einsame Weg" in Magdeburg

Arthur Schnitzler ist einer der wichtigsten Dramatiker Österreichs. Er schaffte es wie kaum ein anderer, Menschen und ihre Beziehungen nachzuzeichnen. Darin bleibt er bis heute aktuell. Das Theater Magdeburg hat das Stück "Der einsame Weg" auf den Plan gesetzt – eine verworrene Familiengeschichte. Die Inszenierung überzeugt mit der großartigen Leistungen des Magdeburger Ensembles und der feinen Regie des scheidenden Schauspieldirektors des Stadttheaters – bleibt aber auch etwas langweilig.

Spielszene "Der einsame Weg" von Schnitzler am Theater Magdeburg 9 min
Bildrechte: Nilz Böhme/Theater Magdeburg

Was hat uns ein Theaterklassiker aus dem Wien des Jahres 1903 heute noch zu erzählen? Mit einigem guten Willen kann man aus dem den Plot des Stücks "Der einsame Weg" von Arthur Schnitzler den Umgang mit einem Generationenkonflikt herauslesen. So wie es ihn wohl immer gegeben hat und geben wird. Im konkreten Fall geht es um einen aus dem gutsituierten, künstlerisch grundierten Wien des noch jungen 20. Jahrhunderts. Hier herrscht kein materieller, eher ein moralischer Notstand. Man ist angekommen in der Wohlstandstristesse und hat seine besten Zeiten schon hinter sich. 

Wiener Talent in Magdeburg

Der Tod nimmt die Kunstprofessorengattin und Mutter zweier, gerade erwachsen gewordener Kinder, mit sich. Alte Freunde tauchen auf und ein Geheimnis kommt ans Licht. Eins der beiden Kinder – Sohn Felix, der sich als Leutnant beim Militär langweilt – ist das Kind eines guten alten Freundes des Hauses, nicht des Hausherrn. Dessen Schwester Johanna, die sich zuhause zu Tode langweilt, sieht keinen Lebenssinn für sich, aber dafür allerlei Schicksalsschläge voraus. Wir werden Zeuge des eleganten Zerbrechens einer Welt, die ein paar Jahre später auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs krachend ihr Ende finden soll.

Eine Frau mit buntem Kopftuch sitzt auf der Magdeburger Bühne, im Hintergrund sind zwei Schauspieler zu sehen.
Schnitzlers Stück erzählt von der melancholischen Stimmung vor der Jahrhundertwende. Bildrechte: Nilz Böhme/Theater Magdeburg

Regisseur der Magdeburger Inszenierung ist der scheidenden Schauspieldirektor Tim Kramer. Ein vom  Schnitzler-Virus Infizierter, könnte man denken. Immerhin hat er seine schauspielerische Ausbildung doch am Max Reinhardt Seminar in Wien erlebt. Danach spielte er an den großen Häusern der Stadt, dem Schauspielhaus, dem Volks- und auch dem Burgtheater. Der ist also Schnitzler-Codiert. Kein Mann der Mätzchen-Moderne auf dem Theater. Eigentlich wohltuend.

Schauspiel der guten alten Schule

Ein Mann sitzt mit verschränkten Armen auf der Bühne, ein hinter ihm stehender Mann legt ihm eine Hand auf die Schulter.
Die Inszenierung am Theater Magdeburg lebt von der Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Bildrechte: Nilz Böhme/Theater Magdeburg

Die Video-Abteilung des Theaters hat frei an diesem Abend, die Mikro-Ports bleiben unter Verschluss. Musik kommt nur dezent zum Einsatz, etwa beim Überbrücken von kleinen Umbaupausen im Halbdunkel. Wir erleben ein Theater, das seine Kraft aus einer Art Grundruhe schöpft. Hier wird geredet, nicht gehandelt. Es ist ein Konversationsstück, wenn man so will. Ein musealer Abend: Theater in historischer Aufführungspraxis – auch wenn das Ensemble aussieht, wie von einem Bekleidungshaus um die Ecke am Breiten Weg in Magdeburg angezogen.
Es tut gut, endlich wieder mal zu erleben, dass Theaterschauspieler in der Lage sind, auch ohne Mikroport auch in den leisesten Nuancen so sprechen zu können, dass man sie versteht. Und auch Erregtheit eben immer noch menschgesteuert ist. In Magdeburg hat die Regie offensichtlich sehr intensiv und mit Präzision gearbeitet – mit allen Darstellerinnen und Darstellern.

Magdeburger Ensemble glänzt

Katharina Walter spielt die Johanna, die junge Frau mit ihren am Ende selbsterfüllenden Todesahnungen. Dabei erweist sie sich als Großmeisterin der kleinen, wohlgesetzten Gesten und Blicke. Eine hoffnungslose Todestänzerin, die sich in ihrer Zerbrechlichkeit nicht davor scheut, auch mal ins fast schon Nervige zu gehen – aber dennoch nicht nervt.

Ganz anders drauf ist da Antonia Labs, die die unglückliche Ex-Schauspielerin Irene Herms gibt. Sie vermag es, den Bogen von der aufgedrehten Diva zu einer in ihrem innersten tief zerstörten "Nicht-Mutter-Gewordenen" mit großem schauspielerischen Anspruch auszuschreiten. Und dabei schafft sie es, dem Publikum auch den einen oder anderen Lacher abzuluchsen.

Auf einem hölzernen Podest steht ein einzelner Baum, vorne sitzt ein Mann, ein weiterer kommt von rechts.
Die Personenregie in Magdeburg ist zwar nicht modern, die Ausstattung aber zeitgenössisch. Bildrechte: Nilz Böhme/Theater Magdeburg

Was auch Christoph Förster als todgeweihtem Stephan von Sala gelingt. Ein Mann von Welt, der nicht mehr lange auf dieser sein wird, die verbleibende Zeit aber mit Grandezza auszufüllen weiß. Als Darsteller findet der Magdeburger in jedem Moment das richtige Maß und ist so etwas wie der leise summende Motor dieser Inszenierung.

Regie und Risiko

Der Magdeburger Regisseur Tim Kramer hat das Stück ganz in seiner Zeit belassen. Das birgt natürlich auch Risiken: Ein junges Pärchen verließ kopfschüttelnd nach knapp der Hälfte des Stücks den Saal. Dafür klatschten sich zwei ältere Damen am Ende fast die Seele aus dem Leib. Ich kann beide Reaktionen verstehen. Und fasse den Abend für mich unter dem Motto "Die beeindruckende Faszination der gepflegten Langeweile" zusammen.

Weitere Informationen "Der einsame Weg" von Arthur Schnitzler am Theater Magdeburg

Regie: Tim Kramer
Bühne: Gernot Sommerfeld
Kostüme: Natascha Maraval
Musik: Karolin Killig
Mit: Katharina Walther, Frederik F. Günther, Christoph Förster,
Andreas C. Meyer, Undine Schmiedl, Christoph Bangerter, Heiner Junghans, Antonia Labs

Weitere Termine: 28. Januar, 12., 18. und 26. Februar, jeweils 19.30 Uhr

MDR KULTUR in Magdeburg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Januar 2022 | 10:15 Uhr

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