"Im Tod – in my time of dying" Theaterhaus Jena berührt mit Performance über den Tod

Der Tod wird irgendwann für jeden Menschen ein wichtiges Thema. Dennoch sprechen wir nur selten über das Sterben; der Umgang mit dem Tod von Familienangehörigen oder Freunden fällt den meisten Menschen schwer. Das Theaterhaus Jena ändert das mit der Inszenierung "Im Tod – in my time of dying", die am 31. März Premiere gefeiert hat: In einer Badewanne sprechen zwei Performer über den Tod auf der Bühne, über das Sterben und Rituale für den Tod. Mit starken Texten schaffen sie es, zu berühren und Gespräche anzuregen. Eine Inszenierung, die unvergessen bleibt, findet unser Kritiker.

Die Bühne des Theaterhaus Jena ist in blaues Licht getaucht. Im Schatten sind zwei Menschen in einer Badewanne zu erkennen. 7 min
Die große Bühne des Theaterhauses Jena wird im Stück "Im Tod" einzig von einer Badewanne bestimmt. Bildrechte: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

Am Ende dieses Theaterabends sitzen zwei Männer in einer Badewanne. Wenn das auf einer deutschen Bühne geschieht, steht meist der bekannte Sketch von Loriot auf dem Programm: Die Ente bleibt draußen – auch in Jena. Wobei es an diesem Abend um etwas Ernsthaftes geht. Der Titel: "Im Tod – in my time of dying". Sein Inhalt: Unser Umgang mit dem Sterben.

Es ist ein sehr einfühlsamer Abend. Der nichts ausspart, von dem, was den Tod begleitet und ausmacht: Hilflosigkeit, Angst, Trauer, Ekel. Aber auch Liebe, das Andenken, Rituale der Trauer und Jenseitsvorstellungen. Nicht nur die unserer westlichen Welt: Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Sahynade Theater in Indien.

Eine Badewanne auf der Jenaer Bühne

Der Spielraum ist die große Bühne des Theaterhauses. In deren Mittelpunkt steht eine edle Designerbadewanne. Daneben sind ein paar Badetücher gestapelt. Eine menschenleere, hellblaue Spielinsel, warm ausgeleuchtet, inmitten des ansonsten schwarzen Bühnenraums. Aus dem Off beginnt ein junger Mann von der Beerdigung seiner Mutter zu erzählen – sehr einfühlsam, persönlich, authentisch. Dann beginnt Wasser in die Wanne zu plätschern. Ganz leise. Und plötzlich ruft der Inspizient: "Alle Schauspieler auf die Bühne bitte!"

Zwei Männer sitzen in einer Badewanne. Einer liest aus einem Buch vor.
"Im Tod" am Theaterhaus Jena: Die Performer haben sich die Badewanne als einen entspannten Ort für ein Gespräch über den Tod ausgesucht. Bildrechte: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

Es kommen zwei Männer und positionieren sich links vorne und rechts hinten. Sie verharren in Bewegungslosigkeit und beginnen, sich kaum merkbar zu bewegen: der eine Richtung Wanne im Zentrum, der andere nach vorn. Knapp zehn Minuten voller stummer, gehaltener Spannung sind das. Bis der eine an der Wanne angekommen ist und seine Hand unter das rinnende Wasser hält. Das plätschernde Geräusch unterbricht, und beide erwachen aus ihrer Trance. Leon Pfannenmüller, ein junger weißer Europäer und Sankar Venkateswaran, ein Inder mittleren Alters. Sie sind sofort auf Englisch im Gespräch. Alles wird exzellent auf einem Screen übertitelt. Ihr Thema ist zunächst der Tod auf dem Theater. Und wir merken, oft gespielt, hat er so gar nichts mit dem im echten Leben zu tun.

Erinnerungen an Tod und Sterben

Etwa wenn Leon Pfannenmüller in der Wanne sitzt und aus einem Tagebuch vorliest. Das Publikum nimmt teil am langsamen, qualvollen Krebstod der Mutter: von der ersten, noch hoffnungsvollen Bestrahlung, über die Martern der Chemotherapie, die Palliativbehandlung, den langen Abschied und den dann ganz plötzlichen Tod. Nicht leicht auszuhalten. Weswegen die beiden diese Erzählung auch immer wieder unterbrechen mit kleinen Szenen, in denen sie sich ihren eigenen Tod vorspielen oder das Publikum mit indischen Trauerritualen und Jenseitsvorstellungen vertraut machen.

Ein Mann sitzt in einer Badewanne, Schaum hängt in seinem Gesicht und er schaut traurig ins Leere.
Sankar Venkateswaran erzählt im Stück "Im Tod" von Todesritualen in Indien, wo es keine Friedhöfe gibt. Bildrechte: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

Das sind kleine Momente des Durchatmens. So, wie sie die Hinterbliebenen der Mutter bei ihrem durchlebten, langen Abschied auch erlebt haben. Diese Geschichte wird stückchenweise immer weitererzählt.

Großartiges Bildertheater

Blick auf eine Badewanne aus der eine Wolke aus Badeschaum aufsteigt.
Die Performance "Im Tod" in Jena überzeugt auch mit starken Bildern. Bildrechte: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

Die beiden finden in ihrem Spiel immer wieder beeindruckende Bilder. So hängt Leon Pfannenmüller irgendwann in einem Fluggeschirr und wird langsam nach oben in den Bühnenturm gezogen. Dazu spielt Sankar Venkateswaran auf einer indischen Tontrommel ein unglaubliches Percussion-Solo, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Dazu beginnt die Badewanne gleichsam überzulaufen: Seifenblasen steigen gen Himmel auf, die hoch oben in kleine Partikel zerfallen und zurück auf den Boden sinken. Ein Bild, dass keine Worte, keine Übersetzung braucht.
Ein Theaterstück über den Tod und das Sterben, vor dem niemand Angst zu haben braucht. Das vielmehr helfen kann, diese zu überwinden. Eine Inszenierung, die nur 80 Minuten dauert und mir, und hoffentlich noch vielen anderen, unvergessen bleiben wird.

Weitere Informationen "Im Tod – in my time of Dying" ist eine Koproduktion des Theaterhauses Jena und des Sahynade Theaters in Indien.

Konzept, Text und Performance: Leon Pfannenmüller und Sankar Venkateswaran
Dramaturgische Begleitung: Maria Rößler
Bühnenbild: Maarten van Otterdijk
Kostüme: Leonie Ohlow

Weitere Termine:
1. April, 20 Uhr
2. April, 20 Uhr
3. April, 16 Uhr
13. April, 20 Uhr
14. April, 20 Uhr
15. April, 20 Uhr
16. April, 20 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2022 | 10:15 Uhr