Interview Geraer Kino-Chefin zu Corona-Folgen: "Das Sofa alleine reicht nicht"

Die Dramaturgin, Autorin und Regisseurin Caren Pfeil ist Chefin des Metropol Kinos in Gera. 2014 übernahm sie mit viel Herzblut dessen Wiederaufbau und Leitung. Bis zum Jahr 2019 schaffte es die Institution immer mehr Menschen fürs Kino zu begeistern – und dann kam die Corona-Pandemie. Im Interview mit MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch spricht Pfeil unter anderem über ihre aktuellen Pläner bei der Berlinale, den richtigen Umgang mit Verleihern und ihre Liebe zum Publikum in Gera.

Caren Pfeil
Caren Pfeil – Dramaturgin, Autorin, Regisseurin und Leiterin des METROPOL Kinos Gera Bildrechte: MDR / Daniela Pfeil

MDR KULTUR: Sie sind jetzt unterwegs zur Berlinale. Wie sieht Ihr Programm dort aus?

Caren Pfeil: Hauptsächlich schaue ich nicht die Berlinale-Filme an. Parallel, das macht die AG Kino schon seit Jahren, gibt es in den Hackeschen Höfen die sogenannten AG Kino Screenings, die tatsächlich für unsere Branche sind. Dort sehe ich neue Filme, die im nächsten halben Jahr in die Kinos kommen – und das ist einfach ein ganz schönes Angebot, dass wir Kino-Macher entscheiden können. Dort treffe ich auch viele Verleiher. Einige Filme, die zur Berlinale laufen, sehe ich dort natürlich auch.

Wie ist denn das Verhältnis in der Branche zwischen Industrie und Kinos?

Auf alle Fälle ist es sehr gut, dass es diese Treffen gibt. Ich bin ja erst seit sechs oder sieben Jahre dabei – ich kann sowieso nicht für alle sprechen. Ich weiß, dass ich ungefähr fünf Jahre gebraucht habe, bis ich mir wenigstens mal einen Namen von einem Verleiher gemerkt habe. Weil das einfach so viele verschiedene sind und wir von so vielen verschiedenen Verleihern Filme spielen. Dafür ist es natürlich gut, dass man sich Auge in Auge begegnet und nach dem Film kurz sprechen kann. Ansonsten kennt man sich nur per Mail oder vom Telefon. Zu den meisten Verleihern ist das Verhältnis gut.

Es ist auch wichtig, dass die Verleiher begreifen, warum wir manche Entscheidungen treffen. So wie das Kino mein Baby ist, so ist es das des Verleihers. Natürlich hat er ihn aus Gründen ins Programm genommen, die für ihn gut und wichtig sind – das muss ich ihm nicht kaputt machen. Und es gibt schon auch wirklich interessante und ins Detail gehende Filmgespräche nach dem Film und das schätze ich sehr. Dafür sind diese Treffen auch gut, denn das Publikum in Gera ist natürlich ein anderes als in München oder Berlin. Das hat eine Weile gedauert, bis man das auch gegenseitig zur Kenntnis genommen hat – die unterschiedlichen Kompetenzen.

Wie ist denn das Publikum in Gera?

Ich mag es sehr. Wir haben uns wirklich sehr gefreut, denn das war ja auch ein Risiko nach 14 oder 15 Jahren, als das Kino komplett zu hatte. Dann haben wir es neu eröffnet und alles neu gebaut. Und dann hatten wir im ersten Jahr schon 33.000 Besuchende und im Jahr vor der Pandemie hatten wir dann 50.000. Und dieses Stammpublikum war sehr schnell da und die sind unglaublich treu. Die haben auch nach sechs Jahren noch nicht aufgehört uns zu sagen oder schreiben: "Es ist so gut, dass ihr da seid. Bitte haltet durch". Das tut natürlich sehr gut, zu spüren, dass wir gewollt und gemocht sind.

Wenn wir noch einen Moment über das leidige Thema Corona sprechen – wie ist es Ihnen ergangen?

Es gibt uns noch und ich bin auch ganz sicher, dass es uns weiter geben wird. Aber es war und ist natürlich eine schwierige Zeit. Im ersten Lockdown habe ich in Erinnerung, dass bevor die Hilfen anliefen – das dauerte ja auch verständlicherweise eine Weile, die ganze Gesellschaft war damit überfordert – mein Bruder mit seinem Geschäftspartner als Erstes einen großen Kredit aufgenommen hat, um liquide zu bleiben. Das ist bei einem Kino wie bei jedem anderen Unternehmen: Wenn du nicht mehr zahlungsfähig bist, dann bist du einfach weg und dann kannst du auch nicht mehr aufstehen. Es gab dann eine Bank, die uns einen Kredit gegeben haben. Fragen Sie mich nicht welche – diese Dinge laufen zum Glück nicht über meinen Tisch.

Bei der Berlinale-Eröffnung war deutlich eine Erleichterung zu spüren, dass die Kinos wieder da sind. Da gab es auch die Frage: Könnte die Pandemie dazu führen, dass die Öffentlichkeit sich Kinos, Theater, Konzerte abgewöhnt hat und sie vergisst? Haben Sie die Sorge auch?

Die Angst, dass Kinos, Theater, Konzerte sterben, habe ich nicht, das glaube ich ganz fest. Das ist auch immer wieder spürbar, dass die Menschen gerne aus dem Haus gehen, sich was Schönes anziehen und auch mal andere Menschen treffen. Natürlich habe ich die Hoffnung, dass es jetzt irgendwann vorbei ist. Noch zwei oder drei Jahre halten wir das nicht durch. Und den Leuten fehlt ja auch was. Das Sofa alleine reicht nicht.

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Caren Pfeil 40 min
Caren Pfeil - Dramaturgin, Autorin, Regisseurin, Leiterin METROPOL Kino Gera Bildrechte: MDR / Daniela Pfeil

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2022 | 11:00 Uhr