Kulturhauptstadt, Grünes Gewölbe und Vermeer Trotz Lockdown: So war das Kulturjahr 2021 in Sachsen

Chemnitz wurde als Kulturhauptstadt 2025 bestätigt, in Görlitz eröffnete ein Europäisches Kulturzentrum und in Dresden feierte ein Vermeer-Bild Weltpremiere: Das Kulturjahr 2021 in Sachsen war trotz Lockdown von besonderen Ausstellungen, Persönlichkeiten und dem einen oder anderen Sensationsfund geprägt. Auch Debatten um Nachhaltigkeit und Rassismus haben die Kulturszene beschäftigt. Nach wie vor bewegte viele in Sachsen ein Thema: der Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe. Ein Jahresrückblick.

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Chemnitz wurde als Kulturhauptstadt bestätigt, in Görlitz eröffnete ein Europäisches Kulturzentrum und in Dresden feierte ein Vermeer-Bild Weltpremiere: Birgit Fritz blickt auf die Kultur-Highlights in Sachsen zurück.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 31.12.2021 06:00Uhr 09:47 min

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Kultur-Lockdown: Proteste und Prognosen

Von einem Kulturjahr in Sachsen kann man nicht wirklich sprechen: bis zum Frühjahr dauerte der Lockdown und im November mussten fast alle Kultureinrichtungen wieder schließen. Ausnahme: Bibliotheken und das Außengelände in den Zoos. Außerdem war in der kurzen Zeit der Öffnung der Zugang in Kultureinrichtungen wie Museen oder Theatern reglementiert. Glück hatte, wer für den Sommer und Open Air plante – wie das Kammermusikfestival in Moritzburg oder die große Ausstellung mit internationaler Gegenwartskunst, die Ostrale. Ansonsten gab es viele Verschiebungen und Absagen.

Es gab keine großen Aktionen, wie noch im ersten Lockdown auf den Elbwiesen. Aber vor allem die Soloselbständigen, die Clubs, die Kinos haben protestiert und darauf verwiesen, dass von einem Kinobesuch unter Beachtung der Regeln keine Gefahr ausgehe, es gute Hygienemaßnahmen gebe. Sie haben ihr Unverständnis zum Ausdruck gebracht, dass Restaurants und der Einzelhandel geöffnet bleiben und sie schließen müssen bzw. nicht auftreten können.

Die großen freistaatlichen Institutionen, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Staatsschauspiel, die Oper haben sich ziemlich klaglos gefügt. An ihren Häusern große Plakate mit dem Denkspruch "Impfen hilft auch der Kultur" aufgehängt und ihre Online-Aktivitäten verstärkt. Aber die sind – anders als die privatwirtschaftlich organisierten Kulturbetriebe und die Soloselbständigen – nicht in ihrer Existenz gefährdet, auch wenn die Einnahmeausfälle natürlich enorm sind.

Auch der Sächsische Kultursenat sieht in seinem kürzlich verabschiedeten Bericht zum Vollzug des sächsischen Kulturraumgesetzes durch Corona die Kulturszene Sachsens in einer existenziellen Krise und befürchtet, dass kulturelle Strukturen vor allem auf dem Land und auf dem Gebiet der kulturellen Bildung irreparabel geschädigt wurden und Kreative in andere Berufe gewechselt sind. Eine ziemlich düstere Prognose.

Kulturhauptstadt und Europäisches Kulturzentrum

Gleich zu Beginn des Jahres 2021 bestätigte die Kultusministerkonferenz die offizielle Ernennung von Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025. Es hatte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Juryentscheidung für Chemnitz gegeben und da war eine nochmalige Erfassung notwendig. Erleichterung in Chemnitz. Im Juni gab es dann auch grünes Licht für die Finanzierung. Mit der Berufung des Kulturmanagers Stefan Schmidtke zum 1. Dezember hat die Kulturhauptstadt GmbH auch einen Geschäftsführer, der für das Programm zuständig ist. 

Ein weiterer Höhepunkt des Jahres: Die Einweihung der Synagoge in Görlitz nach jahrzehntelanger Sanierung als Europäisches Kulturzentrum. Das war zugleich der Höhepunkt der 750-Jahre-Feier der Stadt.

Große Ausstellungen in Chemnitz, Dresden und Leipzig

Auch die Ausstellung mit 11 Werken des niederländischen Barockmalers Jan Vermeer in der Galerie Alte Meister in Dresden war ein Highlight. So viele Bilder waren noch nie von Vermeer in Deutschland zu sehen, dazu eine Fülle von Gemälden seiner Zeitgenossen. Die Ausstellung "Vom Innehalten" war restlos ausgebucht. Es gibt im Netz ein sehr informatives Weborello zur Ausstellung, aber das ist natürlich kein Ersatz für die Begegnung mit den Originalen. 

Bei der großen Ausstellung zur deutschen und zur russischen Romantik "Träume von Freiheit" besteht noch die Hoffnung, dass bis zum 6. Februar 2022 noch ein Besuch möglich ist.

Die Corona-Pandemie hat auch andere große Ausstellungsvorhaben getroffen: In Chemnitz war die Ausstellung zu Pierre Soulages zunächst nur online zu sehen, konnte dann aber öffnen. Auch die Ausstellung zur Künstlichen Intelligenz im Deutschen Hygienemuseum war nur wenige Wochen offen. Mehr Glück hatte das Museum der Bildenden Künste in Leipzig mit der großen Personalausstellung des international renommierten Fotokünstlers Andreas Gursky in seiner Geburtsstadt im Sommer.

Besondere Kultureignisse und Überraschungen

Auch in der sogenannten "Provinz" gab es erfreuliche Kulturereignisse: In Frauenstein konnte ein neues Museum für Orgel- und Instrumentenbaumeister Gottfried Silbermann eingeweiht werden. Dieses befindet sich in einem alten, leerstehenden Geschäftshaus am Markt – die Eröffnung war zugleich eine Infrastrukturmaßnahme. Dort sind auch eine kleine stadtgeschichtliche Abteilung und die Touristinformation untergebracht.

Es gab auch kleine, feine Überraschungen: etwa als die Porzellansammlung der SKD verkündete, im Besitz einer äußerst seltenen chinesischen Ru-Schale zu sein. Diese Entdeckung wurde im Rahmen des 2014 begonnenen Forschungsprojektes zu dem historischen Bestand ostasiatischer Porzellane in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen gemacht. Die Schale stammt nicht, wie bisher angenommen, aus Korea, sondern aus der Nördlichen Song-Dynastie (960-1127) in China. Die Versteigerung einer vergleichbaren Schale hatte 2017 bei Sotheby’s 37,7 Millionen Dollar erbracht.

Kein Höhe- sondern ein Tiefpunkt war der Juwelenraub im Historischen Grünen Gewölbe vor reichlich zwei Jahren. In diesem Jahr konnten die mutmaßlichen Täter, allesamt Mitglieder eines Berliner Familienclans, in Haft genommen werden. Einen Termin für die Anklageerhebung gibt es noch nicht. Von der Beute, den Juwelen, fehlt nach wie vor jede Spur, jedenfalls ist nichts öffentlich bekannt. Marion Ackermann, die Generaldirektorin der SKD, wertet das als ein gutes Zeichen, dass sie vielleicht doch noch in einem Safe verborgen sind und nicht auseinandergenommen und umgeschliffen sind. Hoffentlich hat sie Recht.

Debatten in der Kultur- und Kunstszene

Angesichts der Corona-Lage gab es die nicht nur auf Sachsen beschränkte Debatte um den Wert und die Anerkennung von Kunst und Kultur. Sind sie nun systemrelevant oder als Freizeitbeschäftigung zu subsumieren?

Um die Wiedererichtung eines Bismarckdenkmals wurde in Bautzen gestritten. Da ging es anhand des Denkmal um die kulturelle Deutungsmacht der Geschichte.

Eine weitere Debatte drehte sich um den Umgang mit historischen, heute aber für Menschen als verletzend empfundenen Bezeichnungen, z.B. in Kinderbüchern. Die SKD hatten aus ihrem riesigen Bestand bei 143 Kunstwerken die Titel geändert, z.B. bei der Statuette von Dinglinger, die bisher als "Mohr" mit der Smaragdstufe bezeichnet wurde. Online kommt man nun erst mit einem Klick zum alten Titel.

Kulturelle Nachhaltigkeitsprojekte

Weniger eine Debatte, aber ein endlich auch in den Kultureinrichtungen angekommenes Thema, ist die Nachhaltigkeit der Institutionen und des Betriebes. Im Rahmen des Pilotprojekts "Culture for Future" wurde ermittelt, was Kulturbetriebe im Bereich nachhaltige Entwicklung tun können, um den Wandel zu einer umweltbewussteren Lebensweise mitzugestalten. Beteiligt waren das Amt für Kultur und Denkmalschutz gemeinsam mit dem Umweltzentrum Dresden und fünf verschiedenen Dresdner Kultureinrichtungen.

Die Staatsoperette Dresden, das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Zentralbibliothek der Städtischen Bibliotheken Dresden, die Dresdner Musikfestspiele und die Dresdner Philharmonie wurden von adelphi, einer unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtung, unterstützt, Lösungen zu finden, wie Kultureinrichtungen Nachhaltigkeit und Klimaschutz sowohl im Arbeitsalltag als auch im Kerngeschäft in den Fokus setzen können. Die Ergebnisse werden im Januar vorgestellt.

Abschiede von Persönlichkeiten

In Sachsen ist vor allem an drei Persönlichkeiten zu erinnern: Der Komponist, Intendant und Beförderer der Neuen Musik Udo Zimmermann verstarb am 22. Oktober nach langer Krankheit in Dresden.

Die Fotografin Evelyn Richter, verstarb am 10. Oktober mit 91 Jahren, die große Dame der ostdeutschen Fotografie. 

Der Denkmalpfleger Heinrich Magirius verstarb am 13. Juni. Er war nicht nur wegen seiner kunstwissenschaftlichen Expertise, den feinen Beschreibungen der sächsischen Kulturlandschaft und ihrer großen Monumente geschätzt, sondern auch für seine Geradlinigkeit. Der ehemalige sächsische Landeskonservator hat maßgeblich zum Wiederaufbau der Frauenkirche beigetragen, zum Wiederaufbau von Semperoper und Residenzschloß. 

Wichtige Personalentscheidungen

Ein Paukenschlag sondersgleichen: im Mai ließ die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, die nicht als besonders entschlussfreudig gilt, verlauten, dass der Vertrag von Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle nach Ende der Spielzeit 2023/24 nicht verlängert wird. Auch das Lob für seine geleistete Arbeit fiel damals eher förmlich aus. Thielemann reagierte gelassen: sein Kalender fülle sich mit interessanten Angeboten und Dirigaten an vielen Orten.

Nora Schmid, Intendantin Opernhaus Graz, 2013
Nora Schmid wird ab 2024 die Staatsoper Dresden leiten. Bildrechte: dpa

Diese Nachricht, vom überregionalen Feuilleton heftig kommentiert, war nur der Anfang einer von der Politik verordneten Neuaufstellung der Oper nach 2024. Dazu gehört auch die Berufung von Nora Schmid, zur Zeit Intendantin der Oper Graz, zur designierten Intendantin der Sächsischen Staatsoper ab 2024.

Noch eine Personalentscheidung: Marius Winzeler folgte im Oktober Dirk Syndram, der in den Ruhestand verabschiedet wurde, als Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer nach. Auch an der Spitze der so wichtigen Stiftung Sächsischen Gedenkstätten gab es einen Wechsel: mit Markus Pieper hat sie seit September einen neuen Geschäftsführer.

Ausblick 2022

Bis zum 9. Januar 2022 gilt die aktuelle Notverordnung der sächsischen Landesregierung. Dass dann das Kulturleben, wenn auch mit Einschränkungen, wieder beginnen kann, ist angesichts der Omikron-Variante mehr als fraglich.

Kulturverbände und Kultursenat fordern einen Plan, wie die sächsische Kultur aus der Krise kommt. Auch um das Publikum muss neu gekämpft werden. Das war auch eine Erfahrung nach Beendigung des ersten Lockdowns: das Publikum kehrt nur zögerlich in die Säle zurück.

Abgesagt ist die ITB in Berlin als Präsenzveranstaltung. Das ist für Sachsen eine bittere Nachricht – nach der Absage 2021 kann der Freistaat auch im kommenden Jahr seine exklusive Rolle als Partnerland der internationalen Tourismusbörse nicht so wahrnehmen, wie man sich das vorgestellt hat, und den Freistaat als Kulturreiseziel präsentieren.

Jahresrückblicke: Das Kulturjahr 2021

Ausblick auf 2022

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Dezember 2021 | 08:40 Uhr

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