Interview Erste Präsidentin in 150 Jahren: Die Zukunft der Musikhochschule Weimar ist weiblich

Seit 42 Jahren ist Anne-Kathrin Lindig mit der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar verbunden. Sie studierte dort Violine, hatte seit 1993 eine Professur inne und war Vizepräsidentin für künstlerische Praxis. Seit dem 1. Juli 2022 ist sie die neue Präsidentin und damit in 150 Jahren Hochschulgeschichte die erste Frau an der Spitze. Im Interview spricht die 1962 in Stendal geborene Violinprofessorin über ihren musikalischen Werdegang im männerdominierten Klassikbetrieb und verrät, wie sie in ihrem neuen Amt junge Studierende ermutigen will.

Porträt von Frau mit kürzeren, blonden Haaren, Blick ins Bild, lachend, mit Blazer und Perlenkette, hält Violine in der Hand, Hintergrund unscharf 49 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 16.07.2022 11:00Uhr 49:26 min

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MDR KULTUR: Sie sind die erste Frau an der Spitze der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar. Wieso hat es so lange gedauert – 150 Jahre?

Anne-Kathrin Lindig: Ich war ja bei der Auswahl der vorhergehenden Rektoren und Präsidenten immer mit dabei, entweder gehörte ich mit zu der Findungskommission oder zum Senat. Und deswegen weiß ich, wie wenig Frauen sich in den letzten Jahren beworben haben. Ich glaube, das hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt, dass wir Frauen sagen: Wir wollen so etwas, wir trauen uns das, wir können das, wir probieren das und lassen uns da nicht von privaten oder familiären Dingen zurückhalten. Das ist ja gewachsen. Seitdem Frauen viel mehr Anerkennung finden und das auch viel gleichberechtigter ist.

Entsprechend später kommt nach meiner Überzeugung dann auch der Mut und die Überzeugung, dass Frauen auch in solche Positionen kommen. Ich bin ja nicht nur an unserer Hochschule seit 150 Jahren die erste Frau. Ich bin im Vorstand der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen: es gibt 24 Musikhochschulen, und ich bin jetzt derzeit die dritte Frau von 24.

Ist der Klassikbetrieb auch außerhalb der Musikhochschulen noch immer männerdominiert?

Wenn man sich unsere Studierenden anguckt, ist es absolut fifty-fifty. Es gibt natürlich ein paar eher männer- oder frauendominierte Instrumente. Zum Beispiel weiß ich gar nicht, ob wir an der Tuba im Moment überhaupt eine Frau haben. Beim Kontrabass haben wir eine oder zwei Studentinnen. Das kann nicht daran liegen, dass nicht genügend Frauen ausgebildet werden. Ich beobachte auch in den Orchestern oder Musikschulen und Theatern, dass das inzwischen viel ausgeglichener ist.

Dirigieren kann man bei Ihnen auch studieren. Der Dirigent ist ja immer ein bisschen das Symbol männlicher Vorherrschaft im Klassikbetrieb. Da dauert der Wandel wahrscheinlich am längsten, oder? Können Sie da als Präsidentin etwas bewegen?

Es gibt viele Bereiche, in denen es eben länger dauert. Und es gibt Bereiche, in denen es schneller geht. Ich werde mich natürlich sehr dafür einsetzen, aber es sollen immer die Besten die Stellen bekommen.

Wenn mich zum Beispiel eine Frau fragt: Was glaubst du, ist das gut, wenn ich mich bewerbe? Dann will ich sagen: Natürlich, warum nicht? Versuche es, man kann das schaffen. Ich habe mich diesem anspruchsvollen Prozess gestellt und es hat gedauert, bis es dann endlich so weit war. Aber ich bin Präsidentin geworden, weil ich mich letztlich durchgesetzt habe, und das ist ein Vorbild für andere. Man kann das mit Familie und Kindern schaffen.

Sie sind bereits 1993 Geigenprofessorin geworden. Haben Sie es manchmal als Kampf empfunden?

Ich habe das nie als Frau-gegen-Mann-Kampf empfunden, niemals. Ich habe immer sehr gute Leistungen bringen und immer wirklich am Punkt sein müssen – das hab ich schon manchmal auch als Kampf empfunden. Aber das ist nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau, sondern einfach, dass man immer wieder viel von sich abfordert und sich nicht gehen lassen darf.

Viele empfinden den Klassikbetrieb als sehr leistungsorientiert, stressig und mit einem hohen psychischen Druck verbunden. Wie gelingt es Ihnen, Studierenden beizubringen, stark zu sein und sich nicht beirren zu lassen?

Das ist ein Thema, was jeden von uns, die wir in der Hochschule unterrichten und lehren, beschäftigt. Natürlich kann man viele Ratschläge aus eigener Erfahrung geben. Vor einer ganzen Weile haben wir angefangen, unser Programm für die Studierenden daraufhin zu erweitern.

Dass wir im "career service" Einiges anbieten und Menschen einladen, die im Coaching sind, ihre eigene Biografie schreiben, eine Homepage erstellen. Also ein Zusatzangebot für die Studierenden, die sagen, ich brauche da Unterstützung und Hilfe. Oder wie moderiere ich ein Konzert? Das wird immer wichtiger, über andere Konzertformate nachzudenken als das, was man klassisch so vor sich sieht.

Das sind Dinge, die wir immer mehr und wirklich gezielt in das Programm, inzwischen auch ins Curriculum, mit aufnehmen, weil wir wissen, wir müssen uns und wollen uns dem stellen, damit unsere Studierenden rundum ausgebildet sind und sich zurechtfinden auf dem Markt, der sie dann mal erwartet.

Das Interview führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2022 | 11:05 Uhr