Aushängeschild der europäischen Jazz-Pianistik Leipziger Pianist Michael Wollny über den Jazz zwischen Tradition und Globalisierung

Neben dem amerikanischen Jazz ist der europäische Jazz schon seit Jahrzehnten eine eigenständige Spielart – mit schwedischem, polnischem oder deutschem Akzent. Doch zunehmend gäbe es eine Tendenz zur Globalisierung, meint Jazz-Pianist Michael Wollny. Internationales Videostreaming und ähnliche Inspirationsquellen wirken sich auch auf die Kreativen und ihre Musik aus. Im Gespräch mit MDR KULTUR hat er über verschiedene Jazz-Traditionen und die aktuelle Entwicklung gesprochen.

Der Jazz-Pianist Michael Wollny zählt aktuell zu den markanten Stimmen der neuen deutschen Jazz-Generation. Damit steht der 1978 in Schweinfurth geborene Wahl-Leipziger auch für den europäischen Jazz, der laut Wollny eine eigene Traditionslinie, eine bestimmte Klangfarbe verfolge. Doch habe Wollny diese europäische Klangfarbe selbst noch nicht genau bestimmen können, trotz intensiver Beschäftigung mit dem Jazz und seiner Geschichte, gerade durch seine Hochschultätigkeit als Professor an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy".

Ich glaube, dass es im europäischen Jazz eine bestimmte Klangfarbe gibt, die ich auch nicht anders als 'europäische' nennen kann. Aber ich kann noch nicht so gut definieren, was das genau ist.

Michael Wollny

Amerikanische Jazzgeschichte

Im Vergleich zum europäischen Jazz sei der amerikanische Jazz laut Wollny geprägt durch große individuelle Persönlichkeiten, die schon an einem Ton erkennbar seien und die Jazzgeschichte geändert hätten.

Miles Davis (Jazzmusiker) im August 1988
Der US-Amerikaner Miles Davis (1926-1991) ist einer der bedeutendsten und stilprägendsten Musiker der Jazz-Geschichte Bildrechte: dpa

Doch auch markante europäische Stimmen gibt es. Wollny nennt hier beispielsweise den schwedischen Jazz-Pianisten Bobo Stenson, auch dessen Landsmann Esbjörn Svensson (1964-2008), den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkenden polnischen Jazz-Pianisten und Komponisten Krzysztof Komeda (1931-1969) oder den Deutschen Joachim Kühn (1944 in Leipzig geboren, verließ aber 1966 die DDR, um seine internationale Karriere zu verwirklichen). Was Musiker wie diese als Europäer vereine, sei, dass sie "irgendwie eine andere Form von Auffassung" haben, so Wollny.

Michael Wollny und Nils Landgren von 4 Wheel Drive live in der Laeiszhalle.
Michael Wollny im Konzert mit dem schwedischen Jazz-Posaunisten Nils Landgren Bildrechte: IMAGO / Future Image

Europäische Improvisations-Tradition

Im Gespräch mit einem Musikwissenschaftler aus Lausanne sei Wollny der Gedanke nahegebracht worden, dass sich beim europäischen Jazz die Improvisation mit der Tradition des "Phantasierens" verbinde, die es hier im 19. Jahrhundert auch schon gegeben habe. Diesem Gedankengang kann der Musiker viel abgewinnen, denn die Kadenzen, beispielsweise in Beethoven-Klavierkonzerten, seien nichts anderes als Improvisationen, wie sie auch im Jazz stilbildend sind.

Globalisierung als Inspirationsquelle

Aber Wollny nimmt noch eine andere Tendenz wahr. Sie sei, dass der Jazz sich internationalisiere, dass Begriffe wie europäischer Jazz, asiatischer Jazz oder amerikanischer Jazz "im wahrsten Sinne des Wortes nutzlos" würden, weil sich alles globalisiere.

Ein Blick in seine Hochschulklasse zeige ihm, dass die Studierenden heute nicht nur hörten, was in Leipzig oder Deutschland passiere. Sie hören Musik aus aller Welt auf Festivals oder Videoplattformen – und alles beeinflusse sich, alles sei irgendwie da.

Stichwort: Jazz

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Die Schwedin Viktoria Tolstoy ist nicht nur eine Nachfahrin von Leo Tolstoi, sondern auch eine begnadete Jazz-Sängerin. In der MDR KULTUR-Studiosession spielt sie ihren Song "Since I Fell For You".

Do 15.02.2018 13:50Uhr 04:34 min

https://www.mdr.de/kultur/musik/video-viktoria-tolstoy-studiosession-100.html

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Johannes Bigge, Musiker 1 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Januar 2022 | 12:05 Uhr

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