WAGNER 22 – ein Gesamtkunstwerk Oper Leipzig: Wagner-Festival zum Abschied von Generalmusikdirektor Ulf Schirmer

Bei Richard Wagner denken die meisten zuerst an Bayreuth und die Festspiele auf dem grünen Hügel. In den kommenden Wochen aber ist es Leipzig, Wagners Geburtsstadt, in die seine Fans pilgern: Die Oper führt bei einem dreiwöchigen Festival Wagners gesamtes Bühnenwerk auf – und verabschiedet damit ihren Generalmusikdirektor Ulf Schirmer. Der ehrt er damit zugleich den Ideengeber und früheren Leipziger Opernintendanten Gustav Brecher, der von den Nationalsozialisten aus dem Amt gejagt wurde.

Ulf Schirmer in der Leipziger Oper.
Nach rund 10 Jahren Intendanz an der Oper Leipzig verabschiedet sich Ulf Schirmer nun mit einem Wagner-Festival. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Bei dem Festival "Wagner 22" an der Oper Leipzig werden innerhalb von drei Wochen alle dreizehn Opern des Komponisten aufgeführt, und zwar in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Eine Herausforderung, auf die die Oper gut vorbereitet ist. Denn unter der Ägide des Intendanten Ulf Schirmer wurden hier in den vergangenen Spielzeiten alle Opern Wagners aufgeführt, nicht nur der Ring und die Meistersinger, sondern auch sein selten gespieltes Frühwerk "Die Feen", "Das Liebesverbot" und "Rienzi".

Die Pandemie als Chance für mehr Proben

Und so lag die Idee, alle Opern als Festival zu spielen, irgendwann einfach in der Luft, sagt Intendant Ulf Schirmer: "Das ist weltweit einzigartig. Und das Interessante dabei ist, dass ich nicht als einziger auf die Idee gekommen bin, sondern dass bei einem Gespräch in meinem Büro mehrere Mitarbeiter den gleichen Gedanken hatten."

Team der Oper Leipzig
Das Team der Oper Leipzig mit Kultur-Bürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke (v. l. n. r.) Franziska Severin, Prof. Ulf Schirmer, Ulrich Jagels, Dr. Skadi Jennicke und Dr. Joachim Lamla. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Dass die Pandemie den Spielbetrieb zeitweise zum Erliegen brachte, schadete den Vorbereitungen auf das Festival nicht. Im Gegenteil: Zwar mussten viele Vorstellungen ausfallen, aber dafür blieb mehr Kraft für die Proben. "Problematisch wäre es gewesen, wenn wir während des Lockdowns nicht hätten proben dürfen. Wir wollten schon immer etwa eineinhalb Jahre vor Festivalbeginn mit den Wiederaufnahmeproben beginnen. Hätten wir das jetzt, während des Spielbetriebs, in nur zwei Monaten bewerkstelligen müssen, das wäre gar nicht gegangen."

Richard Wagner und der Antisemitismus

Ulf Schirmer nutzt die Aufmerksamkeit, die das Festival generiert, nicht nur, um die Musik Wagners in dessen Geburtsstadt zu feiern. Er will auch auf die dunkle Seite des Genies eingehen. Wagners antisemitische Hetzschriften und seine Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten bezeichnet der Intendant als großes Problem, auch für ihn persönlich. Auch deshalb lenkt er die Aufmerksamkeit der Leipziger auf eines der Opfer des Dritten Reiches: seinen Vorgänger im Amt, den Dirigenten und Generalmusikdirektor Gustav Brecher.

Historisches Foto des deutscher Dirigenten Gustav Brecher.
Der deutsche Dirigent Gustav Brecher war bis 1933 Generalmusikdirektor der Oper Leipzig. Bildrechte: Oper Leipzig

Er war von 1923 bis 1933 künstlerischer Leiter des Leipziger Opernhauses, und auch er plante ein großes Wagner Festival. Doch bevor er es verwirklichen konnte, wurde er 1933 aus dem Amt gejagt, denn Gustav Brecher war jüdischen Glaubens. Gemeinsam mit seiner Frau versuchte er, vor den Nazis zu fliehen. Ohne Erfolg – die Spur des Paares verliert sich 1940 in Ostende, möglicherweise sind sie gemeinsam in den Tod gegangen.

Schirmers pompöser Abgang von der Oper Leipzig mit "Parsifal"

Das Schicksal der beiden berühre ihn sehr, sagt Ulf Schirmer im Gespräch. Und so gilt eine seiner Amtshandlungen als Generalmusikdirektor der Leipziger Oper der Bemühung, die Erinnerung an den vergessenen Amtsvorgänger aufleben zu lassen. Schirmer hat eine Probebühne nach Gustav Brecher benennen lassen, auf dem Weg dorthin hängt jetzt ein Bronzerelief des Dirigenten. Und vor der Oper, sowie vor seinem Wohnhaus in Markkleeberg, wurden Stolpersteine gelegt.

Ulf Schirmer in der Leipziger Oper.
Ulf Schirmer ist seit der Spielzeit 2009/10 Generalsmusikdirektor der Oper Leipzig und übernahm ab 2011/12 auch die Intendanz. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Am 14. Juli wird Ulf Schirmer das Wagner Festival und damit auch seine Amtszeit mit seiner Lieblingsoper beenden: "Parsifal". Danach will Schirmer sich bis zum Ende des Jahres eine Auszeit nehmen. Nach Leipzig wird er als Gastdirigent zurückkehren – mit einer Wagner-Oper.

Mehr Informationen zur Veranstaltung Wagner 22 – Festtage der Oper Leipzig
Augustusplatz 12, 04109 Leipzig
vom 20. Juni bis zum 14. Juli 2022

Spielplan:
20. Juni: Die Feen
21. Juni: Das Liebesverbot
23. Juni: Rienzi
25. Juni: Der fliegende Holländer
26. Juni: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg
30. Juni: Lohengrin
1. Juli: Tristan und Isolde
3. Juli: Die Meistersinger von Nürnberg
7. Juli: Das Rheingold
8. Juli: Walküre
9. Juli: Siegfried
10. Juli: Götterdämmerung
14. Juli: Parsifal

Mehr Oper und Theater in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2022 | 22:45 Uhr