100. Todestag Wie Arthur Nikisch das Leipziger Gewandhaus berühmt machte

"Wir wollten auch mal Nikisch" hören – so soll ein Matrose die Novemberrevolution begründet haben, erzählt Musikkritiker Ferdinand Pfohl in seiner Biografie über Arthur Nikisch. Jenen Dirigenten, der der erste "Pultstar" war, der Konzertreisen einführte und die Ohren der Leipziger für moderne Musik öffnete. Auch die der Leipziger Arbeiter, für die er sein letztes Konzert dirigierte, wenige Tage vor seinem Tod am 23. Januar 1922. Eine Erinnerung zum 100. Todestag.

Der deutsche Dirigent Arthur Nikisch in einer zeitgenössischen Aufnahme. 4 min
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Hartmut Schade über den Dirigenten Arthur Nikisch, der das Leipziger Musikleben wie kaum ein anderer prägte. Eine Erinnerung zum 100. Todestag.

MDR KULTUR - Das Radio So 23.01.2022 06:00Uhr 03:37 min

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Beethovens "Fünfte" steht für ein zweifaches Beginnen: Es ist die erste Schallplattenaufnahme eines ganzen Konzertes – und sie dokumentiert einen neuen Berufsstand: den des Dirigenten. Es ist Arthur Nikisch, der 1913 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester Beethovens 5. Symphonie aufnimmt. Nikisch ist zu der Zeit der berühmteste und weltweit gefeiertste Dirigent überhaupt.

Nikisch revolutioniert das Dirigieren

"Ja ist denn das möglich? Hab ich denn wirklich das komponiert?" – soll Johannes Brahms entgeistert nach einem Nikisch-Dirigat gefragt haben. Nikisch ist ein musikalisches Wunderkind. Als Siebenjähriger hört er bei Nachbarn ein Orchestrion spielen. Zu Hause schreibt er das Gehörte frei aus dem Gedächtnis für Klavier auf, notengetreu. Er studiert Violine und Klavier. Doch weder die Virtuosenlaufbahn noch das Komponieren reizt ihn.

"Ich habe alle Musik, von Bach angefangen, bis auf die jüngste Gegenwart im Kopf. Wenn ich nun komponiere, was würde anderes herauskommen als Kapellmeistermusik! Und von der gibt es schon genug", sagte Nikisch. Also entscheidet er sich für den Dirigentenberuf. Unter Musikern wenig angesehen. Gelten die Kapellmeister doch als seelenlose Taktstockschwinger. Nikisch revolutioniert das Dirigieren.

In einer Ausstellung über das Lebenswerk des ehemaligen Gewandhauskapellmeisters Arthur Nikisch (1855-1922) im Gewandhausfoyer in Leipzig hält am Sonntag (23.10.2005) die Gewandhausmitarbeiterin Henriette Zehme ein Aufführungsjournal von Nikisch in der Hand, in dem er alle Aufführungen und Konzerte von seinem Dirigentendebüt bis zum Ende seiner Kapellmeisterzeit verzeichnete.
Das Aufführungsjournal, in dem Nikisch alle Aufführungen und Konzerte verzeichnete. Bildrechte: dpa

Willi Krause und Peter Tschaikowski sind begeistert

Der Gewandhausmusiker Willi Krause hat 1919 unter Nikisch musiziert: "Sein Dirigieren war ohne große Gesten. Sehr knappe Bewegungen mit seinem Taktstock. Aber dafür waren seine Augen überall. Seinem Blick konnte sich niemand entziehen. Es war alles so sprechend."

Zweifel gab's da nicht, was Tempi betrifft oder Ausdrucksweise – das war eben alles richtig, das musste so sein.

Willi Krause über Arthur Nikisch

Der kleine Mann mit dem ungewöhnlich bleichen Teint, blauen Augen, einer mächtigen Haartolle über dem sorgsam gepflegten Spitzbart und den schmalen Händen elektrisiert Musiker und Konzertbesucher wie Peter Tschaikowski gleichermaßen: "Er dirigiert nicht. Er überlässt sich irgendeinem geheimnisvollen Zauber. Ihn selbst bemerkt man kaum. Aber trotzdem fühlt man, dass der vollzählige Orchesterkörper wie ein Instrument in den Händen eines merkwürdigen Meisters sich dessen Führung voll und willenlos unterordnet."

Leipzig, Gewandhaus, Dirigent Arthur Nikisch
Historische Postkarte mit Arthur Nikisch und dem 1884 eröffneten Neuen Gewandhaus, das Ende des Zweiten Weltkriegs niederbrannte. Bildrechte: IMAGO / Arkivi

Nikisch macht das Gewandhausorchester berühmt

Mit gerade 22 Jahren kommt Arthur Nikisch nach Leipzig und prägt für ein Vierteljahrhundert das Leipziger Musikleben. Er entstaubt das Programm, bringt zum Verdruss des konservativen Publikums Bruckner, Reger, Tschaikowski, Grieg, Sibelius und Mahler zu Gehör. Als erster Dirigent reist er und macht das Gewandhausorchester auch außerhalb berühmt, schreibt Ferdinand Pohl in seiner Biografie:

"Die Leipziger waren außer sich vor Staunen und Bewunderung dieses jungen Kapellmeisters, der da auswendig dirigierte und von dem ein elektrisches Fluidum auszugehen schien, das die Energie und das Temperament des Orchesters vervielfachte, das im Orchester und auf der Bühne wahre Wunder wirkte."

Eine Tradition hat Nikischs Tod heute vor 100 Jahren überdauert: Beethovens IX. Zu Silvester. 1918 ertönt sie zum ersten Mal zum Jahresausklang. In einem Konzert des Arbeiterbildungsinstituts, dirigiert von Arthur Nikisch.

Das Gewandhaus zu Leipzig
Das große Konzert zum Jahreswechsel im Gewandhaus zu Leipzig ist eine Tradition, die auf Arthur Nikisch zurückgeht. Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2022 | 08:40 Uhr

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