Musik, Kunst und Diskurs Leipziger Festival erforscht Potenziale und Utopien in der Clubkultur

Nastassja von der Weiden
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Seit fünf Jahren führt das interdisziplinäre Balance-Festival in Leipzig internationale und nationale Künstlerinnen und Künstler wie Shygirl, Juliana Huxtable, Lotic, Odete, Sexes oder Sarah Farina mit einem begeisterten Publikum zusammen. Gemeinsam loten sie die Potenziale von Clubmusik und -kultur aus. Das Motto des Balance-Festivals 2022, das vom 30. September bis zum 3. Oktober stattfindet, lautet "In:Visibilities". Die Macherinnen und Macher widmen sich damit den Krisen unserer Zeit, (un)sichtbaren Wunden – und Emotionen.

Einige dutzend Menschen stehen vor einer Bühne des historischen Kinosaals im UT Connewitz in Leipzig,
Kulturschaffende aus Leipzig und Berlin organisieren seit fünf Jahren das Balance Club / Culture Festival in Leipzig. Dieses Jahr unter dem Motto "In:Visibilities". Bildrechte: Balance Club Culture Festival/Diana Lorenz

Das Balance Club / Culture Festival ist in der sächsischen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. An unterschiedlichen Orten in Leipzig, zum Beispiel im UT Connewitz, im Mjut-Club und der Garage Ost findet das Festival mit Konzerten, Vorträgen und Installationen auch in diesem Jahr wieder statt.

Natürlich dürfen bei einem Musikfestival auch Clubnächte nicht fehlen, die im Keller unter dem Kohlrabizirkus, im Institut fuer Zukunft, stattfinden. Aber das Festival besteht nicht "nur" aus Musik und Feiern. Beim Balance-Festival geht es um Diskurs und Kunst, um Tanz, um soziale Räume und Gegenkultur.

Interdisziplinär, verwoben und kollektiv

"Und genau das macht das Projekt aus", sagt Ulla Heinrich vom Balance-Festival: "Wir schauen uns Clubkultur von verschiedenen Seiten an und verbinden die Inhalte auf der Tanzfläche, in unseren Workshops, in unserem Diskurs- und Kunstprogramm und deklinieren das Thema, das wir uns jedes Jahr geben, durch alle Bereiche durch."

Das fünfköpfige Team des Balance Club / Culture Festivals steht auf einem Parkplatz in der Sonne.
Franz Thiem, Ulla Heinrich, Vanessa A. Opoku, Zain Salam Assaad und Sarah Ulrich (v.l.n.r.) organisieren das Balance Club / Culture Festival in Leipzig. Bildrechte: Balance Club Culture Festival/Cihan Cakmak

Sichtbare und unsichtbare Wunden

Das diesjährige Festivalmotto "In:Visibilities" widmet sich Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in der Clubkultur, die es im Kontext gesellschaftlicher Krisen zu verhandeln gilt:

Krisen, Krieg, Diskriminierung, Hierarchien, Ausbeutung – wie strukturieren diese Verhältnisse unseren Alltag? Wie können wir Räume schaffen, um zusammen heilen zu können?

Ulla Heinrich, Balance Club / Culture Festival

Diese Fragen stellt sich Ulla Heinrich. Das "Wie" ist hier entscheidend. Denn wenn Clubs ein Entfaltungsort für queere, feministische, dekoloniale Utopien sein sollen, dann müssten sie sich stark verändern.

Ein dunkler Raum mit einem Bildschirm und einem Mischpult davor.
"In:Visibilities" (2022) nimmt Bezug auf "Re:Balance" (2021) und einen Vortrag von Anjali Prashar-Savoie zum Thema Gemeinschaft in der Clubkultur. Bildrechte: Balance Club Culture Festival/Diana Lorenz

Hierfür müsse man Clubräume aber erst einmal kritisch betrachten: "Wir wollen klarmachen, dass in Clubräumen manche betroffener sind als andere, manche gehört werden und manche nicht." An dieser Stelle habe sich nicht viel geändert, trotz des feministischen Inputs in der Clubkultur in den vergangenen Jahren.

Radikale Potenziale von Clubkultur

Rassismus, Sexismus, Kapitalismus und andere "Ismen", die unseren Alltag bestimmen, überfordern uns als Gesellschaft andauernd. Genauso verhält es sich mit aktuellen Krisen, der Pandemie und ihren Nachwirkungen.

Während des Festivals sollen Momente entstehen, in denen diese Überforderung aufgebrochen werden kann. Und zwar durch Tanzen und Kunsterleben, Hören, Sprechen, Verhandeln, gemeinsam mit über 50 Musikerinnen und Musikern, Aktivistinnen und Aktivisten – bei Panels, in ausgelassenen Clubnächten oder bei Begegnungen und Gesprächen mit dem Publikum im diesjährigen Festivalzentrum, dem "Wohnzimmer", in der Garage-Ost.

Eine Frau steht in einem Kostüm aus Wollfäden auf der Bühne und singt.
Seit 2018 wird Leipzig während des Balance-Festivals zum Zentrum zeitgenössischer Musik und Kunst. Bildrechte: Balance Club Culture Festival/Diana Lorenz

Wir wollen einen Raum des Fühlens und Mitfühlens schaffen.

Ulla Heinrich, Balance Club / Culture Festival

Deshalb sei man dieses Jahr beim Balance-Festival weniger theoretisch, dafür aber emotionaler an die Gestaltung herangegangen. Ulla Heinrich erklärt: "Wir wollen einen Raum des Fühlens und Mitfühlens schaffen. Denn wir glauben fest daran, dass wir miteinander ins Gespräch kommen müssen, wenn wir diese erstrebenswerten Utopien umsetzen wollen."

Zum Balance Club / Culture Festival Das Das Balance Club/Culture Festival versteht sich als Schnittstelle von progressiver Clubkultur und Gesellschaftskritik. Durch die Verschränkung von Diskurs, Kunst und Musik schafft es die Möglichkeit, Gegenkultur in seinen vielen Facetten zu erforschen und politische Debatten zu ermöglichen.

Balance ist offensiv, interdisziplinär, feministisch, performativ und hybrid. Balance dekonstruiert und materialisiert. Balance lädt zur Ekstase gleichermaßen wie zur Reflexion ein.

Das Festival findet vom 30. September bis zum 3. Oktober 2022 in Leipzig statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Techno House Deutschland | 29. Juli 2022 | 20:00 Uhr