30 Jahre KWF Dessau: Wie das Kurt-Weill-Fest zu dem wurde, was es heute ist

Bereits zum 30. Mal wird in Dessau das Kurt-Weill-Fest gefeiert. Am 2. März 1900 wurde der Komponist in Dessau geboren. Er ist der Mann, der Brechts "Dreigroschenoper" zu einem riesigen Erfolg machte. Während der Nazi-Diktatur musste Weill fliehen und feierte Erfolge am Broadway. In Dessau hatte man fast vergessen, dass der Komponist ein Sohn der Stadt war. 1993 nahm Andreas Altenhof das zum Anlass und gründete das Kurt-Weill-Fest, das in den vergangenen Jahren immer größer und beliebter wurde.

Kurt-Weill-Fest in Dessau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es war eine wilde Zeit damals", meint Andreas Altenhof, Begründer und erster künstlerischer Leiter des Dessauer Kurt-Weill-Festes. "Es war noch vieles grau. Es war vieles leer, aber es war unendlich viel möglich", erinnert sich der Kulturschaffende an die Stadt. Dass der erfolgreiche Komponist Kurt Weill in Dessau geboren wurde, war vielen wohl nicht bewusst oder es hat sie nicht interessiert. Doch Altenhof wollte den Sohn der Stadt feiern und organisierte gemeinsam mit der Stadtverwaltung, der Kurt Weill Foundation in New York und der neugegründeten Kurt-Weill-Gesellschaft ein Festival – das Kurt-Weill-Fest.

Damals wurde vieles provisorisch und spontan organisiert, aber es war auch immer viel Herzblut dabei und der Wunsch, die Stadtbevölkerung mit einzubinden. "Es war ganz viel Ehrenamt dabei. Alle Mitarbeiterinnen des Kulturamts haben Plakate geklebt und Tickets verkauft. Es wurden zum Teil Künstlerunterkünfte bei Freunden organisiert. Jeder war dabei", erzählt Altenhof. Auch er brachte sich mit allem ein: Er war künstlerischer Leiter und trat auch selbst als Pianist auf. Beim ersten Mal, im Jahr 1993, dauerte das Festival keine zwei Wochen wie heute sondern nur vier Tage – "also ein verlängertes Wochenende", so Altenhof. "Alle waren erschöpft und wollten unbedingt weitermachen."

Dessau wird zum Anziehungspunkt

Bis 2001 leitete Altenhof das junge Festival, das stetig wuchs. Anfangs bestand das Programm hauptsächlich aus Dinner-Shows. Aber es gab auch schon größere Ideen: Ein Dreigroschenoper-Mobil fuhr durch die Stadt und es gab erste Kooperationen mit dem Anhaltischen Theater. Die Zusammenarbeit war wohl nicht immer einfach, aber es gab immerhin große Produktionen wie die "Dreigroschenoper" oder "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Man wollte das umfangreiche Werk Weills mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken, weshalb auch zunehmend Produktionen eingekauft wurden.

Das Anhaltisches Theater Dessau wird in der Dämmerung beleuchtet.
Oft kooperierte das Kurt-Weill-Fest mit dem Anhaltischen Theater Dessau. Bildrechte: Franziska Blech/Anhaltisches Theater Dessau

Das Kurt-Weill-Fest entwickelter sich rasanter, als man es vielleicht bei der Gründung vermutet hatte: Mit einem so facettenreichen und weltweit beachteten Komponisten konnte man zahlreiche prominente Künstlerinnen und Künstler in die Provinz locken wie die Weill-Interpretin Gisela May oder Angelika Domröse, den Jazz-Trompeter Niels Landgren oder das Ensemble Modern, später die Sängerin Ute Lemper oder den Jazzer Till Brönner. Das Festival wurde größer, professioneller und dadurch auch wieder internationaler.

Kurt-Weill-Fest im Wandel

Clemens Birnbaum, 2016
Clemens Birnbaum prägte das Kurt-Weill-Fest in den Nuller-Jahren. Bildrechte: dpa

Um so ein Festival wirklich zu verstetigen und sogar international bekannt zu machen, braucht es Ideen: Altenhofs Nachfolger Clemens Birnbaum führt zum Beispiel den sogenannten "Artist in Residence" ein – Musikschaffende, die mehrere Auftritte hatte und das Gesicht des jeweiligen Festivaljahrgangs sein sollten. Birnbaum begann auch, die einzelnen Festivals unter ein Thema zu stellen: Da ging es um die unterschiedlichen Stile Weills, der mit Brecht arbeitete und später für den Broadway schrieb. Es ging um die Orte, in denen Weill wirkte – als Jude aus Deutschland vertrieben, ging er erst nach Frankreich, schließlich in die USA. So konnte das Publikum auch viele Seiten an Weill kennenlernen. Man suchte auch immer neue Orte wie den Bitterfelder Kulturpalast oder den Beatclub in Dessau, um auch neue Zielgruppen anzusprechen.

Verschiedene Intendanten prägten das Festival so auf ihre Weise: Auf Clemens Birnbaum folgte Michael Kaufmann. Er setzte weiterhin auf Themenschwerpunkte und führte auch begonnene Nachwuchsförderung fort – damals ein wichtiges Element. Es gab auch eine sehr gute Radioausstellung, die Kaufmann initiierte, denn Weill komponierte auch viel für den Rundfunk. Mittlerweile gibt es eine Dauerausstellung im rekonstruierten Moholy-Nagy-Haus.

Michael Kaufmann ging dann abrupt und als Interimslösung übernahmen der Kulturmanager Gerhard Kämpfe und der Theaterintendant die Leitung. Dann kam Jan Hendrik Bogen mit neuem Ansatz und interessanten Themen. Aber er ging nach nur knapp zwei Spielzeiten aus persönlichen Gründen und übergab die Geschicke wieder Gerhard Kämpfe in die Hand, der sein Netzwerk in Berlin stark einbrachte.

Corona-Krise in Dessau

Die Corona-Pandemie war ein eklatanter Einschnitt für das Festival: 2020 begann das Festival, als die ersten Fälle in Deutschland registriert wurden. Die letzten Veranstaltungen des Jahrgangs wurden dann schon wegen gesundheitlicher Bedenken abgesagt, als im ganzen Land Theater und Konzerthäuser schließen mussten. 2021 konnte man bereits auf die schwierige Situation reagieren und plante zweigleisig: mit Open-Air-Konzerte und digitalen Angeboten.

Katherine Mehrling steht in einem pelzbesetzten Mantel auf der Bühne.
Katherine Mehrling ist die Artist in Residence im Jahr 2022. Bildrechte: imago/Eibner

In diesem Jahr hat man den thematischen Bogen ganz weit gespannt mit dem Motto: "Musik. Spiegel der Zeit". Das Programm wirkt leider etwas beliebig: Da gibt es von Barock über Gerhardt Schöne bis zu Breakdance trifft Bach alles. Auch der Pianist Frank Dupree und die Liedermacherin Dota Kehr. Die Kartennachfrage ist wohl sehr unterschiedlich hieß es aus dem Festivalbüro: Die Fans – und davon gibt es nach 30 Jahren Festival richtig viele, haben schnell gebucht. Aber es ist auch eine starke Zurückhaltung im Vorverkauf zu spüren. Bei 50 Prozent weniger Plätzen ist das aber vielleicht auch einfach eine gute Chance für die Kurzentschlossenen.

Das diesjährige Festival Kurt-Weill-Fest Dessau 2022

Motto: "Musik. Spiegel der Zeit"

25. Februar bis zum 13. März 2022

30 Veranstaltungen an zehn Orten in und um Dessau

Artist-in-Residence: Katharine Mehrling

Mit 400 Künstlerinnen und Künstlern, darunter: Dota Kehr, Dagmar Manzel, Gerhard Schöne, Flying Steps, Frank Dupree, lautten compagney Berlin.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2022 | 07:10 Uhr