"Die Unmutigen, die Mutigen" Neues Sachbuch: Von der Lust der Ostdeutschen am Schimpfen

Die Eisenacher Ethnologin Juliane Stückrad erforscht das Zusammenleben von Menschen in der Provinz. In Dorfkneipen, auf Friedhöfen und Gemeindefesten erkundet sie die Vielfalt ostdeutscher Lebenswelten. In ihrem Buch "Die Unmutigen, die Mutigen" gewährt sie Einblicke in diese und erklärt dabei die Lust der Ostdeutschen am Schimpfen.

Juliane Stückrad: eine blonde Frau mit halblangen Haaren und dunklem Jackett steht vor einer Statue
Juliane Stückrad erzählt in ihrem Buch "Die Unmutigen, die Mutigen" Geschichten vom Mut und Unmut in der ostdeutschen Provinz Bildrechte: Susanne Schleyer

Kurz nach der Wende hatte der "Jammerossi" Konjunktur. Die Ostdeutschen, die sich über die Folgen und Ergebnisse des Einheitsprozesses beklagten, wurden zur Klischeefigur. Vor allem aus westlicher Perspektive schienen es häufig Menschen zu sein, die im Sozialismus rundum versorgt worden waren und nicht gelernt hatten, dass für die eigene Zufriedenheit auch Hindernisse überwunden werden müssen. Aber das war eine vorurteilsbehaftete Erklärung aus der Ferne.

Der ostdeutschen Schimpfkultur auf der Spur

Die ostdeutsche Ethnologin Juliane Stückrad wollte es genauer wissen und den Wirklichkeiten der schimpfenden Menschen auf die Spur kommen. Sie promovierte 2010 mit einer Arbeit über die Kultur des Unmuts, für die sie ausgiebige Feldforschungen in ihrer ostdeutschen Heimat unternommen hat. Auf diese Arbeit greift sie nun für ihr aktuelles Buch zurück und lässt dabei ausführlich Gesprächspartner von einst zu Wort kommen. Roland ist ein Helfer, der Stückrad bei Grabungen in einem kleinen brandenburgischen Dorf zur Hand geht, und er ist jemand, der gern schimpft, wie er selbst einräumt.

Na, das ist auch die einzige Sache, wo man mal Druck ablassen kann. Der kleene Mann, der nacksche, der dasteht, kein Hemd mehr anhat, der hat ja niemanden mehr, der ihn verteidigt.

Roland aus Juliane Stückrad: "Die Unmutigen, die Mutigen"

Für Stückrad ist die Rede Anlass, um über die Formel vom "kleinen Mann" nachzudenken. Sie vermutet, dass die Selbstzuschreibung half, in der DDR zurechtzukommen und sich gegenüber den Zumutungen des Alltags zu behaupten. An der Einteilung der Welt in oben und unten habe die Wende nichts geändert, hinzugekommen sei jedoch eine zuvor nicht erfahrene Schutzlosigkeit. Es ist typisch für Stückrads ausbalanciertes Erzählen, dass sie fragt, ob sich der Rolle nicht etwas Positives abgewinnen lasse. "Könnte nicht so mancher von Anspruchsdenken und Unzufriedenheit Getriebene von der Genügsamkeit des 'kleinen Mannes' lernen?"

Verdrossenheit ernstnehmen – aber Verständnis hat auch Grenzen

Stückrad treibt die Frage um, ob der Unmut der Ostdeutschen als ungerechtfertigte Nörgelei abgetan und der beständigen Klage einfach eine kraftvolle Weltsicht gegenüberstellt werden sollte. Oder ob die Unzufriedenheit Aufmerksamkeit verdient, weil sie auf Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung und auf Erwartungen von Menschen hinweist.

Die Autorin tendiert sehr klar dazu, die Verdrossenheit ernst zu nehmen. Aber ihr Verständnis für die Nöte der Menschen hat Grenzen, als bei einer Landtagswahl die AfD in einzelnen Städten über 30 Prozent der Wählerstimmen erhält: "Die Unmutigen schimpfen nicht mehr selbst, sondern lassen nun für sich schimpfen. Der so zu Formeln erstarrte Unmut ermöglicht kaum noch einen Zugang zum Leiden der Einzelnen an der Welt. Ich kann keine Utopie mehr daraus lesen, die uns voranbringen könnte."

Juliane Stückrat: Die Unmutigen, die Mutigen. Feldforschung in der Mitte Deutschlands
Das Cover des Buches "Die Unmutigen, die Mutigen. Feldforschung in der Mitte Deutschlands" von Juliane Strückrat Bildrechte: Kanon Verlag

Vom Unmut zum Mut der Ostdeutschen

Dem ersten Teil des Buches über die Unmutigen und die ostdeutsche Schimpfkultur des Umbruchs folgt ein ebenso langer Abschnitt über "Die Mutigen". Der zweite Teil gerät Stückrad jedoch weniger überzeugend, was womöglich damit zu tun hat, dass sie die Unmutskultur ausgiebiger erforscht hat. Trotzdem ist er wichtig, denn er wird angetrieben von der Überlegung, ob die Konzentration auf das Problematische nicht hinterfragt werden sollte.

Für Stückrad ist klar, dass die Fixierung auf schwierige Aspekte ostdeutscher Lebenswelten dazu verführt, gelungene Alltagspraxen zu übersehen. Zu fragen bliebe, ob dies heute wirklich noch in größerem Umfang der Fall ist. Den von Empathie getriebenen Einsichten, die Juliane Stückrads Buch über die Wendezeit vermittelt, nimmt dieser Einwand jedoch nichts von ihrer um Differenzierung bemühten Klarheit.         

Angaben zum Buch und weitere Infos

Juliane Stückrad: "Die Unmutigen, die Mutigen. Feldforschung in der Mitte Deutschlands"
286 Seiten
Kanon Verlag, 2022
ISBN: 978-3-98568-045-0 

Buchpremiere im Rahmen der Erfurter Herbstlese 10. Oktober 2022
19:30 Uhr, Haus Dacheröden in Erfurt

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 21. September 2022 | 08:40 Uhr

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