Neues Sachbuch von Henner Kotte Das Leipziger Hotel Astoria: Prunk, Sex, Alkohol und Spionage

Am 5. Dezember 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde das Leipziger Hotel Astoria eröffnet. Schon bald zählte es zu den besten Adressen Deutschlands und lockte zahlreiche Prominente in die Messestadt. Am 31. Dezember 1996, nach 81 Jahren, ist damit Schluss. In seinem neu erschienenen Sachbuch "Astoria Leipzig: Biografie eines Hotels" belebt der Schriftsteller Henner Kotte den alten Glanz dieses für die Leipziger Stadtgeschichte prägenden Ortes wieder.

Henner Kotte 4 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Die Geschichte des Leipziger Hotels Astoria entpuppt sich als ungeheuer packend. Aufgeblättert wurde sie jetzt von Henner Kotte, der 1997 mit der Shortstory "Taxi" den MDR-Literaturpreis gewann und sich bald darauf einen Namen als Krimiautor erwarb. Spannend berichtet er davon, wie das Astoria am 5. Dezember 1915 seine Pforten öffnete, nachdem nur einen Tag zuvor in unmittelbarerer Nachbarschaft der flächenmäßig größte Kopfbahnhof Europas seinen Betrieb aufnahm. Äußerlich verkörpern beide Gebäude eine Einheit, denn ihr Design stammt von den Architekten William Lossow und Max Hans Kühne.

Henner Kotte
Henner Kotte arbeitet als Schriftsteller, Kulturredakteur, Theaterkritiker und Stadtführer in Leipzig. Bildrechte: Stephan Hoyer

Detailgenau beleuchtet Henner Kotte das mondäne Leben, das sich während der Weimarer Republik in der edlen Bettenburg abspielte. UFA-Stars wie Johannes Heesters und Henny Porten logierten damals dort. Zugleich berichtet er von hochdramatischen Szenen, die sich vor Ort unter der Nazidiktatur ereigneten.      

Auszug aus "Astoria Leipzig: Biografie eines Hotels" 1942 wurde das 'Astoria' zum Schauplatz einer Hilfsaktion zur Rettung einer Jüdin. Die Krankenschwester am jüdischen Krankenhaus Eva Heidenheim sollte am 10. Mai deportiert werden. Sie täuschte ihren Freitod vor und tauchte unter. Eine Frau aus Berlin übergab ihr im Astoria die Kennkarte ihrer Köchin. Eva Heidenheim reiste nach Berlin und überlebte in Verstecken.

Vom Glanz und Niedergang einer Leipziger Institution

Henner Kotte erwähnt das Astoria in einem Atemzug mit dem legendären Adlon in Berlin, dem Bayrischen Hof in München oder dem Hamburger Atlantic. Doch er verschweigt auch nicht die schweren Krisen, in die das Unternehmen schlitterte. Als besonders traurigen Moment schildert er den Konkurs des Hotels im Jahr 1953. Aber selbst von diesem Tiefschlag erholte sich das Astoria. Laut Henner Kotte entwickelte es sich zur geheimen Fluchtburg für Einheimische.

Auszug aus "Astoria Leipzig: Biografie eines Hotels" Der Hotelbesuch war jedem DDR-Bürger Höhepunkt und Abweg aus sozialistischem Alltag. Er wurde wie ein Urlaub oder Jubiläum fest lang im Voraus geplant. Man sparte darauf hin und kaufte feine Kleidung, die dem Ambiente angemessen war. Jeder 'alte' Leipziger hat irgendwann einmal im Astoria geweilt und kann Geschichten davon erzählen, offizielle, private und solche, die man vom Hörensagen kannte: Prunk, Sex, Alkohol und Spionage.

Hotel Astoria am Willy-Brandt-Platz in Leipzig, 2000
Das Hotel Astoria in Leipzig ist aus der Stadtgeschichte der letzten hundert Jahre nicht wegzudenken. Bildrechte: dpa

Das Leipziger Astoria Hotel: Rückkehr zu altem Glanz?

Henner Kotte ruft ins Gedächtnis, dass während der Messezeiten in der Nobelherberge ständig Gäste aus dem vermeintlich gefährlichen kapitalistischen Ausland campierten. Kein Wunder, dass Erich Mielkes Staatssicherheit die Geschäftsreisenden vor Ort überwachen ließ. Die Belegschaft des luxuriösen Hauses akzeptierte die Taktik der Staatsführung nur widerwillig. Bis heute verabreden sich altgediente Beschäftigte regelmäßig, um Erinnerungen aufzufrischen.

Auszug aus "Astoria Leipzig: Biografie eines Hotels" Über achtzig Jahre haben Generationen von Zimmermädchen, Kellnern, Köchen, Liftboys und anderen dienstbaren Geistern das Astoria zum 'ersten Haus am Platze' gemacht. Gehörte man zu diesen 'Astorianern' war und ist man Teil einer verschworenen Gemeinschaft. 'Astorianer' arbeiteten quasi nicht auf dieser Welt, sondern auf einem anderen Stern.

Nüchtern berichtet Henner Kotte vom bitteren Ende des Hotels im Jahr 1996 und vom bis heute andauernden Geschacher um die spektakuläre Immobilie,  denn die 2018 begonnenen Renovierungsarbeiten ruhen momentan wegen andauernder Rechtsstreitigkeiten. Die Frage, ob die denkmalgeschützte Fassade des ehrwürdigen Komplexes jemals wieder im ursprünglichen Glanz erstrahlt, wagt der Schriftsteller nicht zu beantworten. Aber er bewahrt Hoffnung.  

Henner Kotte
Henner Kottes Sachbuch über das Leipziger Astoria Hotel ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen. Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Angaben zum Buch Henner Kotte
"Astoria Leipzig: Biografie eines Hotels"
Mitteldeutscher Verlag, Januar 2022
248 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-96311-537-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Mai 2022 | 11:15 Uhr