"Aufklärung" von Angela Steidele Roman über Dorothea Bach: Was die Tochter des Komponisten in Leipzig erlebte

In ihrem neuen Roman "Aufklärung" widmet sich Angela Steidele der Buch-, Musik- und Messestadt Leipzig im Zeitalter der Vernunft – aus weiblicher Perspektive: Die Autorin lässt in ihrem Buch Dorothea Bach, die älteste Tochter des Thomaskantors und Komponisten, als wache Zeugin ihrer Zeit erzählen: vom Familienleben im Hause Bach, von Begegnungen mit Goethe, Klopstock und Kleist – vor allem aber von der Freundschaft zu Luise Gottsched, die als Frau des Sprach- und Theaterpapstes wie andere Frauen der Zeit im Schatten blieb. Ein doppeltes Lesevergnügen!

Angela Steidele
Bildrechte: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Angela Steidele ist für ihre historischen Sachbücher und Romane bekannt. Spezialisiert hat sie sich dabei auf das 18. und 19. Jahrhundert – und explizit auf Biografien von Frauen. Für ihr Buch "Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II." wurde sie mit dem Bayrischen Buchpreis ausgezeichnet.

Ihr neuer Roman "Aufklärung" spielt nun in Leipzig, zwischen 1720 und 1760. Alle Orte und Persönlichkeiten, die in der Messe-, Musik- und Buchstadt von Bedeutung waren oder sind, bekommen ihren ganz persönlichen Auftritt. Darunter sind alle Mitglieder der Musikerfamilie Bach, das Ehepaar Gottsched, aber auch Kleist und Klopstock, Händel und Voltaire. Das Besondere an dem Buch ist, dass es vor allem von Frauen handelt.

Leipzig zur Zeit von Goethe, Lessing und Bach

Über Johann Sebastian Bach und seine Söhne sind wir heute, dank guter Quellenlage, bestens informiert. Ganz anders sieht es bei Bachs Töchtern aus. Vor allem über seine älteste Tochter Catharina Dorothea ist wenig bekannt. Es gibt nur ein Gemälde von ihr, auf dem sie ihrem Vater sehr ähnlich sieht. In einem Brief erwähnt er, dass sie sich "beim Singen nicht allzu schlecht" ausnimmt. Und sie soll sich sehr gut mit Bachs zweiter Ehefrau Anna Magdalena verstanden haben.

1708 geboren, zieht Dorothea Bach 1723 mit ihrem Vater und der jungen Stiefmutter nach Leipzig. In eine blühende und stolze Bürgerstadt, in der die wichtigsten Protagonisten des neuen Zeitalters der Aufklärung wirken. Angela Steidele nennt deshalb ihren Roman, der fast ausschließlich in Leipzig spielt, schlicht "Aufklärung" und lässt Dorothea Bach aus ihrem Leben erzählen. Sie berichtet von fiktionalen, aber durchaus wahrscheinlichen Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten wie der Neuberin, Goethe oder Lessing.

Angela Steidele
"Aufklärung": Der neue Roman von Angela Steidele. Bildrechte: Insel Verlag

Weiblicher Blick auf das Zeitalter der Aufklärung

Außerdem erfährt man aus dem Blickwinkel der weiblichen Erzählerin Details aus dem Privatleben der Familie Bach – mit dem für ihre Zeit oft typischen Schicksal von Frauen. Zahlreiche Geburten und Todesfälle gehören dazu, wie im Fall ihrer Stiefmutter Anna Magdalena: "Im Frühjahr war Johann August Abraham auf die Welt gekommen und gleich wieder gestorben. Ich hab's mal nachgezählt. Als Luise nach Leipzig kam, hatte Anna Magdalena zehn Kinder geboren, sieben aber auch schon wieder verloren." Mit "Luise" ist die heute fast vergessene Gottschedin gemeint: Die junge Ehefrau des großen Meisters der deutschen Sprache Johann Christoph Gottsched.

Historischer Roman holt kluge Frauen aus dem Schatten ihrer Männer

Königin Maria Theresia nannte sie die "gelehrteste Frau Deutschlands". Heute weiß man, dass von den über 600 Artikeln, die ihr Mann im "Britischen Wörterbuch" veröffentlichte, mehr als die Hälfte von Luise verfasst wurden. Auch ihrem Leben widmet sich Angela Steidele ausführlich. Geht doch Dorothea Bach mit ihr eine lebenslange Freundschaft ein.

Amüsant beschrieben wird das Kennenlernen der beiden Frauen bei einem Konzertabend. Dorothea ist von dem norddeutschen Dialekt Luises fasziniert, die sich mit dem sächsisch sprechenden Johann Sebastian Bach angeregt über eine seiner Klavierübungen unterhält.

Zitat aus dem Roman "'Und wie sind Madame mit den Stückchen zurechtgekommen?' Mein Vater sagte 'Schdüggschen'. Ich hörte das zum ersten Mal so, es war mir noch nie bewusst geworden. Ich sagte ja auch 'Schdüggschen'. 'Ich muss ges-tehen, sie sind so schwer wie schön.' Wie? Sie hatte allen Ernstes 'ges-tehen' gesagt."

Neben Dorothea und Luise, die später sogar zusammen arbeiten, lässt Angela Steidele auch die jüngsten Schwestern Dorotheas auftreten, Susanna und Caroline Bach. Während viele ihrer Geschwister bereits im Kindsbett sterben, haben sie überlebt. Nicht zuletzt durch die "seltsame Preußen-Knolle", die sie während der Hungerzeiten des Siebenjährigen Krieges im Garten anbauen. Gemeint ist natürlich die Kartoffel.

Schauplätze wie Auerbachs Hof und der Brühl

Wirtschaftlich müssen die Schwestern dennoch sparsam haushalten. Deshalb ist es Dorothea nur recht, dass sich Susanna im Jahr 1765 um einen Zugezogenen aus Hessen kümmert. Der soll hier an der Universität Jura studieren, doch die weltoffenen Leipziger empfinden sein Aussehen als ziemlich antiquiert: "So bin ich mit ihm zu einigen Läden am Brühl. Aber in Auerbachs Hof war es am leichtesten. Dort hat man seine altfränkische gegen eine zeitgemäße Garderobe umgetauscht", lautet ein Zitat aus dem Roman.

Dieser Student wird sich später von der Jurisprudenz verabschieden, einer der wichtigsten deutschen Dichter werden und Leipzig einmal sein "Klein-Paris" nennen: Goethe.

Warum sich der Roman "Aufklärung" zu lesen lohnt

Warum es sich lohnt, das durchaus anspruchsvolle Buch zu lesen? Weil Angela Steidele mit ihrem Roman "Aufklärung" ein buntes und enorm detailtreues Leipziger Tableau erschafft, dass durch seine weibliche Perspektive ein neues, helles Licht auf scheinbar Bekanntes wirft. Interessierte Leserinnen und Leser werden ihre Freude damit haben – und können es gleichsam als historischen Stadtführer nutzen.

Angaben zum Buch

Angela Steidele: "Aufklärung"
Roman, 603 Seiten
978-3-458-64340-1
25 Euro

Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2022 | 08:10 Uhr

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