Zum 110. Todestag Karl May – der umstrittene Abenteuer-Schriftsteller aus Ernstthal

An Rekorden mangelt es Karl May nicht: erfolgreichster Schriftsteller deutscher Sprache und Auflagenhöhen, die nur noch durch den Koran oder die Bibel getoppt werden. Dennoch sind die Werke Mays, der im sächsischen Ernstthal geboren wurde, umstritten. Das war zu Lebzeiten so und hat sich seither wenig geändert. Vor 110 Jahren, am 30. März 1912, starb der "Winnetou"-Erfinder in Radebeul. Die Todesursache wurde erst vor wenigen Jahren bekannt.

Karl May 4 min
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Karl May steht vor Gericht. Nicht zum ersten Mal. Die Vorwürfe ähneln sich: Betrug, Täuschung, Diebstahl – diesmal allerdings nur geistigen. Betrogen habe er seine Leser, da er nie im bergigen Kurdistan war, nicht den roten Staub des Llano Estacado einatmete oder durch die Weiten der Prärie streifte. Das Urteil des Richters: "Ich halte Karl May für einen Dichter."

Gerichtlich bestätigt zu bekommen, ein Dichter zu sein, das gelingt nur wenigen Bücherschreibern. Noch seltener gelingt es, sich aus einem kriminellen Gespinst von Lügen und Betrügereien zu befreien, und aus dem  Zusammenphantasierten und Ersponnenen große Literatur zu machen. Der Philosoph Ernst Bloch behauptet im März 1978 in der Westfälischen Rundschau gar: "Es gibt nur Karl May und Hegel – alles dazwischen ist eine unreine Mischung."

Mays Herz schlägt für die Unterdrückten

Zugegeben: Man könnte auch andere zitieren, die ihm Rassenwahn, Chauvinismus, deutsches Herrenmenschentum vorwerfen. Seine Helden sind Deutsche; da ist er ganz Kind des wilhelminischen Kaiserreichs. Doch sein Herz schlägt für die Schwachen und Unterdrückten.

Zitat aus Karl May: "Und Friede auf Erden" "Ich klage die ganze sich 'zivilisiert' nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses 'Zivilisieren' nichts anderes als ein 'Terrorisieren' ist!"

Geschrieben hat er diese Worte für den Sammelband "China", mit dem der Sieg des Westens über das Land im Boxeraufstand glorifiziert werden sollte. Später hat er den Text weiter ausgebaut und unter dem Titel "Und Friede auf Erden" veröffentlicht.

Die Villa Bärenfett ist ein Blockhaus im nordamerikanischen Stil im Garten des ehemaligen Wohnhauses von Karl May im sächsischen Radebeul bei Dresden.
Die Villa Bärenfett im Garten des ehemaligen Wohnhauses von Karl May in Radebeul bei Dresden. Bildrechte: IMAGO / Andreas Weihs

Wissen über Schauplätze aus Lexika und Reiseberichten

Das Buch ist Resultat seiner großen Orientreise 1899. Eine der wenigen Reisen, auf denen May die Schauplätze seiner Romane aufsucht. Ansonsten verlässt er sich auf Lexika, Reisebeschreibungen und seine Fantasie. Und liegt damit oft richtig. In einer Zeit, da auch gebildete Europäer kaum eine Vorstellung vom Islam hatten, beschreibt er Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten. Der syrisch-deutsche Dichter Rafik Schami lobt:

Rafik Schami
Schriftsteller Rafik Schami lobt Karl Mays Verständnis des Orients. Bildrechte: imago/Hoffmann

Bei Allah, dieser Karl Ben May hat den Orient im Hirn und Herzen mehr verstanden als ein Heer heutiger Journalisten, Orientalisten und ähnliche Idiotisten (sic!).

Karl May – der moderne Schriftsteller

Karl May ist modern. Eine Figur wie "Tante Droll" scheint der gendergeschulten Fantasie von Autorinnen und Autoren des 21. Jahrhunderts entsprungen zu sein. Ein Westmann in Frauenkleidern – keine Witzfigur, sondern ein erfolgreicher, allseits geschätzter Westler. Auch bei anderen May‘schen Figuren ist nicht so ganz klar, ob sie Mann oder Frau sind.

Auf die homoerotischen Komponenten zwischen Shatterhand und Winnetou hat schon Schriftsteller und May-Fan Arno Schmidt hingewiesen. Schmidt schätzte das Spätwerk von May wie "Und Frieden auf Erde" oder "Ardistan und Dschinnistan" – komplexe, rätselhafte Werke voller Anspielungen und Symbole über die entscheidenden Fragen der Menschheit.

Zitat aus Karl May "Ardistan und Dschinnistan" "Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Milliarden einbringen würden?"

(1. Band, 1909, S. 17)

Karl Mays Todesursache lange ungeklärt

Karl May
Karl May starb am 30. März 1912 an einer Schwermetallvergiftung. Bildrechte: dpa

Karl May starb am 30. März 1912. Woran genau, war lange Zeit unbekannt, was für reichlich Spekulationen sorgte. Sie reichten von Lungenkrebs bis Gattenmord. Auf seinem Todesschein ist der Karl-May-Stiftung in Radebeul zufolge nichts zur Todesursache vermerkt. Erst im Jahr 2014 ergab ein forensisches Gutachten, dass wohl eine chronische Schwermetallvergiftung den sächsischen Dichter ins Grab brachte. Demnach wurden in seinen Knochen auffällig hohe Konzentrationen von Blei und Cadmium gefunden.

Rechtsmediziner der Universität Leipzig hatten die sterblichen Überreste Karl Mays im Oktober 2014 in der Gruft unter Mays Grabmal obduziert. Den Experten zufolge muss May die Schermetalle über lange Zeit aufgenommen haben. Als Quellen sehen sie am ehesten Bleirohre für Trinkwasser; aber auch Nahrung und Tabakrauch. Der Dichter war zeitlebens starker Raucher.

Ein Grabstein mit vier weißen Säulen.
Das Grab von Karl May in Radebeul. In den Grabstein sind Zeilen aus einem Gedicht von May eingraviert: "Du bist die Ernte deiner eignen Saaten
Und steigst mit uns nun zu dir selbst empor."
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. März 2022 | 06:40 Uhr