Buchtipp Wie ein junger Mann anno "1888" in Halle lebte: Kein Platz an der Sonne

Das Jahr 1888 bedeutete eine Zeitenwende: Kaiser Wilhelm II. trat die Herrschaft an, er strebte nach "Weltgeltung" fürs Deutsche Reich, verlangte einen "Platz an der Sonne", also Kolonien, und rüstete auf. Wie sich der Alltag in Mitteldeutschland damals veränderte, erzählt Gerhard H. Holländer in seiner Novelle über einen jungen Mann anno "1888", die in der Altmark, Magdeburg und Halle spielt. Damit schließt G.H.H. ein "Triptychon" ab, das Kollege Ingo Schulze feiert – und unser Kritiker auch.

Postkarte Gruß aus dem Manöver, Kaiser Wilhelm II. von Preußen 5 min
Bildrechte: IMAGO / Arkivi
5 min

1888 war eine Zeitenwende. Kaiser Wilhelm II. trat an, wollte "Weltgeltung" und rüstete auf. Doch wie sah der Alltag "kleiner Leute" aus? Das erkundet diese beeindruckende Novelle über einen jungen Mann in Halle.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 29.08.2022 15:30Uhr 04:30 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Im Jahr 1888 sterben zwei deutsche Kaiser, sodass mit Wilhelm II. schließlich ein dritter Herrscher innerhalb eines Jahres den Thron des Deutschen Reiches besteigt: "Dreikaiserjahr" – ein schweres Wort, das wenig verrät über das Leben etwa im Mitteldeutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Alltag eines jungen Mannes im Dreikaiserjahr: "1888"

Die Novelle des Autors Gerhard H. Holländer, der unter dem Kürzel G.H.H. veröffentlicht (und der auch sonst kaum etwas von sich preisgibt), zielt in die Räume hinter solchen Begriffen: Was veränderte sich in diesen Jahren, wie sah der Alltag aus, welche Möglichkeiten ergaben sich für den Einzelnen in einer Ordnung, die wesentlich getaktet war von wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlicher Etikette.

Von Seehausen nach Halle an die Universität

Der junge Mann, von dem G.H.H. in "1888" erzählt, ist ein solcher, in die Zwänge der Zeit hineingeborener junger Mann, aufgewachsen in Seehausen, einem Ort nördlich von Leipzig. Pfarrer will er werden, und die neue, in der Universitätsstadt Halle sich immer schriller an ihn herandrängende Welt muss er auf Abstand halten: Einmal nennt ihn die Dienstmagd aus der Kammer nebenan "Schatz" und bietet ihm für ein Entgeld zweideutige Abenteuer an.

Auch würde der junge Mann lieber Philosophie als Theologie studieren, aber das gibt seine gesellschaftliche Position nicht her. Er wird, bestenfalls, nach erfolgreich bestandenem Studium eine Pfarrstelle ergattern, mehr Aufstieg ist für einen wie ihn nicht vorgesehen.

Die Novelle '1888' schließt ein literarisches 'Triptychon' glücklich ab. Der unverwechselbare Ton dieser Prosa lässt sich nicht loslösen von ihrer historischen Präzision. Sie wirkt wie Minimalmusik, in der Umbrüche plötzlich erfahrbar werden.

Ingo Schulze, Schriftsteller Über "1888" von G.H.H.

Kein fröhliches Studentenleben: Perspektive Pfarrer

Hermann wird sich um die Pfarrstelle in Heiligenfelde in der Altmark bewerben, und er muss eine seinem Stand entsprechende Ehefrau finden – das eine ist jeweils Voraussetzung für das andere. Der Erzähler G.H.H. schildert das alles in einem locker gefügten Bogen, der vom Jahr 1888 zurückführt in die Studentenjahre des "Pfarramtskandidaten", in die Stadt Halle mit ihrem von zwei steinernen Löwen bewachten Uni-Gebäude, ihrer Universitätsbibliothek und dem Alltag der Studenten und Professoren.

Ein ganzer Kerl ist, wer vom Fechten einen Schmiss mitbringt. Ein erfolgreicher Professor ist, wer gleich in der Nähe der Bibliothek seine Wohnung nehmen kann. Ein Theologie-Student wie Hermann Holländer muss jeden Groschen zweimal umdrehen, und die leichten Mädchen schaut er sich nur aus sicherer Entfernung an. Er wird ohnehin mit Schulden von seinem Studium zurückkehren, obwohl doch seine Mutter, die daheim in Seehausen die höheren Töchter in Hausarbeit unterrichtet, jede nur mögliche Unterstützung in die Laufbahn des Sohnes steckt.

Jahrhundertwende: Staunen statt Rebellion gegen die Zustände

Diese zutiefst ungerechte Verteilung der Aufstiegschancen könnte in einem jungen Mann durchaus die Lust an der Rebellion anfachen – aber womöglich liegt genau darin der Reiz dieser Novelle: Die heftigste Gefühlsregung des Hermann Holländer ist ein Staunen, ein sanftes Sich-Wundern über den Zustand der Welt. Beim Freitisch, den ihm ein liberaler Professor gewährt, erlebt der Student debattierende junge Frauen und hört Menschen aus fernen Ländern in unbekannten Sprachen von fremden Göttern erzählen.

Leise Töne über eine Welt, die bald auseinanderfliegt

Gern würde Hermann die Bauweise der Kirchen und Dome von Halle und Magdeburg gründlicher erkunden, aber das ist im Studium der Theologie nicht enthalten. Und trotzdem, am Ende dieser Novelle, dürfen wir uns Hermann Holländer als einen glücklichen Menschen vorstellen. Eine Novelle aus lauter leisen Tönen, die eine auf ihre Art unverwechselbare Melodie ergeben. Die Dinge, die der junge Hermann Holländer erlebt, nehmen gewiss nicht die abenteuerlichste Wendung, aber auch niemals die schlimmste.

Im 19. Jahrhundert hält eine solche Biografie noch, geht die persönliche Bescheidenheit auf in einer sozialen Ordnung, die dann, im 20. Jahrhundert, in den großen Kriegen und Revolutionen auseinanderfliegt.

Lesung: "1888" Buchhandlung des Waisenhauses
Franckeplatz 5
06110 Halle

Termin: 29. August, 19 Uhr

Angaben zum Buch Gerhard H. Holländer - G.H.H.: "1888"
100 Seiten
Aphaia Verlag, 2022
ISBN: 928-3-946574-28-6

Mehr von G.H.H.

G. H. H. lebt und arbeitet in Berlin. Veröffentlichungen: Ein Sommer nach dem Krieg. Novelle (Aphaia 2020). Der eine Sohn. Roman (Aphaia 2019). Frühe Neuzeit. Gedichte (hochroth 2014). Geschichten aus dem Adlerhof (hochroth 2012). Gedichte in zwei Sprachen (hochroth 2010). Quelle: Aphaia-Berlag

Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. August 2022 | 17:40 Uhr

Mehr MDR KULTUR