25. Todestag Stephan Hermlin: Umstrittener DDR-Schriftsteller auch 25 Jahre nach seinem Tod

Der 1915 in Chemnitz als Rudolf Leder geborene Stephan Hermlin war ein Vorzeige-Autor der DDR. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Hörspiel "Scardanelli" und seine autobiografische Prosa unter dem Titel "Abendlicht". Trotz seiner Freundschaft zu SED-Staatschef Honecker galt Hermlin, der sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann engagierte, als politisch integrer Autor. Sein Ruf nahm allerdings, kurz vor seinem Tod am 6. April 1997, Schaden – denn seine Biografie wies erhebliche Ungereimheiten auf.

Schriftsteller Stephan Hermlin, 1995
Das Ansehen von DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin (1915-1997) war groß – bis Ungereimheiten in seiner Biografie aufgedeckt wurden. Bildrechte: dpa

Eine DDR-Literaturgeschichte ohne ihn wäre kaum denkbar. Doch als Stephan Hermlin am 6. April 1997, kurz vor seinem 82. Geburtstag, starb, war in Nachrufen auch von "Lebenslügen hinter der klassizistischen Glätte" die Rede.

"Womöglich bleiben von allem, was er schrieb, nur einige wenige Gedichte und seine meisterlichen literarischen Essays. Vor allen Dingen aber sein autobiographischer Bericht 'Abendlicht'", erklärte Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in einem Nachruf auf Stephan Hermlin.

Stephan Hermlin – "Der letzte Kommunist" des 20. Jahrhunderts

"Er war der letzte Kommunist – und als letzter bereits eine literarisierte Erscheinung", urteilte Schirrmacher. Genau darum hatte sich noch vor Hermlins Tod ein Streit entzündet. Eine "großangelegte Lebenslüge" vermutete Karl Corino, Literatur-Chef beim Hessischen Rundfunk. Akribisch, manche meinten auch besessen, hatte Corino zur Biografie Hermlins recherchiert. Im Ergebnis stimmte, so Corino, nichts mehr "von dem, was ich und was alle Welt zu wissen glaubte von Hermlin".

Sicher ist wohl: Hermlin wurde 1915 als Rudolf Leder in Chemnitz geboren. "Da haben wir gewohnt im Haus meiner Großmutter", so erzählte Hermlin später, auf dem "Kaßberg – das sogenannte gute Viertel, sehr grün." Er besuchte zeitweise das Rottluff-Gymnasium. Hölderlin und Marx prägten ihn.

In der Ost-Berliner Erlöserkirche fand im Oktober 1989 eine Veranstaltung statt unter dem Motto: Gegen den Schlaf der Vernunft . Mitwirkende waren Schriftsteller, Autoren, Künstler der DDR. In der ersten Reihe im Publikum sitzen: Ulrich Plenzdorf (2.v.li.), Christoph Hein (mi.), Stephan Hermlin und Günter de Bruyn (re.).
Stephan Hermlin (zweiter von rechts) 1989 zwischen Autoren wie Christoph Hein und Günter de Bruyn bei einer Veranstaltung in Ostberlin. Bildrechte: imago images / epd

DDR-Schriftsteller Hermlin im Visier des Feuilletons

Doch dann zerbröseln die biografischen Gewissheiten: Kein Abitur wie angegeben, die Mutter keine Engländerin, sondern Jüdin, der jüdische Vater nicht im KZ umgebracht, der Schriftsteller selbst nicht interniert. Zweifel auch an Hermlins Rolle im Kampf gegen den Faschismus.

Bestätigt sah sich der hessische Literaturredakteur Corino in den Akten der Stasi, die Hermlin intensiv beobachtet hatte. In einer Akte aus dem Jahr 1956 fand Corino einen Vermerk, der besagte, "dass alles, was Hermlin über seine Tätigkeit im Kommunistischen Jugendverband, im Widerstand gegen das 'Dritte Reich', in Spanien und in der Résistance über sich verbreitet habe, mit der Wahrheit nicht übereinstimme."

Corinos Vorwurf: Hermlin habe hingenommen, dass seine Prosa für autobiografisch gehalten wurde, insbesondere "Abendlicht", der Höhepunkt seines erzählerischen Werks. Er habe an einer Lebenslegende gestrickt, sich auch erpressbar gemacht. Was Corino vorlegte, schien ihm recht zu geben. Die Entgegnung des greisen Hermlin wirkte dünn.

Stephan Hermlin, Schriftsteller
Stephan Hermlin wurde in der DDR mit drei Nationalpreisen ausgezeichnet. Seine bekanntesten Werke sind das Hörspiel "Scardanelli" und seine autobiografische Prosa "Abendlicht". Bildrechte: imago/gezett

Politisches Engagement gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung

Was aber bleibt dann von Hermlin – neben seiner Literatur, den Übersetzungen von Neruda, Aragon und anderen? Sicher sein ganz reales Engagement zu DDR-Zeiten. Hermlin, der prominente Genosse, widersetzte sich mehrfach der Zensur, der Disziplinierung von Kunst und Kultur, legte sich mit der SED-Spitze an. "Ich war der Ansicht, dass sich die Partei nicht mehr in ästhetische Dinge einmischen sollte", erklärte Hermlin 1995 rückblickend.

Wenn es zu DDR-Zeiten schlimm kam, wussten wir, da war Stephan Hermlin, auf den war Verlass.

Lyriker Rainer Kirsch (1997)

1976 initiierte Hermlin die folgenreiche Petition gegen die Ausbürgerung Biermanns mit. Er hatte den Liedermacher schon früh protegiert, auch gegen Widerstände. 1986 wendete Hermlin sich gegen die Relegation von vier Berliner Schülern aus politischen Gründen, später –1989 – gegen Übergriffe der Polizei auf Demonstranten. 

Es bleibt auch das Urteil von Kollegen, die des Anbiederns unverdächtig sind – so des Lyrikers Rainer Kirsch, der 1997 über Hermlin sagte: "Ein Verteidiger der Kunst in Zeiten, da die Unkunst auftrumpfte ... Und ein aufrechter Mann; wenn es zu DDR-Zeiten schlimm kam, wussten wir, da war Stephan Hermlin, auf den war Verlass."

Wolf Biermann bei einem Auftritt Anfang 60er Jahre
Stephan Hermlin (hinten) gehörte 1976 zu den Initiatoren des Protests gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Bildrechte: MDR/Bundesarchiv Bildarchiv

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2022 | 06:40 Uhr

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