"Klassenbeste" von Marlen Hobrack Autobiografisches Sachbuch: Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet

Als alleinerziehende Ostdeutsche, die mit 19 Mutter wurde, hat Marlen Hobrack Klassenunterschiede schon oft zu spüren bekommen. In ihrem persönlichen Sachbuch "Klassenbeste" analysiert die inzwischen erfolgreiche Journalistin aus Bautzen, welchen Einfluss ihre Herkunft aus einer bildungsfernen Familie auf ihr Leben hatte – und schlägt zugleich eine Brücke vom Privaten zum Gesellschaftlichen.

Buchcover: "Klassenbeste" von Marlen Hobrack
In ihrem Sachbuch "Klassenbeste" zeigt Marlen Hobrack, wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Herkunft ist ein Thema, das uns alle betrifft – jeder von uns kommt schließlich irgendwo her. Allerdings machen wir uns oft erst Gedanken darüber, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir aufgrund unserer Herkunft anders betrachtet oder behandelt werden. Menschen mit Migrationshintergrund kennen diese Erfahrung nur allzu gut und es sind bereits viele Bücher darüber erschienen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Doch auch wer nicht eingewandert ist oder Eltern hat, die anderswo geboren wurden, wird an seine oder ihre Herkunft erinnert, wenn es um die Frage geht, welcher sozialen Klasse man entstammt.

Katrin Schumacher 17 min
Bildrechte: MDR/Hagen Wolf
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 15.08.2022 17:11Uhr 16:53 min

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Persönliches Sachbuch über Bildungsaufstieg

Gerade Akademikerkreise werden dominiert von einer gutbürgerlichen Mittelschicht und es herrscht großes Erstaunen, wenn innerhalb dieser Kreise jemand anders aufgewachsen ist, darüber sprechen möchte und dazu auch noch schmerzhafte Fragen stellt. Die Leipziger Journalistin und Autorin Marlen Hobrack sagt über sich selbst, dass sie aus einem "bildungsfernen Haushalt" stammt und deshalb oft "feine Unterschiede" zu gutbürgerlichen Schichten wahrnimmt. Nun hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie diese privaten Erfahrungen mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten verknüpft.

Schon im ersten Satz ihres Buches steht es klipp und klar: "Ich stamme aus einem bildungsfernen Haushalt". Ohne höheren Schulabschluss hätten ihre Eltern ein Leben lang gearbeitet, der Vater in vielen verschiedenen Jobs, die Mutter als Verkäuferin, Sachbearbeiterin und Reinigungskraft. Dass die Autorin selbst studiert hat und heute als Journalistin für große deutsche Zeitungen arbeitet, ist einem Bildungsaufstieg geschuldet, der sie jedoch nicht hat vergessen lassen, wo sie herkommt. Im Gegenteil.

Marlen Hobrack vor schwarzem Hintergrund
Marlen Hobrack wurde 1986 in Bautzen geboren. Bildrechte: © Michael Bader

Als Kind eines Arbeiterhaushalts am Bautzener Gymnasium

Marlen Hobracks Buch "Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet" handelt gerade davon, welchen Einfluss ihre Herkunft auf ihr Leben hatte und immer noch hat. 1986 in Bautzen geboren, besuchte Marlen Hobrack erst die sorbische Grundschule, dann das sorbische Gymnasium. Dort erlebte sie ein vergleichsweise homogenes Umfeld, in dem kurz nach der deutschen Wiedervereinigung soziale Unterschiede kaum eine Rolle spielten.

Meine Kindheit war geprägt von der Normalitätsvorstellung: Ich bin so wie die anderen, die anderen sind so wie ich. Dass meine Eltern bildungsfern waren und dass sie eine einfache Ausbildung hatten, das war gar nicht relevant.

Marlen Hobrack

"Meine Kindheit war geprägt von der Normalitätsvorstellung: Ich bin so wie die anderen, die anderen sind so wie ich. Dass meine Eltern bildungsfern waren und dass sie eine einfache Ausbildung hatten, das war gar nicht relevant", erzählt Hobrack. Sie habe es in der Schule unglaublich leicht gehabt und sei eine gute Schülerin gewesen: "Deshalb war auf dem Feld der Bildung die Erfahrung der Differenz nicht gegeben oder das Gefühl, ich gehöre hier gar nicht hin oder kann gar nicht mithalten."

Buch erinnert an Pierre Bordieus "feinen Unterschiede"

Erst als sie mit 19 ein Kind bekam und sich an der Uni in gesamtdeutschen akademischen Kreisen bewegte, wurde Marlen Hobrack klar, dass es im Sinne des französischen Soziologen Pierre Bourdieu durchaus "feine Unterschiede" gab zwischen ihr und den Kindern aus gutbürgerlichen Haushalten. Diese Unterschiede beschreibt Marlen Hobrack in ihrem Buch nicht nur, sondern schlägt zugleich eine Brücke vom Privaten zum Gesellschaftlichen.

So erzählt sie liebevoll und mit großem Respekt von ihrer Mutter, erklärt aber zugleich, wie die als "Frau ihrer Klasse" exemplarisch für viele Arbeiterinnen steht. In den aktuellen Debatten um Identität oder weibliche Selbstermächtigung kommen diese Arbeiterinnen jedoch nicht vor. Einerseits weil sie kaum sichtbar sind und andererseits, weil sie selbst nicht gelernt haben, ihre Stimme zu erheben.

Die Klassenfrage aus weiblicher Perspektive

Ihre Mutter sei ein Beispiel für viele Frauen ihrer Schicht und Generation, erklärt Hobrack: "Man hat es ihr beigebracht und übergestülpt, dass sie keine eigenen Bedürfnisse, keine eigenen Interessen und Wünsche zu haben hat, sondern dass sie für Arbeit geboren ist. Egal ob für Produktion oder Reproduktion, sie ist für Arbeit gemacht und das wirkt auch bis heute nach".

Man kann die Frau aus der Klasse nehmen, aber man kann die Klasse nicht aus der Frau herausholen

Marlen Hobrack

Bis jetzt, mit fast 70 Jahren, falle es ihrer Mutter noch immer schwer, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und gegenüber anderen zu behaupten. "Deswegen die Annahme, man kann die Frau aus der Klasse nehmen, aber man kann die Klasse nicht aus der Frau herausholen", erklärt die Autorin.

Gesellschaftliche Spaltung in Ost und West, in Oben und Unten

Doch auch ihre Herkunft aus Ostdeutschland macht Marlen Hobrack explizit zum Thema und macht Unterschiede aus, nämlich darin, was man in Ost und West unter gesellschaftlicher Mitte verstünde. Historisch bedingt würden hier wie dort andere kulturelle Werte nachgelebt, was dazu führe, dass die Ostdeutschen sich missverstanden fühlten und die gesamtdeutsche Politik an den Ostdeutschen vorbeiregiere.

Wie aber könnte die gesellschaftliche Spaltung in Ost und West, in Oben und Unten überwunden werden? Für Marlen Hobrack liegt die Lösung in der Schule. So wie sie sich selbst als Kind eines Arbeiterhaushaltes im Bautzener Gymnasium nicht fremd fühlte, so müsste es auch heute funktionieren. Allerdings käme es darauf an, Kinder aus belasteten Familien nicht zu stigmatisieren, sondern auf ihre individuellen Bedürfnisse zu reagieren. "Kinder aus bildungsfernem Elternhaus versagen nicht in der Schule, weil die Eltern zu Hause nicht vorlesen. Sondern da gibt es oft ganz komplexe und schwierige Muster, wie auch in dem Elternhaus meiner Mutter", so Hobrack.

Wie Herkunft und Klassismus die Gesellschaft nicht mehr spalten

"Da gibt’s nicht nur Bildungsferne, da gibt es manchmal Depressionen, vielleicht auch Suchtprobleme, da gibt es ökonomische Probleme, Sorgen, man ist immerzu in seiner Existenz bedroht. Da geht ein Kind nicht in die Schule und sagt, heute lerne ich das Alphabet und bin ein fröhliches Schulkind", erklärt die Autorin. "Ich möchte, dass die Mittelschicht, die diese Verhältnisse nicht aus der Innenschau kennt, das versteht." Dieses Verständnis sei der erste Schritt, um politische Debatten und Entscheidungen zu verändern."

Es ist eine Stärke von "Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet", dass Marlen Hobrack nicht nur sehr offen und eindrucksvoll von sich und ihren Eltern erzählt, sondern dass sie daraus kluge gesellschaftliche Schlüsse zieht. Die sind nicht immer unbedingt neu, aber sie bekommen durch die autobiografischen Bezüge Marlen Hobracks eine überzeugende Dringlichkeit.  

Infos zum Buch

Buchcover: "Klassenbeste" von Marlen Hobrack
Bildrechte: Carl Hanser Verlag

"Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet"
Marlen Hobrack

Verlag Hanser Berlin
224 Seiten
22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. August 2022 | 08:10 Uhr

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