Aufarbeitung Deutschland nach Auschwitz: Verdrängen als Strategie des Weiterlebens

Der Historiker Götz Aly ist einer der wichtigsten deutschen Holocaustforscher. Mit seinen Thesen über die Gründe des Massenmords an den Juden hat er immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt. MDR KULTUR-Redakteur Stefan Nölke hat mit Götz Aly aus Anlass der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren gesprochen.

Holocaust Mahnmal in Berlin
Erst seit 1996 ist der 27. Januar offizieller Holocaust-Gedenktag, 2005 wurde dann in Berlin das Holocaust-Mahnmal eingeweiht. Bildrechte: IMAGO

Wie kaum ein zweiter Historiker hat sich Götz Aly in seinen Büchern immer wieder mit den Gründen für den Massenmord an den Juden auseinandergesetzt. Angesprochen auf die Frage, inwieweit das Grauen im Vernichtungslager Auschwitz fassbar sei, muss Aly ausholen: "Die Pflicht von Historikern ist, Dinge zu erklären, Ursachen zu benennen, langfristige Entwicklungen, die Dinge genau zu beschreiben. Und da sieht man schon, wie sehr wir als Zunft scheitern."

Es gibt bis heute kein kompaktes Buch über Auschwitz.

Götz Aly, Historiker

Verdrängen als Strategie des Weiterlebens?

Mit großer Mehrheit hatten die Deutschen die Nazi-Diktatur mitgetragen. Hunderttausende wurden Mitwissende, Täterinnen oder Täter. Nach Kriegsende setzte in Teilen der Gesellschaft dann das Verdrängen ein. Götz Aly erklärt: "Verdrängen ist eine Strategie des Weiterlebens. Was hätten die Leute machen sollen, wenn sie sich damit vollständig konfrontiert hätten?"

Die Untaten sind zu groß, sodass, glaube ich, nach dem Krieg verdrängt werden musste.

Götz Aly

Gesellschaft nicht bereit für Prozesse?

Aly zieht einen Vergleich zu den späten Prozessen gegen ehemalige KZ-Wächter: "Wir zerren ja jetzt manchmal vierundneunzigjährige Greise vor Gericht, die in irgendeinem Lager gearbeitet haben. Weil sie als 17-Jährige nicht wehrmachtsfähig waren und dann zum KZ kamen als Wachleute. Wenn wir 1960 nach diesen Kriterien vorgegangen wären, dann hätten wir 300.000 bis 400.000 deutsche Männer und Frauen wegen Mord und Beihilfe zum Mord anklagen müssen." Das hätten weder die DDR noch die Bundesrepublik oder Österreich ertragen.

Aufarbeitung durch neue Generation

In den 60er- und 70er-Jahren habe es in der alten Bundesrepublik jährlich etwa 30 Schwurgerichtsprozesse zu NS-Verbrechen gegeben. "Objektiv gesehen ist es eine lächerlich kleine Zahl", ordnet Aly ein und erklärt: "Das war das Maximum, was die deutsche Gesellschaft damals ertrug." Es war ein langer und schwieriger Prozess, bis 1996 der 27. Januar als Tag der Befreiung von Auschwitz zum Gedenktag erklärt und noch einmal neun Jahre später das Holocaust-Mahnmal in Berlin eingeweiht wurde.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Diskurs | 25. Januar 2020 | 19:05 Uhr

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