Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar zeigt Cranach: Ein früher Meister des "Hate Speech"

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ist mit ihrem historischen Bücherschatz und dem opulenten Rokokosaal schon seit langem einer der großen Kulturorte in der Klassikerstadt. Nun aber lohnt sich ein erneuter Besuch. Denn in der Bibliothek wurden einige Räume umgestaltet, andere überhaupt erst zugänglich gemacht. Zudem gibt es hier ab sofort Spitzenkunst von Cranach zu entdecken.

Lucas Cranach der Ältere, Martin Luther als Junker Jörg, ölhaltige Farben auf Buchenholztafel, um 1521–1522
Lucas Cranach der Ältere: Martin Luther als Junker Jörg (ölhaltige Farben auf Buchenholztafel, um 1521–1522) Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Da hängt er, in einem dunklen Rahmen vor einem seegrünen Hintergrund im Schummerlicht: Martin Luther als Junker Jörg, gemalt 1521 von Lucas Cranach dem Älteren. Vier Jahre war dieses weltberühmte Gemälde, das unser Lutherbild bis heute prägt, wegen Platzmangels im Depot versteckt. Jetzt hat es, gemeinsam mit weiteren Werken von Cranach dem Jüngeren, dem Älteren und der Werkstatt eine neue Heimat gefunden im Renaissancesaal der Anna Amalia Bibliothek.

"Cranachs Bilderfluten", so lautet der Titel dieser auf einige Jahre angelegten Schau. Kurator Sebastian Dohe will hier nicht einfach nur Spitzenkunst ausstellen, er möchte sie in einen zeitgemäßen Kontext einbetten, Cranach neu erklären: als einen hochproduktiven Künstler, der in einer bilderarmen Zeit die Bevölkerung mit seinen Werken geradezu überwältigte. Und der ordentlich mitmischte beim Kampf um den wahren Glauben:

Es ging damals auch darum, die jeweils andere Seite mit Bildern zu verunglimpfen. Man könnte es auch Hate Speech nennen, was Cranach gemacht hat.

Sebastian Dohe, Kurator

Mit einer Besonderheit allerdings: Cranach arbeitete nicht nur für Luther, sondern auch für dessen Gegenspieler. Alle wollten eben den Besten beauftragen, so bediente der Künstler mit seinen Bildermassen alle Seiten.

Cranach ins Heute holen

Rund 40 Exponate sind nun im Renaissance-Saal zu sehen: Gemälde, Buchgrafiken, Zeichnungen, Medaillen. Alle paar Monate sollen künftig einzelne Stücke ausgewechselt werden, um diese Sammlung von Weltrang in ihrer ganzen Vielfalt zu präsentieren. Zwischen den Objekten stehen Medienstationen – unter anderem ein großer Bildschirm, auf dem Fotografien aus unserer heutigen Welt durchlaufen. So wird etwa ein Bild von zwei Wrestlern gezeigt, die miteinander kämpfen: "Wir sehen dunkle Hautfarbe, verschwitzte Körper, muskelbepackt", so Dohe, "und wir sehen auf der gleichen Sichtachse ein ganz ähnliches Bild von Cranach: Männer mit muskelbepackten Körpern, die sich mit hoher Gewalt tatsächlich zu Tode prügeln."

Lucas Cranach der Ältere (Werkstatt), Gesetz und Gnade, ölhaltige Farbe auf Rotbuchenholztafel, um 1535–1540
Lucas Cranach der Ältere (Werkstatt): Gesetz und Gnade (ölhaltige Farbe auf Rotbuchenholztafel, um 1535–1540) Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Lucas Cranach der Jüngere, Caritas, ölhaltige Farbe auf Rotbuchenholztafel, um 1540
Lucas Cranach der Jüngere: Caritas (ölhaltige Farbe auf Rotbuchenholztafel, um 1540) Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Zeitreise durch die Bibliothek

Die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart bauen, Cranach auch für jüngere Generationen interessant machen, das ist das Ziel dieser kleinen Schau im Erdgeschoss der Anna Amalia Bibliothek.

Hier sollen Besucherinnen und Besucher künftig ihren Weg durch die heiligen Bücherhallen beginnen. Direktor Reinhard Laube will so deutlich machen, dass die Bibliothek nicht nur fürs 18. Jahrhundert steht, wie bislang oft beworben, sondern auf eine lange, wechselhafte Geschichte zurückblicken kann: "Wir laden ein, auf einem Rundgang vom 16. bis ins 21. Jahrhundert diese Räume zu erfahren. Wir wollen dafür werben, dass es nicht nur um Bücher geht, sondern auch um Bilder und Räume."

Bücherturm mit Militärbibliothek

Bücherturm in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Foto: Hannes Bertram
Bücherturm in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Bildrechte: Foto: Hannes Bertram, Klassik Stiftung Weimar


Laube will dementsprechend nicht nur von Bilderfluten sprechen, sondern auch von Text- und Raumfluten. So ist ab sofort ein weiterer beeindruckender Ort in der Bibliothek besser zugänglich: Im Rahmen von wöchentlichen Führungen kann man den Bücherturm besichtigen, der unter anderem eine Militärbibliothek beherbergt. Ein geradezu schwindelerregendes Erlebnis, ein runder Turm, in dessen Mitte sich eine hölzerne Wendeltreppe hinaufschwingt, die drei Galerien voller Bücher luftig miteinander verbindet. Diese Bibliothek flutet die Sinne - nicht nur mit dem Rokoko-Saal.

Blick hinter die Kulissen, Restauratorin Anne Levin zeigt Cranach-Exponate im Zentralen Museumsdepot
Blick hinter die Kulissen, Restauratorin Anne Levin zeigt Cranach-Exponate im Zentralen Museumsdepot Bildrechte: Gordon Welters

Informationen Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Platz der Demokratie 1
99423 Weimar

Öffnungszeiten:
Di–So (Mo geschlossen)
9:30–18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2022 | 07:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR