Doppelausstellung Neue Leipziger Schule: iPad-Kunst in Leipziger Spinnerei zu sehen

Der Maler Matthias Weischer gilt als einer der Protagonisten der sogenannten Neuen Leipziger Schule, hoch dotiert werden seine Gemälde auf dem internationalen Kunstmarkt gehandelt. Nun feiert er in der Leipziger Spinnerei-Galerie "Thaler Originalgrafik" gleich zwei Premieren: Zum ersten Mal stellt er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Joachim aus und präsentiert – ebenfalls zum ersten Mal – Drucke, die auf Zeichnungen mit dem iPad basieren. Und dann ist da noch die Sache mit den Blumensträußen.

In einem Ausstellungsraum hängen verschiedene Bilder.
In der Schau "Broncos" werden zum ersten Mal Werke von Matthias und Joachim Weischer zusammen gezeigt. Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Mit Interieurs war Matthias Weischer in den Nuller-Jahren international bekannt geworden, danach wechselte er die Motivik. "Düster-melancholisch, magisch-real", urteilte damals die Kritik. Was bei dem Maler indessen weniger eine Rolle spielt, sind Humor und Ironie. Die bringt nun sein älterer Bruder Joachim mit in die neue Schau "Broncos" der Leipziger Spinnerei-Galerie "Thaler Originalgrafik", die zum ersten Mal überhaupt Werke der Gebrüder Weischer gemeinsam zeigt.

Matthias Weischer, Protagonist der Neuen Leipziger Schule, malt und druckt seit einiger Zeit wieder menschenleere Interieurs: harmlos wirkende Innenansichten, sparsam möbliert, inzwischen nicht mehr in fahlen, sondern in poppigen Farben. Und natürlich gibt es kunsthistorische Anspielungen.

Matthias Weischer: o.T., 2021, 117x175 cm, iPad Zeichnung, C-Print, gerahmt
Matthias Weischer: ohne Titel, 2021, 117x175 cm, iPad-Zeichnung, C-Print, gerahmt Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Betrunkene Zausel mit dicken Bärten

Joachim Weischer: o.T. (Portrait 7), 2021, 40 x 30 cm, Öl auf Leinwand
Joachim Weischer: ohne Titel (Portrait 7), 2021, 40 x 30 cm, Öl auf Leinwand Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Joachim Weischer hat ebenfalls ein Faible fürs Merkwürdige, nur dass er im Gegensatz zu seinem Bruder Menschen malt, merkwürdige Menschen: Zausel mit dicken Bärten und leicht entgleistem Blick, etwas betrunken, dringend trostbedürftige Männer.

Galerist Ulrich Thaler erklärt: "Charaktereigenschaften, die er einfach mal malen wollte. Man begegnet einfach einer Person, das bleibt im Kopf und das möchte man einfach mal in seiner Sprache zeigen. Das kann ein Porträt sein, obwohl man vielleicht eine Katze gesehen hat, die einen an irgendeinen Menschen erinnert."

Gemeinsam mit seinem Bruder Joachim und noch zwei weiteren Brüdern ist Matthias Weischer im westfälischen Elte aufgewachsen. Sein Bruder Joachim war es, der Matthias Weischer nach Leipzig zum Kunststudium lockte, wo er 2003 als Meisterschüler von Sighard Gille abschloss.

Von der Fotografie zu Gemälden

Joachim Weischer: o.T. (Aussicht), 2021, 100 x 80 cm, Öl auf Leinwand
Joachim Weischer: o.T. (Aussicht), 2021, 100 x 80 cm, Öl auf Leinwand Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Joachim Weischer studierte an der Universität Duisburg-Essen Fotografie. Hin und wieder malt er auch, wenn auch auf anderem Niveau als sein Bruder Matthias, dessen Öl-Gemälde, von der Kunsthistorie hochgeschätzt, international im sechsstelligen Euro-Bereich gehandelt werden. Die Galerie Thaler Originalgrafik zeigt nun von Joachim Weischer Gemälde und von Matthias Weischer erstmals Drucke, deren Grundlagen Zeichnungen sind, die der Künstler mit dem iPad gemalt hat.

Ulrich Thaler führt aus: "Man soll natürlich beim näheren Herantreten schon sehen, dass es eine digitale Sache ist und den digitalen Strich soll man schon erkennen. Es soll jetzt nicht vorgetäuscht werden, dass es eine Fotografie oder Reproduktion von einer Malerei ist, sondern, dass es eben das ist was es ist – eine iPad-Zeichnung."

Matthias Weischer: o.T., 2021, 100 x 117 cm, iPad Zeichnung, C-Print, gerahmt
Matthias Weischer: o.T., 2021, 100 x 117 cm, iPad-Zeichnung, C-Print, gerahmt Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Blumensträuße am iPad zeichnen

Wer mit dem iPad digital malen will wie mit Öl auf Leinwand, muss wissen, wie zweites geht. Das ist die Schwierigkeit, die für Matthias Weischer jedoch keine Hürde darstellt. Anders als für viele andere Künstler, die es dieser Tage mit dem iPad versuchen – teils mit zweifelhaftem Ausgang.

Matthias Weischer: o.T., 2021, 67 x 52 cm, iPad Zeichnung, C-Print, gerahmt
Matthias Weischer: o.T., 2021, 67 x 52 cm, iPad-Zeichnung, C-Print, gerahmt Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Rätsel geben indessen die vielen Blumensträuße in Vasen auf, die Weischer in seinen bühnenartig gebauten Räumen zelebriert. Blumensträuße gehen immer, wurden aber kunsthistorisch schon mehr als einmal für tot erklärt. Ist hier doch Ironie im Spiel?

Matthias Weischer erklärt: "So bewege ich mich ja auch immer in Sujets, die irgendwie schon auch eine Vorgeschichte haben und ich habe nie irgendwie Berührungsängste. Ich male Interieurs, ich male Blumensträuße, ich mache Porträts, ich mache diese ganzen klassischen Sujets, die aber Menschen schon immer interessant und auch schön fanden. Und warum sollte man das heute nicht machen? Und gerade auch mit einem neuen Medium hat man auch noch mal die Gelegenheit, so ein Motiv, das abgegriffen oder besetzt scheint, neu zu sehen."

Ob mit oder ohne Blumensträuße: Aus den menschenleeren Interieurs und den seltsamen Wesen der Gebrüder Weischer ergibt sich eine Schau mit leiser und geheimnisvoller Spannung, den Schuss Ironie nicht zu vergessen.

In einem Ausstellungsraum hängen verschiedene Bilder.
Die Räume der Schau sind bühnenartig gebaut. Bildrechte: Uwe Walter, Berlin

Mehr Informationen Matthias und Joachim Weischer: "Broncos"
Gemeinschaftsausstellung

Thaler Originalgrafik
Spinnereistraße 7 / Halle 18
04179 Leipzig

Öffnungszeiten
Mittwoch bis Freitag: 13 bis 17 Uhr
Samstag: 11 bis 15 Uhr

Die Schau wurde bis zum 23. Dezember 2021 verlängert.

"Neue Leipziger Schule"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Dezember 2021 | 06:10 Uhr

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