Gabriele Koerbl Magdeburg: Forum Gestaltung entdeckt vergessene DDR-Künstlerin neu

Ob Puppen für einen DEFA-Film oder Bühnenbilder für das Theater Altenburg: Gabriele Koerbl war in der DDR eine außergewöhnlich vielseitige Künstlerin. Neben Ausstattungen für Film und Theater hat Koerbl Bücher illustriert und sich der Bildenden Kunst zugewandt. Heute gilt die Künstlerin, die 2007 verstarb, als weitgehen vergessen. Das Forum Gestaltung in Magdeburg will das nun mit der Ausstellung "Penthesilea aus dem Oderbruch" ändern. Eine sehenswerte Neuentdeckung, findet unsere Landeskorrespondentin Sandra Meyer.

Zwei abstrakte Gemälde hängen von der Decke in einem Ausstellungsraum. 4 min
Bildrechte: Forum Gestaltung e.V.

Grünunterlaufende Augen, ein Vogel der aus einem Schädel zu wachsen scheint, wie eine Phalanx grotesker Gesichter. Verstörend, mystisch oder mythisch wirken die Porträts von Gabriele Koerbl, die im Forum Gestaltung mitten im Raum von der Decke hängen. Auf blutrotem Grund kann man sich den brachialen Charakterstudien vis-à-vis nähern.

Kurator Nobert Eisold muss beim Blick auf den Ausstellungsraum an das Bild eines Waldes denken: "Wenn man dann so durchgeht, ist es eigentlich fast ein bisschen wie bei 'Unter dem Milchwald' von Dylan Thomas, wo dann die einzelnen Gesichter und Stimmen auftauchen, die so unterschiedlich sind, vom Nachtmahr bis zum Kindergesicht." Das seien Bilder, die man nicht beschreiben könne. "Da bleibt man immer dahinter zurück", so Eisold.

Bilder hängen in einer Ausstellung an Wänden.
Eine Reihe von Porträts von Gabriele Koerbl Bildrechte: Norbert Pohlmann

Eine Ausnahmeerscheinung in der DDR-Kunstszene

Bilder hängen in einer Ausstellung an Wänden.
Blick in den Ausstellungsraum des Forum Gestaltung in Magdeburg Bildrechte: Norbert Pohlmann

Koerbl hat diese Bilderserie in ihren letzten Lebensjahren auf Martinique gemalt, dorthin war sie vom brandenburgischen Oderbruch 2002 ausgewandert: Sie nennt sie "Kreolische Masken": In knalligen Farben kämpft sie quasi mit dem menschlichen Antlitz – bis zum Verschwinden des Gesichts, so Kurator Norbert Eisold. Für Koerbl sei typisch, Gedanken und Visionen, ob malerisch oder visuell, bis ans Ende zu treiben. "Bis es eigentlich schmerzhaft wird und gar nicht mehr weitergeht."

Schonungslos, auch mit sich selbst, blickt Koerbl vor allem auf die menschliche Figur. Mit expressionistischen Zügen, die an Ernst Ludwig Kirchner erinnern, setzt sie sich auch mit dem Thema "Paarbeziehungen" auseinander: von sexueller Obsession bis zur geistigen Liebe. Dabei sind ihre farbgewaltigen Kreidezeichnungen meist inspiriert durch literarische Vorlagen, wie Heiner Müllers "Macbeth" oder Heinrich von Kleists "Penthesilea". In dieser Expressivität war sie damit zu DDR-Zeiten sicherlich eine Ausnahmeerscheinung, sagt Eisold.

Beispiellose Unabhängikeit trotz Auftragsarbeiten

Neben Koerbl habe es eine ganze Reihe an Künstlern, wie Hartwig Ebersbach, gegeben, die eine expressive Bildsprache prägten, wo der Ausdruck im Vordergrund stand und nicht das intellektuelle Kalkül, so Eisold. "Aber ich denke, sie ist insofern schon ein Sonderfall". Denn Koerbls Bildsprache sei beispiellos in der Kunstlandschaft der 70er- und 80er-Jahre. "Da war sie weitgehend unabhängig", ergänzt der Kurator.

Bilder hängen in einer Ausstellung an Wänden.
Wandbild (Detail) von Gabriele Koerbl Bildrechte: Norbert Pohlmann

Diese "Unabhängigkeit" zeigt sich auch in einem ganz anderen Genre – einem Wandbild aus den 80er-Jahren zum Thema der Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft. Ungewöhnlich ist das Wandbild nicht nur, weil eine LPG dieses Werk in Auftrag gegeben hat – sondern auch wegen der "Lauterkeit" seiner Umsetzung. Koerbl nehme die Ambivalenzen, die es in der Geschichte gegeben habe, sehr ernst – ohne sie zu verniedlichen oder unter den Teppich zu kehren, so Eisold. "Also ich kenne kein anderes Beispiel, das wirklich so ehrlich mit diesem Gegenstand umgeht, ohne sich über diesen Gegenstand zu erheben oder sich von ihm zu distanzieren."

DEFA-Puppenfilm von Gabriele Koerbl ausgestattet

Diese eigenwillige Herangehensweise entdeckt man bereits in ihren Bühnenentwürfen: Seit den 70er-Jahren arbeitet Koerbl mit wichtigen ostdeutschen Bühnenregisseuren, wie Peter Konwitschny. Aber sie fertigt auch die Ausstattung, also Figuren und Bühne, für den avantgardistischen DEFA-Puppenanimationsfilm "Die Suche nach dem Vogel Turlipan". Die Ausstattung zeichne sich durch die Verwendung von profanen Mitteln aus: "Da werden Zahnbürsten oder Pinsel als Bäume verwandt oder eine Insel aus alten Porzellanscherben gebaut. Und es entsteht ein ganz zauberischer und merkwürdiger und tiefgründiger Film", so Eisold.

Tatsächlich schafft es Koerbl mit scheinbar einfachsten Mitteln eine immense Wirkmacht zu entfalten und blickt mit ihren teils schonungslosen Bilderwelten in die Abgründe menschlichen Seins. Gabriele Koerbl – die Penthesilea des Oderbruchs – eine wunderbare Neuentdeckung.

Weitere Informationen "Penthesilea aus dem Oderbruch"
Ausstellung zu Gabriele Koerbl
13. Januar bis 10. April 2022

Forum Gestaltung e.V.
Brandenburger Str. 9-10
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr

Es gilt die 2G-Regel und eine Maskenpflicht.

Gleichzeitig zur Ausstellung "Penthesilea aus dem Oderbruch" zeigt das Forum Gestaltung die Ausstellung "Heldentum und Trauer des böhmisch-bayrischen Waldes" mit Bildern von Felix Bartl.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2022 | 07:10 Uhr

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