Ausstellung "Pochen"-Biennale in Chemnitz: Mit Kunst die digitale Welt verstehen

Eine neue Vermessung der Welt – das verspricht die "Pochen"-Biennale in Chemnitz. Im Zentrum der Ausstellung im Industrieareal Wirkbau steht der digitale Wandel, dem sich mehr als 20 internationale Künstler*innen und Kollektive multimedial genähert haben. Ihre Medienkunstwerke sollen helfen, die komplexe digitale Welt zu verstehen – und zu hinterfragen. Auch Diskussionen, geführte Walks durch den Stadtraum, Lesungen, Filmvorführungen und Workshops gehören zum Festivalprogramm.

Eine Person steht vor einer grellen Leinwand in blau, gelb und roter Farbe.
Die Medienkunst bei der Chemnitzer Biennale "Pochen" setzt sich 2022 mit dem digitalen Wandel auseinander. Bildrechte: Natalie Bleyl

Was sind Daten und wie erklären sie unsere Welt? Wer im Vorfeld der "Pochen"-Biennale 2022 bei einem der Data-Walk-Workshops in Chemnitz mitgemacht hat, der ist um einige selbst erhobene Datensätze klüger, sagt Sozialwissenschaftler Bennet Etsiwah. Bei den einstündigen Daten-Spaziergängen worden Menschen animiert, Daten über Chemnitz zu erheben: "Vor allem über urbane Themen wie die Qualität von Radwegen, Gehwegen, Grünflächen oder Begegnungen mit anderen Menschen im öffentlichen Raum. Das Thema Sicherheit hat auch eine Rolle gespielt." Entlang dieser Überthemen durften die Personen selber entscheiden: Welche Fragestellung interessiert mich eigentlich in diesem Kontext?

Biennale im Wirkbau Chemnitz will Berührungsängste abbauen

Bennet Etsiwah arbeitet im Berliner "Museum für Werte", einem sozialen Unternehmen, das für die "Pochen"-Biennale 2022 dieses partizipative Format begleitet hat. Die Chemnitzer Datensammler kamen querbeet aus allen sozialen Schichten, Altersgruppen und mit unterschiedlichen medialen Erfahrungen zu den Datenspaziergängen in Chemnitz zusammen. Sie haben unter Anleitung ihre Daten erfasst, im sogenannten Lehr- und Experimentierraum im Wirkbau Chemnitz die Datensätze visualisiert und damit - für das Publikum der "Pochen"-Biennale - den abstrakten Datenkosmos erfahrbarer gemacht.

Ein Person spiegelt sich in Form von Daten auf einem großen Bildschirm.
Interaktive Installation bei der Biennale in Chemnitz von Bernd Lintermann und Peter Weibl. Bildrechte: Natalie Bleyl

Denn die Skepsis, sagt der Berliner Kommunikationspsychologe, sei immer noch groß "sich überhaupt mal mit der Datenerfassung und Datennutzung auseinanderzusetzen. Viele haben auch erlebt, dass dieses Thema, zu dem wir vielleicht auch ein bisschen Berührungsängste haben, in einem vierstündigen Workshop fassbarer wird und sie zu einfachen Erfolgserlebnisse kommen können."

Digitaler Wandel steht im Zentrum der "Pochen"-Biennale

Welche Spielräume und welche Grenzen eröffnen uns Daten? Um dieses Thema kreisen viele Medienkunstwerke auf der 3. "Pochen"-Biennale in Chemnitz. Es ist faszinierend, was sich alles mit diesem "Werkstoff" in der Kunst anstellen lässt. Vier Spieglein an der Wand, zum Beispiel, die beim Vorbeispazieren unsere Datenessenz extrahieren. Oder ein Wunderwald, der nur für die Träger einer Spezialbrille sichtbar wird. Die riesige Datenmenge, die die Kriegsgräuel in Sarajewo für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag dokumentierte, hat Medienkünstlerin Charlotte Eifler um eine eigentlich unsichtbare Datenwolke mit vielen grauen Pünktchen ergänzt. Sie markiert die menschlichen Traumata und macht sie sichtbar.  

Leuchtende Globen hängen von der Decke.
Künstler Ingo Günther visualisiert in Chemnitz Daten mit leuchtenden Globen. Bildrechte: Natalie Bleyl

Neue Multimediakunst für Ausstellung in Chemnitz

Neben historischen und klassischen Positionen von Wolf Kahlen, Ingo Günter und Christina Kubisch werden auch neue Arbeiten gezeigt, die speziell für Chemnitz entstanden sind. "Was eigentlich passiert mit Daten, die von den technischen Systemen nicht zugeordnet werden können?", fragte sich Multimediakünstler Simon Weckert und wurde schnell fündig. "Am Anfang der Pandemie gab es auf der Webseite der John-Hopkins-Universität diese Übersichten mit sehr vielen Covid-Fällen. Pro Land gab es so eine Art Kreisdarstellung und da hat man gesehen, dass auf einmal im Atlantischen Ozean ein riesiger Haufen von Covidcases passiert ist, die aber im Endeffekt nur Daten waren, die nicht richtig zugeordnet wurden."

Daten von Airbnb und Flickr als Kunstwerke

Simon Weckert hat weitergeforscht und festgestellt, dass geografische Daten immer wieder ins Leere gehen – oder besser: ins Meer. Um genau zu sein, zur GPS-Marke 00. Dort fand er auch die meisten Segways registriert. "Man könnte sagen, das ist wie unsere digitale Datenmüllhalde. Allein auf Flickr findet man über drei Millionen Bilder." Als weiteres Beispiel nennt er eine Koordinate bei Airbnb, an der im Meer viele Häuser registriert seien: "Aber da ist keine Insel, da ist nur Wasser."

Ein Ort und doch kein Ort, allein aus Datenmaterial erschaffen. "In gewisser Weise von uns Menschen erschaffen, aber ohne uns Menschen. Man könnte auch sagen, dass hier eine ganz interessante Gesellschaft entsteht. In einer gewissen Weise ist alles möglich", erklärt er. "Null Island" heißt die dreiteilige Arbeit aus Videofilm und einem Werbe-Shop für Fahnen und T-Shirts aus Tausenden Datenbildern, die einladen, diese imaginäre Insel kennenzulernen.

Blick in einen Raum, der an Boden und Wänden mit Fotos beklebt ist.
Auf der "Pochen"-Biennale in Chemnitz zeigt US-Künstler Evan Roth eine Collage aus Fotos vom alltäglichen Surfen. Bildrechte: Natalie Bleyl

Medienkunst aus Japan, Frankreich und den USA

"Die Biennale in diesem Jahr fokussiert sich auf den digitalen Wandel und die Vermessbarkeit der Welt, unsere Handlungen und unser Sein in dieser Welt und wie das durch die Kunst reflektiert wird", sagt Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka, sie hat die dritte Ausgabe der "Pochen"-Biennale in Chemnitz kuratiert und 20 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive aus Japan, Frankreich, Deutschland oder Polen in den Wirkbau Chemnitz eingeladen. "Wir wollen diesen digitalen Wandel hinterfragen und reflektieren, aber auch die Daten als einen Rohstoff für die zeitgenössische Kunst nutzen, als ein plastisches Material, das nicht nur diesen Informationswert hat, sondern eine gewisse Natur, eine Datennatur sozusagen."

Wir wollen diesen digitalen Wandel hinterfragen und reflektieren, aber auch die Daten als einen Rohstoff für die zeitgenössische Kunst nutzen

Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka, Kuratorin

Benjamin Gruner, Projektleiter der Pochen-Biennale 2022 ergänzt: "Wir leben in so einer Art postfaktischen Zeit. Die Corona-Pandemie hat es sehr deutlich gemacht. Wir erleben, dass gar nicht mehr unterschieden werden kann, was ist wahr, was ist falsch? Und eben das wollen wir aufgreifen."

Blick in einen Raum mit symmetrisch aufgestellten Schreibtischen.
Auf der Biennale in Chemnitz untersucht das Künstlerkollektiv Rybn Phänomene im Bereich der Ökonomie und Kybernetik. Bildrechte: Natalie Bleyl

Biennale als Symposium, Ausstellung und Gestaltungsraum

"Pochen", das steht für das Herzpochen, das Pochen auf seine Rechte oder auf seine Position. Auch: das Pochen und Arbeiten im Bergbau, erklärt Benjamin Gruner den Namen der Chemnitzer Multimedia-Biennale, die sich als Symposium, Kunstausstellung und partizipativer Gestaltungsraum für die Zivilgesellschaft versteht und in diesem Jahrgang den unendlichen Datenkosmos ebenso wie unsere Datenkompetenz hinterfragt. Pochen klopft immer auch Umbrüche ab. "Und das wollen wir dem Publikum zeigen: Was sind denn überhaupt Daten? Was sind Informationen? Warum ist es überhaupt relevant, sich damit auseinanderzusetzen?"

Damit schafft die "Pochen"-Biennale spielerisch, historisch, politisch, humorvoll oder sinnlich sehr viele unterschiedliche und faszinierende Zugänge zu einem Mega-Thema unserer Zeit. Wer ein Gespür dafür bekommen will, wie die Kulturhauptstadtbewerbung Chemnitz 2025 zum Turbo wird für neue Vernetzungen zwischen Wissenschaft, Kultur, internationaler Medienkunst und Bürgerschaft, der sollte zur "Pochen"-Biennale nach Chemnitz fahren.            

Angaben zur Ausstellung "Die (neue) Vermessung der Welt"
"Pochen"-Biennale
Vom 29. September bis 9. Oktober 2022

Wirkbau Chemnitz
Gebäude C / 2.OG
Lothringer Straße 11
09120 Chemnitz

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag: 15 bis 19 Uhr
Samstag und Sonntag: 11 bis 19 Uhr

Eintritt: 5 Euro

Am 7. Oktober ist der Eintritt frei.

Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. September 2022 | 16:10 Uhr

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