Kalter Krieg Panzer als militärische Macht der Sowjetunion

Russlands Angriff auf die Ukraine erinnert an Pläne, die die Sowjetunion im Falle eines Angriffs durch die NATO in den 1980er-Jahren schmiedete: In nur sechs Tagen sollte die Bundesrepublik überrannt werden. Die Armeen des Warschauer Vertrags waren denen des Westens dreifach überlegen. Auch Panzer spielten dabei eine große Rolle. Die Führer der Sowjetunion wollten um jeden Preis verhindern, dass noch einmal eine Armee das Land verwüstet, so wie die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Das Szenario im Kalten Krieg sah so aus: Falls die NATO ein Land des Warschauer Vertrags angegriffen hätte, wollte man sofort zum massiven Gegenschlag übergehen. Dafür standen fast 100.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR bereit, unterstützt von sowjetischen Soldaten.

Osten militärisch überlegen

Seie aus dem Handbuch der NVA.
Mit 20.000 Panzern wollten die Truppen des Warschauer Pakts im Falle eines Gegenangriffs schnell Gelände gewinnen. Bildrechte: MDR-Zeitreise

In großen Manövern wurde das geübt, tausende Panzer sollten eingesetzt werden. Sowohl beim Personal, den Panzern, den Raketen und der Artillerie war der Ostblock dem Westen in der Masse weit überlegen. Die politischen Führer der Sowjetunion wollten um jeden Preis verhindern, dass sich die Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs wiederholen, als die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion verbrannte Erde hinterließ, erklärt Militärhistoriker Heiner Möllers.

Was wir wissen, ist, dass die Sowjetunion und ihre politischen Führer wahnsinnige Angst davor hatten, dass so was noch mal passiert. Als militärische Erfahrung daraus hat eben die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Truppen nicht so abgerüstet wie der Westen.

Heiner Möllers, Militärhistoriker, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften Potsdam MDR Zeitreise

Sowjetunion mit Millionen Soldaten

Daher habe die Sowjetunion immer mehrere Millionen Soldaten gehabt und nach dem Grundsatz "Angriff ist die beste Verteidigung" geplant. Diese Offensivdoktrin war bis weit in die späten 80er-Jahre bestimmend, erläutert Oberstleutnant Heiner Möllers. Er beschäftigt sich am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam auch damit, wie eine militärische Auseinandersetzung zwischen Warschauer Pakt und NATO ausgesehen hätte. Die Pläne dafür waren in den 80er-Jahren streng geheim.

Warschauer Pakt: Antwort auf NATO-Gründung

Offiziell wurde die Entspannungspolitik propagiert. "Warschauer Pakt" - das ist die im Westen geprägte Bezeichnung für das Büdnis "Warschauer Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand". Acht sozialistische Staaten hatten den Warschauer Vertrag 1955 unterzeichnet. Tatsächlich ging es damals vor allem um eine Antwort auf die Gründung der NATO.

NATO versucht, zu beruhigen

Seie aus dem Handbuch der NVA.
"Die Bundeswehr ist eine imperialistische Armee", heißt es auf einer Seite aus dem Handbuch der NVA. Bildrechte: MDR-Zeitreise

Bei NATO-Manövern waren in den 1980er-Jahren Beobachter aus dem Osten zugelassen. Damit wollte man zeigen, dass der Westen nicht angreifen wolle. Lothar Rühl erklärte dazu 1987 für das Bundesverteidigungsministerium: "Die Manöverbeobachtungen bei uns sollen Ihnen deutlich machen, dass wir nichts zu verbergen haben. Und dass von unserer Seite keine Gefahr für den Frieden ausgeht." Doch die NVA-Offiziere ließen sich davon nicht beruhigen. Einer von ihnen äußert sich in der ARD im September 1987 zurückhaltend: "Wir haben bisher die Möglichkeiten bekommen, die erforderlich waren zur Erfüllung der gestellten Aufgabe." In einem Handbuch der Nationalen Volksarmee wird es deutlicher, darin heißt es: "Die Bundeswehr ist eine imperialistische Armee. Sie ist aggressiv, reaktionär und zutiefst menschenfeindlich." Auch die Berichterstattung des DDR-Fernsehens unterstellte der NATO schon 1978, einen Angriff vorzubereiten. Das war die im Kalten Krieg übliche ideologische Vorbereitung auf einen möglichen Angriff auf den Westen.

Westen rechnete mit Panzer-Angriff

Seitens des Westens sei man immer davon aus gegangen, dass die Armeen des Warschauer Vertrags im Kriegsfall "in kühnem Angriffsschwung" durch die norddeutsche Tiefebene, durch das hessische Bergland oder vielleicht sogar über Österreich und das Donautal angreifen würden, erläutert Heiner Möllers.

Mit vor allem gepanzerten Verbänden wäre versucht worden, einen Durchbruch zwischen den alliierten Streitkräften hier in Deutschland zu erzielen, um möglichst schnell an den Rhein und noch weiter zu kommen.

Heiner Möllers, Militärhistoriker, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften Potsdam MDR Zeitreise

Um schnell Gelände zu gewinnen wollten die Truppen des Warschauer Pakts vor allem ihre über 20.000 Panzer nutzen. Die Ost-Panzer der T-Serie waren den westlichen Panzern, wie dem Leopard, technisch unterlegen.

Wenn Sie einen Geländeabschnitt besetzen und halten wollen, brauchen Sie auch Waffensysteme, die das vermitteln, die das durchsetzen. Da ist ein Panzer immer das erste Mittel der Wahl, weil sie damit eine Position definieren.

Heiner Möllers, Militärhistoriker, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften Potsdam MDR Zeitreise

Russische Panzer bei Angriff auf die Ukraine

Seie aus dem Handbuch der NVA.
Panzer in der Ukraine: Panzer haben bis zum heutigen Tag nichts an Kampfkraft verloren. Bildrechte: MDR-Zeitreise

Auch im russischen Krieg in der Ukraine spielen Panzerverbände eine große Rolle - massenhaft eingesetzt, massenhaft zerstört. Darunter befinden sich auch welche, die schon zu Zeiten der Sowjetunion produziert worden sind. Heiner Möllers schätzt die Zahl der russischen Panzer auf 8.000 bis 9.000 Stück. Es seien ganz unterschiedliche Typen darunter, neben neueren T 72, T 80 oder T 90 auch alte T 62, die eingesetzt würden, weil es an den neueren mangele. Damit hätte die russische Armee aber nicht die erhofften Erfolge erzielt, recherchiert Heiner Möller in Webportalen.

Russland kalkuliert Verluste von Menschenleben ein

Der Tod von Soldaten wurde für die Erringung militärischer Ziele billigend in Kauf genommen. Diese Verluste werden auf eine Weise kompensiert, welche die sowjetische Militärführung schon während des Zweiten Weltkriegs praktizierte. Die Erfolge der Roten Armee wurden mit einem hohen Blutzoll bezahlt. Das ist es bis zum heutigen Tag geblieben, so der Militärexperte Moellers. Bei den Angriffsszenarien der 80er-Jahre geht er heute davon aus, dass Panzerdivisionen auf breiter Front in Gefechte eingegriffen hätten. Dahinter hätten weitere Verbände gewartet, um mögliche Durchbrüche nutzen zu können.

Aber ob die jetzt diesen taktischen Erfolg mit 30, 40, 50 Prozent Ausfällen hätten bezahlen müssen, das scheint in der ganzen sowjetischen und russischen Militärdoktrin vollkommen gleichgültig zu sein. Die Entschlossenheit, ungeachtet irgendwelcher Opferzahlen einen Erfolg erreichen zu wollen. Die ist, glaube ich, unverändert da.

Heiner Möllers, Militärhistoriker, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften Potsdam MDR Zeitreise

Wie viele russische Soldaten tatsächlich schon im russischen Angriffskrieg in der Ukraine gestorben sind, kann nur geschätzt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise - Die Rückkehr der Panzer | 10. Juli 2022 | 22:00 Uhr