Lexikon: Kinderbetreuung und Kirche Christliche Kindergärten in der DDR: Erzieherin Evelyne Marwitz im Interview

Der Kindergarten gehörte in der DDR ganz selbstverständlich zum Alltag. Doch die meisten Kindergärten standen unter staatlicher Trägerschaft, kirchliche Kinderbetreuung waren eher die Ausnahme. Evelyne Marwitz arbeitete seit Mitte der 1970er Jahre als Erzieherin im Kindergarten der evangelischen Kreuzgemeinde in Magdeburg.

Kinder waschen sich unter Anleitung der Erzieherin in einem Kindergarten an einem Waschbecken die Hände
In der DDR gab es neben den staatlichen Einrichtungen auch einige kirchliche Kindergärten. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

MDR: Wie kamen Sie in einen kirchlichen Kindergarten?

Marwitz: Eigentlich mehr zufällig. Ursprünglich war ich Schaltanlagenmonteur in einem Magdeburger Großbetrieb. Nach der Geburt meines Sohnes war ich zweieinhalb Jahre zu Hause. Da bot sich die Möglichkeit, in dem kirchlichen Kindergarten anzufangen. Die Atmosphäre dort sagte mir zu und ich beschloss einen beruflichen Neuanfang, den ich bis heute nicht bereut habe.

Haben Sie dafür eine weitere Ausbildung absolviert?

Ja, natürlich. Allerdings erfolgte die in kirchlichem Rahmen, was bis zur Wende ein Problem darstellte. Für staatliche Kindergärten galt diese Qualifikation nicht. Wie meine Kolleginnen erhielt ich die Anerkennung dafür erst nach der Vereinigung.

Die Rolle der Kirche in der DDR

Ähnlich wie die Verfassung der Bundesrepublik sicherte auch die Verfassung der DDR dem Einzelnen Glaubens- und Gewissenfreiheit zu. Doch während noch 1949 in der Verfassung der DDR den Kirchen das Recht eingeräumt wurde, zu Lebensfragen des Volkes Stellung zu beziehen, wurde dieses Recht in der revidierten Fassung von 1968 gestrichen. Längst hatte der Staat begonnen, den Handlungsspielraum der Kirchen einzuschränken - sie sollten aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. Dieser Politik blieb die SED-Führung treu, auch wenn sich im Verlauf von 40 Jahren Stil und Methoden änderten.

Wo lag denn der größte Unterschied zwischen den staatlichen und christlichen Kindergärten?

Zuerst natürlich in der religiösen Ausrichtung. Wir sprachen mit den Kindern über biblische Themen, bei der Spielzeugauswahl blieben Panzer und Pistolen vor der Tür. Ich glaube, das war vielen Eltern wichtig.

Also waren es hauptsächlich Christen, die ihren Nachwuchs zu Ihnen in den kirchlichen Kindergarten brachten?

Keinesfalls, wir standen allen offen. Selbst SED-Mitglieder und Polizisten kamen mit ihren Kindern zu uns. Oft konnten wir gar nicht alle aufnehmen, der Zuspruch war sehr groß.

Dabei war der Besuch der staatlichen Kindergärten kostenlos?

Ja, bei uns war es wesentlich teurer. Zwar mussten die Eltern fürs Essen der Kinder wie überall nur 35 Pfennig am Tag bezahlen, aber die Betreuung kostete extra, lag im Durchschnitt bei etwa 40 Mark pro Monat. Die Summe war von Kirchgemeinde zu Kirchgemeinde unterschiedlich und wurde auch sozial gestaffelt.

Griff der Staat denn nicht in Ihr Erziehungskonzept ein?

Eigentlich nicht. Wir wurden in Ruhe gelassen, man akzeptierte uns, warum auch immer.