"Herzlichen Glückwunsch zur Jugendweihe"

Anfang November 1954 erhielten die SED-Bezirks- und Kreisleitungen Post vom Zentralkomitee. In einer "Vertraulichen Verschlusssache" wurde die Einrichtung eines Zentralen Ausschusses für Jugendweihe und die Veröffentlichung eines Aufrufes zur republikweiten Durchführung der Weihen angekündigt. Im Vorfeld wurde das "parteimäßige Einwirken" geklärt: Örtliche Ausschüsse seien mit "einflussreichen und fachkundigen Genossen" zu besetzen, die Jugendweihen sollten jedoch nicht von der SED organisiert werden.

Ende November 1954 forderte der neugegründete Ausschuss dazu auf, "entsprechend einem allgemeinen Bedürfnis von Eltern und Schülern alljährlich in der DDR die in ganz Deutschland beliebten Jugendweihen durchzuführen." Gleichzeitig wurde in den Schulen massiv für die Teilnahme geworben. Dass es bei der staatlich propagierten Wiederbelebung der sozialdemokratischen Tradition um mehr ging, als "allgemeine Bedürfnisse" zu befriedigen, wurde spätestens mit der Rede Walter Ulbrichts zu Eröffnung des Jugendweihejahres 1958 deutlich. Alle Jugendlichen sollen an der Weihe teilnehmen, unabhängig davon, "in welcher Weltanschauung sie bisher erzogen wurden." In Anspielung auf christliche Lehren sprach Ulbricht in dieser Rede von "gewissen Hirngespinsten" und "überlebten, alten Glaubenssätzen."

Der Aufruf war bei den Kirchen auf starken Widerstand gestoßen. Sie erklärten das Gelöbnis der Jugendweihe auf die marxistisch-leninistische Weltanschauung als unvereinbar mit Konfirmation und Kommunion. Kritisiert wurde der atheistische und antikirchliche Charakter der Veranstaltung, die in ihrem Erscheinungsbild an die Konfirmation angelehnt war.

Die Werbung in den Schulen und die Drohung mit schulischen und beruflichen Nachteilen machte die formal freiwillige Jugendweihe praktisch zur Zwangsveranstaltung. Schon fünf Jahre nach der Einführung nahmen 80 Prozent der Schüler der 8. Klassen an den Weihen teil, in den siebziger und achtziger Jahren lag der Anteil bei durchschnittlich 90 Prozent des Jahrgangs. Die hohen Teilnehmerzahlen bedeuteten aber nicht, dass die Schüler das Gelöbnis auf den sozialistischen Staat tatsächlich verinnerlichten. Die meisten Eltern ließen ihre Kinder an den Jugendweihefeiern teilnehmen, damit ihre Kinder in der Ausbildung keine Nachteile in Kauf nehmen mussten.

Das Jugendweihe-Gelöbnis

Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: Ja, das geloben wir!

Seid ihr bereit, als treue Söhne und Töchter unseres Arbeiter- und Bauernstaates nach hoher Bildung und Kultur zu streben, Meister eures Faches zu werden, unentwegt zu lernen und all euer Wissen und Können für die Verwirklichung unserer großen humanistischen Ideale einzusetzen, so antwortet: Ja, das geloben wir!

Seid ihr bereit, als würdige Mitglieder der sozialistischen Gemeinschaft stets in kameradschaftlicher Zusammenarbeit, gegenseitiger Achtung und Hilfe zu handeln und euren Weg zum persönlichen Glück immer mit dem Kampf für das Glück des Volkes zu vereinen, so antwortet: Ja, das geloben wir!

Seid ihr bereit, als wahre Patrioten die feste Freundschaft mit der Sowjetunion weiter zu vertiefen, den Bruderbund mit den sozialistischen Ländern zu stärken, im Geiste proletarischen Internationalismus zu kämpfen, den Frieden zu schützen und den Sozialismus gegen jeden imperialistischen Angriff zu verteidigen, so antwortet: Ja, das geloben wir!

Wir haben euer Gelöbnis vernommen. Ihr habt euch ein hohes und edles Ziel gesetzt. Feierlich nehmen wir euch auf in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes, das unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei, einig im Willen und im Handeln, die entwickelte sozialistische Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik errichtet. Wir übertragen euch eine hohe Verantwortung. Jederzeit werden wir auch mit Rat und Tat helfen, die sozialistische Zukunft schöpferisch zu gestalten.

Jugendweihe-Gelöbnis