Tag des Kusses Wie die DDR die Welt küsste: Der sozialistische Bruderkuss

Der Bruderkuss war jahrzehntelang ein unverzichtbarer Teil des Begrüßungs- und Abschiedsrituals sozialistischer Politiker. Der Kuss sollte aller Welt verdeutlichen: Wir sind Brüder und halten zusammen. Dabei stammt das Ritual keineswegs aus der Arbeiterschaft, sondern hat vielmehr christliche Wurzeln.

Der Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker gehört zu den berühmtesten Motiven der East Side Gallery in Berlin.
Der Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker gehört zu den berühmtesten Motiven der East Side Gallery in Berlin. Bildrechte: imago images/Kosecki

Es ist das wohl berühmteste Gemälde der Berliner East Side Gallery: "Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben". Den Titel kennt allerdings kaum jemand. Für gewöhnlich heißt das Graffito des Moskauer Malers Dmitri Wrubel nur: Der Bruderkuss. Es zeigt Erich Honecker und Leonid Breschnew, die sich leidenschaftlich umarmen und küssen. Wrubels irritierendes Bild, das mittlerweile Kultstatus erreicht hat, ist die Reproduktion eines Fotos, aufgenommen während der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR in Ostberlin. Honecker und Breschnew hatten sich damals freilich nicht auf den Mund geküsst.

Der Bruderkuss: unverzichtbares Ritual unter Sozialisten

Tatsächlich aber war der Bruderkuss unverzichtbarer Teil des Begrüßungs- und Abschiedsrituals unter Sozialisten. Jahrzehntelang zeigte beispielsweise die "Aktuelle Kamera" beinahe jeden Abend Politiker aus sozialistischen Bruderländern, die sich auf Flughäfen umarmen und innig küssen. "Der sozialistische Bruderkuss sollte verdeutlichen: Wir gehören zusammen, wir sind Brüder, unser Verhältnis ist ungestört und friedlich", erzählt die Politikwissenschaftlerin Claudia Schimmel.

Erich Honecker und Leonid Iljitsch Breschnew begrüßen sich mit einem Bruderkuss anlässlich Breschnews Teilnahme an den Feiern zum 30. Geburtstag der DDR in Ost-Berlin
Erich Honecker und Leonid Iljitsch Breschnew begrüßen sich mit einem Bruderkuss anlässlich Breschnews Teilnahme an den Feiern zum 30. Geburtstag der DDR in Ost-Berlin. Bildrechte: imago images / Sven Simon

Bruderkuss basierte auf christlichen Ritualen

Der Bruderkuss war auf jeden Fall das perfekte Symbol für die Phrase von der unverbrüchlichen Freundschaft zwischen den sozialistischen Staaten. Er stammt aber keineswegs aus der Arbeiterschaft selbst, sondern hat vielmehr christliche Wurzeln. "Vom Bruderland ist das erste Mal in der Bibel die Rede. Der sozialistische Bruderkuss basiert auf Ritualen in der russisch-orthodoxen Kirche", weiß Claudia Schimmel. "In der Osternacht küssen sich alle Gläubigen links und rechts auf die Wange. Das ist der russisch-orthodoxe Osterkuss."

Bruderkuss zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker.
Bruderkuss zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker. Bildrechte: dpa

Die Revolutionäre küssten sich zuerst in Moskau

Dieser allen Russen bekannte Osterkuss, der gleichermaßen Freude, Brüderlichkeit und Gleichheit symbolisiert, gelangte über die Treffen der "Kommunistischen Internationale" in den 1920er Jahren in Moskau in die Arbeiterbewegung. Revolutionäre aus aller Welt kamen damals in die Sowjetunion, um den ersten sozialistischen Staat der Welt mit eigenen Augen zu sehen. Der Bruderkuss zur Begrüßung war ihr Erkennungszeichen. Eine Geste, aufgeladen mit Pathos, Hoffnung und Solidarität.

Stalin küsste nicht

Als Josef Stalin nach Lenins Tod 1924 die Macht übernahm, war es allerdings erst einmal vorbei mit Umarmungen und Bruderküssen. Stalin küsste nicht. Und er wollte auch nicht umarmt werden. Die Geschichte des sozialistischen Bruderkusses wurde erst Mitte der 1950er Jahre weitergeführt, als Nikita Chruschtschow nach Stalins Tod die Macht im Kreml übernahm. "Geküsst wurde erst wieder unter Chruschtschow, als er die sogenannte 'Tauwetterperiode' einleitete", sagt Claudia Schimmel. "Damit wollte der neue sowjetische Staatschef verdeutlichen: Wir Sozialisten sind alle gleich."

Verschiedene Kusstechniken

Diese Gleichheit zeigte sich unter anderem auch darin, dass jeder umarmen und küssen durfte wie er wollte. Es gab keine vorgegebenen Regeln. "Walter Ulbricht küsste mit viel Inbrunst links und rechts auf die Wange", fand Claudia Schimmel heraus. "Erich Honecker dagegen spitzte immer ganz fein die Lippen und küsste zart links und rechts auf die Wange."

Bruderküsse zwischen Erich Honecker und Michail Gorbatschow

Erich Honecker und Michail Gorbatschow besaßen ihre ganz eigene Bruderkuss-Geschichte. 1986 reiste der sowjetische Staats- und Parteichef zum XI. Parteitag der SED nach Ost-Berlin. Bei der Begrüßung auf dem Flughafen Schönefeld umarmten und küssten sich beide innig. Doch ihre Beziehung war alles andere als harmonisch. Gorbatschow wollte den Sozialismus reformieren und hielt auch die kommunistischen Parteien nicht mehr für unfehlbar. Honecker dagegen verweigerte sich allen Reformbestrebungen. Für ihn war die Partei nach wie vor das Maß aller Dinge. Auf das Begrüßungsritual mochten beide Staatschefs trotz aller Differenzen offenbar nicht verzichten. "Nur Gorbatschow hätte überhaupt die Möglichkeit gehabt, sich der Umarmung zu verweigern", meint Claudia Schimmel. "Honecker hätte das nicht gekonnt."

Drei Jahre später, zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989, besuchte Gorbatschow erneut die DDR. Die Rituale funktionierten erstaunlicherweise immer noch. Doch aus der Beziehung zwischen Gorbatschow und Honecker war unterdessen jedes Einvernehmen verschwunden. Gorbatschow wurde von den DDR-Bürgern als Hoffnungsträger bejubelt. Honecker dagegen, der eine Reformierung der DDR immer noch strikt ablehnte, war unbeliebt wie nie zuvor.

Letzter Bruderkuss zwischen Krenz und Gorbatschow

Die letzten innigen Brüderküsse tauschten Michail Gorbatschow und Egon Krenz aus, als der neue Staats- und Parteichef der DDR am 1. November 1989 nach Moskau reiste, um zu erfahren, was Gorbatschow mit der DDR vorhat. Gorbatschow teilte ihm ziemlich unverblümt mit, dass er die sozialistische DDR nicht mit militärischen Mitteln am Leben erhalten werde. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, griffen die sowjetischen Streitkräfte tatsächlich nicht ein.

Wrubels Liebesleid

Einige Monate später, im Frühjahr 1990, schuf Dmitri Wrubel dann sein Graffito an der Berliner Mauer: Breschnew und Honecker beim leidenschaftlichen Bruderkuss. Es war Ausdruck seines ganz persönlichen Liebesleids: Er konnte sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Brisant | 06.07.2019 | 17:38 Uhr