Krieg in der Ukraine Die Klitschkos - Eine Familie in ihrem schwersten Kampf

Vitali und Wladimir Klitschko kennen sich mit Kämpfen aus. Beide haben es im Boxring bis ganz an die Spitze geschafft und dabei so manchen Gegner auf die Bretter geschickt. In ihrem schwersten Kampf stehen die Brüder nun Seite an Seite: In Kiew verteidigen sie ihre ukrainische Heimat gegen die russischen Angriffe - wenn es sein muss auch an den Waffen. Vitalis Ehefrau Natalia unterstützt sie dabei von Hamburg aus.

Vitali Klitschko, Natalia Klitschko und Wladimir Klitschko, 2011
Vitali, Natalia und Wladimir Klitschko in glücklichen Tagen: bei der Premiere einer Klitschko-Dokumentation in Berlin im Jahr 2011. Bildrechte: dpa

Vitali und Wladimir Klitschko kämpfen weiter. Nicht mehr im Boxring, dafür jetzt in Kiew gegen die russischen Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt. Seit 2014 ist Vitali Klitschko - der ältere der beiden Brüder - Bürgermeister der Metropole mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern.

In diesen Tagen hat er die schwierige Aufgabe, die Menschen zugleich vor Luftangriffen zu warnen und ihnen Mut zuzusprechen. "Der Feind will das Herz unseres Landes erobern. Aber wir werden kämpfen und Kiew nicht aufgeben", schreibt der 50-Jährige im sozialen Netzwerk Telegram.

Emotionale Appelle an die Welt

Auch sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir, der Vitali äußerst ähnlich sieht, befindet sich in Kiew. Unter dem Eindruck der russischen Angriffe meldete er sich freiwillig für die Reserve-Armee seines Landes und weicht seinem Bruder seitdem nicht von der Seite. Auch Wladimir nutzt Social-Media-Videos, um emotionale Appelle in die Welt zu schicken und auch er zeigt sich dabei in militärischer Uniform.

Was beide neben der scharfen Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin aber am meisten eint: müde Gesichtszüge und eine ernste Miene. Das optisch auffälligste Unterscheidungsmerkmal ist, dass Wladimir zwischenzeitlich einen Drei-Tage-Bart hat und Vitali auch im Krieg glatt rasiert ist.

Vitali und Wladimir Klitschko
Vitali und Wladimir Klitschko wenden sich immer wieder mit Videobotschaften an ihre Landsleute und an die Welt. Bildrechte: dpa

"Sie kämpfen für ihre Heimat"

In dieser schweren Zeit komme den Klitschko-Brüdern auch ihre im Profi-Sport jahrelang trainierte Willensstärke zugute, meinen Experten und Wegbegleiter. "Was die beiden Jungs gerade für ihr Land tun, ist unbeschreiblich. Als mehrfache Millionäre könnten sie sich überall ein schönes Leben leisten, aber sie kämpfen im Krieg für ihre Heimat", sagt Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB).

Unterschiedliche Charakterzüge

Vitali und Wladimir seien sehr unterschiedliche Charaktere, meint Pütz: "Wladimir denkt viel nach, wägt ab, ist vorsichtig. Vitali dagegen legt den Schalter um und lässt sich nicht stoppen. Sein unbedingter Wille, seine mentale Kraft sind herausragend."

Auch sein einstiger, 2014 verstorbener Trainer und väterlicher Freund Fritz Sdunek sagte einmal über seinen Schützling: "Ich kenne Vitali genau. Wenn er etwas anfängt, bringt er es auch mit 100 Prozent zu Ende."

Klitschko-Brüder mit Trainer Fritz Sdunek zeigen Daumen nach einem WM-Kampf.
Die Klitschko-Brüder mit ihrem früheren Box-Trainer Fritz Sdunek. (Archiv) Bildrechte: dpa

Aus Kirgistan an die Box-Weltspitze

Vitali wurde 1971 als Sohn eines ukrainischen Luftwaffen-Obersts und einer Lehrerin im sowjetischen Kirgistan geboren, Wladimir 1976 in Kasachstan. Ihre Mutter Nadesha lebt heute in der Ukraine.

Als die beiden Boxer 1996 in Hamburg vorgestellt wurden, ging ein Raunen durch die versammelte Journalisten-Menge. Zwei Hünen - Vitali 2,01 Meter, Wladimir 1,98 Meter - gehörten fortan zum Hamburger Universum-Boxstall. Mit ihren K.o.-Siegen und Titeln mischten die Brüder die Schwergewichtsszene auf und dominierten sie über Jahre.

Vitali ist "der beste Schwergewichtler"

Vitali hatte im Vergleich zu seinem jüngeren Bruder nicht die elegante Technik, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit im Ring. Dafür war er seinem Bruder in der Schlagkraft überlegen. Von seinen 47 Profikämpfen gewann er 45 - und das mit einer sagenhaften K.o.-Quote von 87,23 Prozent. "Dr. Eisenfaust", wie Vitali Klitschko aufgrund seiner Schlaghärte genannt wurde, war WBO- und später WBC-Weltmeister.

Seinen größten Kampf bestritt er gegen den britischen Weltmeister Lennox Lewis im Juni 2003. Zwar verlor er in einem mitreißenden Duell durch technischen K.o. - aber möglicherweise nur, weil der Ringrichter den Kampf wegen eines stark blutenden Risses in Klitschkos Augenbereich abbrach. "Wenn er gesund ist, ist er der beste Schwergewichtler", sagte sein damaliger Promoter Klaus-Peter Kohl damals.

Profisportler mit politischen Ambitionen

Schon während seiner Zeit als Profisportler erwog Vitali einen späteren Einstieg in die ukrainische Politik, 2010 gründete er die Partei UDAR (Ukrainische demokratische Allianz für Reformen). Nach seinem erfolgreichen WM-Kampf im September 2012 gegen Manuel Charr dauerte es nicht mehr lange, bis der dreifache Vater das Boxen aufgab. "Wir haben einen tollen Sportsmann verloren. Aber die Ukraine hat eine super Politiker gewonnen", sagte BDB-Präsident Pütz damals bei Klitschkos Abschied.

Fragwürdige Verbindung zur Swoboda-Partei

2014 wurde Vitali Bürgermeister der Hauptstadt Kiew. Um die alte Führung loszuwerden, hatte sich Klitschko mit den Vertretern der antisemitisch und nationalistisch verorteten Swoboda-Partei verbündet - und das sorgte sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine für Kritik. 

Es sei schlicht nicht möglich, "alles sofort zu ändern, aber wir ändern schrittweise", entgegnete Klitschko seinerzeit den Kritikern. Sein politisches Kapital war damals, dass er unverdächtig ist, auf alte Seilschaften angewiesen zu sein: Sein gewaltiges Vermögen hat er im Sport gemacht und vor allem im Ausland. Seine Ehefrau Natalia und ihre drei Kinder leben nach wie vor in Hamburg.

Kämpft in Hamburg für ihre ukrainische Heimat: Natalia Klitschko

Seit fast 30 Jahren ist Natalia die Frau an Vitali Klitschkos Seite. Seit 1996 sind die beiden verheiratet, haben drei gemeinsame Kinder. Die beiden Erstgeborenen sind bereits erwachsen.

Wie Ehemann Vitali war auch Natalia ursprünglich Leistungssportlerin, feierte als Kunstschwimmerin Erfolge. Nach dem Ende der Schulzeit verdiente Natalia ihr Geld zunächst als Model. Zwar hegte sie schon damals den Wunsch, Sängerin zu werden, doch eine Gesangsausbildung konnten ihre Eltern nicht finanzieren.

Den Traum einer Gesangskarriere hat sich Natalia später trotzdem erfüllt: Im Jahr 2016 ist mit "Naked Soul" ihr erstes Album erschienen, auf dem vor allem Lieder in russischer und ukrainischer Sprache zu hören sind.

Neben ihrer Arbeit als Sängerin und Yoga-Lehrerin engagiert sich die dreifache Mutter ehrenamtlich im Stiftungsbeirat der Leon Heart Foundation for Kids für benachteiligte Kinder und Jugendliche in osteuropäischen Ländern.

Natalia Klitschko spricht bei einer Kundgebung.
Vitalis Frau Natalia bei einer Ukraine-Kundgebung in Hamburg. (Archiv) Bildrechte: dpa

Großes Engagement zeigt die 48-Jährige auch im Ukraine-Krieg. Während ihr Mann und ein großer Teil ihrer Familie in Kiew sind, informiert sie von Hamburg aus über die Lage in ihrer Heimat. Bei einer Großkundgebung sprach Natalia gemeinsam mit Iryna Tybinka, der ukrainischen Generalkonsulin in Hamburg, zu den Demonstranten und bat um Unterstützung für die Ukraine. Zuletzt nutzte sie ihr Gesangstalent für ein Solidaritätskonzert in der Hamburger Staatsoper.

Die Klitschkos auf der Todesliste

Derzeit befinden sich die Klitschko-Brüder gemeinsam in Kiew, beschützt von Spezialkräften. Das ist nötig, denn beide sollen neben Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj ganz oben auf russischen Todesliste stehen. Jeder Mann sei stolz darauf, für die Zukunft seiner Familie sterben zu können, sagte Vitali Klitschko jüngst in einer seiner Ansprache. "Dieser sinnlose Krieg wird keine Sieger hervorbringen, aber Verlierer. Doch zusammen sind wir stark", heißt es in einer gemeinsamen Videobotschaft der Brüder.

"Vitali in seinem Amt als Bürgermeister ist für mich zur Zeit ein Übermensch. Es geht um Leben und Tod. Ich bewundere seine Haltung und sein Engagement zutiefst. Das ist viel, viel größer als das, was er im Boxring erreicht hat", sagt BDB-Präsident Pütz.


(BRISANT/ten/dpa)

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 14. März 2022 | 17:15 Uhr

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