Tragödie auf dem Mittelmeer Lebende Rinder seit zwei Monaten auf Transportschiff eingepfercht

Im weltweiten Handel mit Rindern nimmt Spanien eine Schlüsselstellung ein. Nur wenige Wochen alte Kälber aus der gesamten EU werden regelmäßig nach Katalonien gebracht, um dort gemästet zu werden. Anschließend werden sie als Jungbullen unter anderem in den Nahen Osten verbracht - per Schiff. Auf solchen Schiffen herrschen aktuell katastrophale Zustände für die Tiere. Tierschutzorganisationen schlagen Alarm.

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Blick auf das Tiertransportschiff "Karim Allah". (Archiv) Bildrechte: Südwestrundfunk

Zwei Tiertransportschiffe mit mehr als 2.500 Rindern an Bord liegen derzeit vor der Küste Zyperns fest bzw. kreuzen jetzt im westlichen Mittelmeer. Die Schiffe sind bereits wochenlang mit den Rindern unterwegs. Bei den Tieren handelt es sich um in Spanien gemästete Bullen, die in die Türkei bzw. nach Libyen verschifft werden sollten. Die Tiere sind an der Blauzungenkrankheit erkrankt und dürfen deshalb vorerst die Schiffe nicht verlassen, so die Anordnung der zuständigen Veterinärbehörden. Wie es mit den Bullen weitergehen soll, ist derzeit ungewiss. Inzwischen versucht die internationale Tierrechtsorganisation "Animal Welfare Foundation" eine Abladung der Rinder zu erwirken.

Rinder an Blauzungenkrankheit erkrankt

Die Reise des ersten Schiffs "Karim Allah" begann am 18. Dezember im spanischen Hafen Cartagena. 895 Rinder waren dort aufgeladen worden und sollten nach Iskenderun in der Türkei gebracht werden. Doch dort ist das Schiff nie angekommen. Noch auf hoher See änderte es den Kurs und fuhr nach Recherchen des SWR und der "Animal Welfare Fundation" in den Hafen von Tripolis in Libyen. Dort inspizierten Veterinäre das Schiff, begutachteten die Tiere und stellten schließlich fest, dass die Rinder an der Blauzungenkrankheit erkrankt waren. Die Krankheit ist auf den Menschen nicht übertragbar.

Kranke Rinder dürfen nicht abgeladen werden

Das Abladen der Tiere wurde verweigert und seither fährt das Schiff durch das östliche Mittelmeer auf der Suche nach einem Hafen, der die Rinder aufnimmt. Von Tripolis fuhr es zunächst weiter nach Bizerte in Tunesien, von dort nach Augusta (Sizilien) und lag bis Sonntagfrüh (21.02.) vor der Küste Sardiniens, vor dem Hafen von Cagliari. Die Hafenbehörden prüften den Fall. Doch als die Inspekteure am Sonntag zu dem vor der Küste liegenden Schiff zurückehren wollten, war es verschwunden. Dienstagabend (22.02.) tauchte es vor der Küste Spaniens erneut auf, wo es derzeit vor Anker liegt. Rund 100 Tiere, so ist aus Tierschutzkreisen zu erfahren, sollen an Bord des Schiffs bereits verendet sein.

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Auf Schiffen wie der "Karim Allah" spielen sich Tragödien für die geladenen Rinder ab. (Archiv) Bildrechte: Südwestrundfunk

Bei einem zweiten Schiff, der "Elbeik", liegt der Fall ähnlich. Dieses Tiertransportschiff verließ den Hafen von Tarragona in Spanien am 10. Januar mit 1.776 Rindern an Bord in Richtung Tripoli (Libyen). Dort durfte es ebenfalls wegen der festgestellten Blauzungenkrankheit nicht entladen werden. Das Schiff fuhr am 25. Januar weiter zur italienischen Insel Lampedusa, dann nach Alexandria (Ägypten) und liegt nun mit den Tieren an Bord vor der zyprischen Küste. Auch hier entscheiden jetzt die Behörden, wie es weitergeht.  

"Animal Welfare Foundation" hinterfragt Transportmethoden

Aus Sicht der "Animal Welfare Foundation" werfen die beiden Fälle ein Licht auf die generelle Fragwürdigkeit dieser Art der Tiertransporte. Die Rinder werden zunächst im Alter von zwei bis drei Wochen ihren Muttertieren weggenommen, dann häufig per LkW mehr als 20 Stunden aus Deutschland und anderen Ländern nach Nordspanien gebracht. Tierrechtsexperten halten bereits diese Art der Transporte für rechtswidrig, denn um diese genehmigt zu bekommen, verschleiern Spediteure in den Begleitpapieren die wahren Bestimmungsorte der Tiere. Der Grund:  Es gibt für lange Kälbertransporte keine geeigneten Fahrzeuge. Die jungen Tiere können während der Fahrt nicht ausreichend versorgt werden. In Nordspanien werden die Tiere etwa ein dreiviertel Jahr lang gemästet und dann u.a. per Schiff in den Nahen Osten oder andere arabische Staaten transportiert. Endstation sind häufig arabische Schlachthöfe, in denen die Tiere auf brutale Weise betäubungslos geschächtet werden.

Miserable Zustände auf Transportschiffen

Eines der Transportschiffe ist die "Karim Allah", die derzeit vor erneut vor der spanischen Küste vor Anker liegt und das regelmäßig Tiere auch aus Deutschland von Spanien in den Nahen Osten bringt. Die "Karim Allah" wurde 1965 gebaut, war zunächst als Autofähre zugelassen und wurde später zum Tiertransportschiff umgebaut. 2016 hatten Aktivisten der Tierrechtsorganisation "Animal Welfare Foundation" die Chance auf das Schiff zu kommen. Ihr Fazit nach der Besichtigung: "Es sollte eigentlich keine Zulassung haben für den Transport von Tieren. Es gibt überall Verletzungsgefahren. Die Rampen sind steil, das Design ist überhaupt nicht für Tiere gemacht. Wenn die Tiere ins Schiff laufen, müssen sie gleich steile Rampen runter. Es sind Stellen, wo die Tiere nicht weiter gehen, werden dann mit Elektrotreibern gepeinigt. Das Schiff hat ein Deck, da kann noch nicht mal eine Person aufrecht gehen, da werden regelmäßig Kälber geladen, das geht eigentlich gar nicht. Die Tiere könne auf diesem schmalen Deck gar nicht versorgt werden." Bildmaterial, das dem SWR vorliegt, zeigt, dass tote Tiere regelmäßig über Bord geworfen werden.

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Heu auf dem Deck der "Karim Allah". (Archiv) Bildrechte: Südwestrundfunk

Untersuchungen der Europäischen Kommission bestätigen die Missstände. Bei mehreren Überprüfungen 2019 Jahr wurden gravierende Mängel auf diesem und anderen Schiffen festgestellt. Im Prüfbericht heißt es wörtlich: "…das Tränkesystem war defekt, die Futtertröge waren leer, die Rinder waren schwach und untergewichtig, sie waren verschmutzt mit Urin und Fäkalien, das Belüftungssystem hat in Teilbereichen nicht so funktioniert wie es sollte…"

Transport auf solchen Schiffen rechtswidrig

Auch Tierrechtsexperten wie der Mannheimer Strafrechtler Prof. Jens Bülte sehen diese Art der Tiertransporte auf dafür ungeeigneten Schiffen kritisch: "Es gibt für den Transport von Tieren mit Schiffen Extra-Vorgaben in der europäischen Tiertransportverordnung und wenn die Schiffe dem nicht entsprechen, dann ist der Transport mit einem solchen Schiff rechtswidrig."

Vorwürfe gegen Kapitän der "Karim Allah"

Iris Baumgärtner von der "Animal Welfare Foundation" erhebt schwere Vorwürfe gegen den Kapitän der "Karim Allah". Dieser habe trotz des Auftretens der Blauzungenkrankheit an Bord versucht, die Tiere zu verkaufen. Das Tierleid an Bord des Schiffes hätte er in Kauf genommen. Wie die spanischen Behörden jetzt mit dem Schiff und ihrer Ladung verfahren, ist noch ungewiss. Wahrscheinlich werden die kranken Tiere entladen und vor Ort notgetötet. Die "Animal Welfare Foundation" fordert inzwischen, den Eignern beider Schiffe die Lizenz zu entziehen.

swr

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. Februar 2021 | 17:15 Uhr

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